Bürgerrat Klima: Politikberatung mitten aus der Gesellschaft | Wissen & Umwelt | DW | 07.06.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Wissen & Umwelt

Bürgerrat Klima: Politikberatung mitten aus der Gesellschaft

Noch bis Ende Juni beraten Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft im Bürgerrat Klima über Empfehlungen an die Bundesregierung. Ein Pilotprojekt mit politischer Sprengkraft. DW hat mit zwei Teilnehmern gesprochen.

Thema Bürgerrat Klima 2021 Christiane Dienel

Erste Sitzung des Bürgerrats mit Moderatorin Christiane Dienel am 26.04.2021

"Ich bin ein Klimasünder, das muss ich persönlich zugeben," sagt Adnan Arslan mit einem Lächeln. Der 32-jährige Fertigungssteuerer aus Velbert bei Düsseldorf fährt selbst kürzeste Wege mit dem Auto: die 3,5 Km zur Arbeit oder den Weg zum Supermarkt, egal. Das könnte sich aber bald ändern. 

Arslan ist beim Bürgerrat Klima dabei, einem Experiment in partizipativer Demokratie. Der Bürgerrat erarbeitet derzeit Empfehlungen an die Bundesregierung, wie Deutschland seine selbst gesteckten Klimaziele erreichen und doch noch bis 2050 klimaneutral sein könnte

Seit dem Start der Aktion im April hat sich Arslans Einstellung zum Thema Klimawandel "um 180 Grad gewendet," so der Autofan. "Ich habe auch mit meiner Frau gesprochen. Jetzt überlege ich, okay, könnte man sich ein Fahrrad, vielleicht E-Bike anlegen? Man fängt an, sich Gedanken zu machen, vorher war das nicht so."

Adnan Arslan steht auf einem Balkon, hinter ihm ein Sonnenuntergang mit Wasser. Bügerrat Klima 2021 | Adnan Arslan

Adnan Arslan hätte nicht gedacht, dass er sich mal mit Klimapolitik beschäftigen würde.

Klima-Demokratie: Arslan dachte an "Abo-Falle"

Adnan Arslan ist einer von 160 Teilnehmern im Bürgerrat. Ausgewählt wurden alle durch ein Losverfahren und anhand demografischer Daten, wie Alter, Bildungsstand, Herkunft nach Bundesland oder Migrationshintergrund. Die Idee: Deutschland proportional im Kleinen abzubilden. Ob Postbote oder Rentnerin, Selbständiger, Fleischesserin oder Vegetarier, Bahnfan oder BMW-Fahrerin: in den Diskussionsgruppen treffen sich "Menschen aus jeder Schicht" sagt Arslan.

Hörst Köhler steht an einem Pult und spricht

Bundespräsident a.D. Horst Köhler spricht in der ersten Sitzung des Rates zu den Teilnehmern.

Politische Einstellungen spielten bei der Auswahl keine Rolle. Arslan selbst hatte sich vorher gar nicht für Klimafragen interessiert. Den Anruf zur Teilnahme hielt er zunächst sogar für Abzocke. "Ganz ehrlich, im ersten Moment dachte ich, das ist eine Abo-Falle oder sowas. Von 80 Millionen soll ich unter den 160 sein, die sie zufällig aussuchen? Das habe ich nicht geglaubt." 

Doch er merkte schnell, "da geht es um was, da ist die Politik involviert", sagt er . "Ich fand das cool und wollte dann auch wirklich mitmachen."

"Was habe ich denn schon zu sagen?"

Auch Ulrike Böhm (46), Produktfotografin aus Bayern, war zuerst skeptisch, als die Einladung zum Bürgerrat kam. "Die Idee, einen Empfehlungskatalog an die Bundesregierung mit 160 Menschen zu diskutieren, fand ich irgendwie ganz furchtbar. Weil ich dachte, was habe ich denn da schon zu sagen?".

In ihrer Schulzeit hatte Böhm eine Flugblattaktion und einen Sitzstreik für vegetarisches Essen in der Schulkantine mitorganisiert. Heute beschreibt sie sich als jemanden, der in der "breiten Masse mitgeschwommen ist".  Zwar versuche sie, in Sachen Konsum nicht die "größte aller Drecksäue" zu sein, aber das immer auf einem bequemen Niveau, sagt sie.

"Bürgerbeteiligung sehe ich wirklich als ganz großes Thema. Weil unsere Gesellschaft auch häufig nach dem Motto 'Na, die da oben machen ja sowieso, was sie wollen! funktioniert. Das ist auf jeden Fall eine super Möglichkeit, um die Menschen mehr einzubinden," findet Böhm. Sie und Adnan Arslan sind inzwischen sehr engagiert bei den Diskussionen dabei. 

Ulrike Böhm, Teilnehmerin des Bürgerrats Klima 2021 steht auf einer Brücke.

Ulrike Böhm würde immer wieder mitmachen. Egal, was beim Bürgerrat am Ende herauskommt.

Viele unterschiedliche Interessen

In zwölf Sitzungen beraten die Teilnehmer bis Ende Juni per Videoschalte über die Themen Energie, Mobilität, Klima und Bau, sowie die Produktion und den Konsum von Lebensmitteln. Ebenso divers wie die Themen sind auch die Perspektiven im Bürgerrrat auf die Kernfrage, wie sich Klimaschutz sozial, ökologisch und wirtschaftlich verträglich gestalten lässt.

 "Der eine fährt mit der Bahn zu der Arbeit, der sagt, Bahntickets werden teurer, obwohl die Politik möchte, dass er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommt. Und der andere sagt, ich fahre gerne mit meinen 200PS-BMW. Darauf will ich nicht verzichten," sagt Arslan und ergänzt: "Ich bin überrascht, wie sich die Leute da wirklich aktiv Gedanken machen, wie das abgeht."

Der Bürgerrat wird von Experten aus der Wissenschaft begleitet. Sie halten Vorträge, geben Informationen und stehen für Fragen zur Verfügung. "Der Input ist enorm. Mein Hintergrundwissen hat sich in den letzten Wochen vervielfacht", so Böhm.

Die Crew des Bürgerrat-Studios steht vor Tafeln in eime TV Studio.

Aus dem Studio des Bürger-Rates werden die Diskussionen und Vorträge moderiert.

Ob eine höhere CO2-Steuer, Subventionen für E-Autos oder Solarenergie, Anreize für weniger Fleischkonsum und für nachhaltigeren Landwirtschaft- wie genau die Empfehlungen an die Bundesregierung konkret aussehen werden, ist noch völlig offen. Der Prozess ist in vollem Gange. Ganz klar ist für Ulrike Böhm aber schon jetzt, dass es extrem viele unterschiedliche Interessen gibt, "und die haben natürlich bis zu einem gewissen Grad alle ihre Berechtigung", sagt sie. Das Spannende und gleichzeitig die größte Herausforderung sei es nun, in der Gruppe eine Lösung zu finden, mit der alle leben können.

Video ansehen 06:50

Warum Deutschland nicht so grün ist, wie Sie denken!

 "Das ist einmalig in unserer Familie"

Adnan Arslan spricht mit einigen Bürgerrats-Kollegen inzwischen auch über Privates. Während der Corona-Pandemie in eine Gruppe mit fremden Menschen hineingeworfen zu werden und sich auszutauschen sei für ihn sensationell, findet er. Den Sohn türkischer Eltern macht es stolz bei dem bundesweiten Experiment dabei zu sein.

"Wir haben im Hochhaus gelebt. Meine Nachbarn waren arabischer oder türkischer Abstammung. Deutsche Freunde konnten wir gar nicht viele haben, weil nicht viele da waren. Ich hätte niemals gedacht, dass ich bei so etwas mitmachen darf. Allein beim Wählen, wir durften nicht mitwählen. Und jetzt dabei zu sein, das ist schon auch einmalig in unserer Familie", sagt Arslan.

Ende Juni werden die Empfehlungen des Bürgerrats Klima beschlossen und im September noch vor der Bundestagswahl an die Regierung übergeben.  Die Erwartungen der Teilnehmer an die Politik sind hoch. "Ich erwarte jetzt nicht, dass meine Empfehlungen Eins-zu-eins übernommen werden. Aber ich denke, dass eine demokratische Gesellschaft tatsächlich auch ganz stark nach dem Prinzip funktionieren muss, dass die Stimmen oder die Wünsche der Gesellschaft auch gehört werden und sich dann auch entsprechend danach gerichtet wird", sagt Ulrike Böhme.

Unabhängig von den großen politischen Entscheidungen, durch die vielen Vorträge der Klimaexperten und Diskussionsrunden hat sich bei Adnan Arslan persönlich beim Thema Klimaschutz schon einiges verändert. "Am meisten beeindruckt hat mich, wie viel man selbst wirklich dazu beitragen könnte, wenn man sich mit dem Thema befasst. Allein schon, wenn man im Freundeskreis auf einige Sachen aufmerksam machen würde - es sind wirklich Kleinigkeiten - wie viel man eigentlich bewegen kann."

Video ansehen 05:01

Sechs Dörfern droht Braunkohlebagger

 

 

 

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde fälschlicherweise "Fellbach" als Wohnort von Adnan Arslan angegeben.

Audio und Video zum Thema