Klimawandel: Ein Dorf fällt ins Meer | Wissen & Umwelt | DW | 14.09.2015
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Wissen & Umwelt

Klimawandel: Ein Dorf fällt ins Meer

Die Arktis ist von der Erderwärmung besonders betroffen. Im Küstendorf Kivalina in Alaska bedrohen Erosion und rückläufiger Fischfang die Existenz der Bewohner. Sie wollen deshalb woanders ein neues Dorf gründen.

Stanley Hawley hockt auf einem der künstlich aufgetürmten Felsblöcke, genau dort, wo bald nur noch Meer und Wellen sein könnten. "Mit diesem Schutzwall haben wir uns etwas Zeit gekauft", sagt der Stammesadministrator aus Kivalina und zeigt auf die mehrere hundert Meter lange Felsbarrikade. Heute ist es ruhig in dem Dorf im US-Bundesstaat Alaska, die Wellen kräuseln sich sanft den Sandstrand hinauf und plätschern gegen die Felsen.

Das Meer rückt näher

Doch die Menschen in den angrenzenden Häusern schlafen unruhiger als früher, vor allem, wenn die Herbst- und Winterstürme mit voller Wucht gegen die Küste prallen. Einige Häuser mussten bereits aufgegeben werden, erzählt Hawley, dessen Familie zu den großen Clans in Kivalina zählt. Die Menschen wissen, dass der Wall aus Felsblöcken nur vorübergehend Schutz bietet.

Felsblöcke an der Küste in Kivalina (Foto: DW/G. Schließ)

"Haben uns Zeit erkauft" - Schutzwall gegen die Erosion.

Der Klimaforscher Scott Rupp von der Universität Alaska sagt, dass viele Küstenregionen Alaskas aufgrund des Erosionsprozesses "wirklich substanzielle Landverluste" zu beklagen haben.

Beschleunigte Erosion

Schon beim Anflug auf Kivalina wird das ganze Dilemma der Menschen hier sichtbar: Nur auf einer schmalen Landzunge liegt ihr Dorf, fast vollständig von Wasser umgeben. Für den sich beschleunigenden Erosionsprozess macht Scott den Klimawandel verantwortlich. Seit es wärmer geworden ist und das Eis vor der Küste schneller schmilzt, ist das Dorf den Stürmen des Ozeans fast schutzlos ausgeliefert. Die Folge: Das Meer kommt immer näher an die Häuser heran. "Orte wie Kivalina sind in einer schlimmen Lage. Sie müssen etwas unternehmen, denn sie fallen förmlich in den Ozean", so Rupp.

Menschen und Häuser gefährdet

Austin Swan, der Bürgermeister von Kivalina, hat eine Karte mit an den Strand gebracht. "Wir haben hier um die 100 Fuß verloren", erklärt er und zeigt auf eine braun gefärbte Fläche, die einen längeren Streifen aus Sand und Geröll kennzeichnet. "Und da drüben im Südosten des Dorfes haben wir bis zu 250 Fuß verloren." Das sei "viel zu viel in zwei Jahren", sagt er im Gespräch mit der Deutschen Welle. Die Klinik und einige Privathäuser seien gefährdet.

Kivalina war immer abhängig vom Eis auf dem Ozean, es sei der natürliche Schutz vor Erosion, erklärt der Bürgermeister. Das Eis bilde sich aber nicht mehr im Oktober, wie es früher war, sondern erst im Januar oder Februar. "Das ist nicht gut für uns", sagt der Bürgermeister. "Der Ozean lässt uns keine Chance", stellt er resigniert fest.

Austin Swan, Bürgermeister von Kivalina (Foto: DW/G. Schließ)

Austin Swan, Bürgermeister von Kivalina, ist noch optimistisch

Mehr als 400 Menschen leben in Kivalina. Sie gehören zur Volksgruppe der Inupiat und sind seit mehr als 100 Jahren auf der Insel. Viele wohnen auf beengtem Raum und unter schwierigen Lebensbedingungen. Die meisten Häuser haben kein fließendes Wasser, in einigen leben bis zu 20 Familienmitglieder.

Letzter Wal vor 20 Jahren

Seit Generationen ernähren sie sich vom Fischfang, erlegen Robben und gigantische Wale. Seit sich das Wetter in Kivalina geändert hat, haben sie aber nicht mehr genug in ihren Netzen, erzählt Reppy Swan auf einer morgendlichen Fischfangtour. Seit über 20 Jahren wurde kein großer Wal mehr gefangen. Und auch die Robben sind weggeblieben, denn das Eis, auf dem sie sich früher aufgehalten haben, war in diesem Winter plötzlich schnell verschwunden. "Alle waren geschockt, dass das Eis nicht zurückgekommen ist", erzählt Reppi. In diesem Winter hätten sie deswegen nur wenige Robben gefangen. "Das ist nicht genug", sagt er mit Blick auf die mehr als 50-köpfige Großfamilie, für die er und seine Frau jagen.

Umzugspläne

Schon in der Vergangenheit haben die Einwohner von Kivalina Sturmfluten und Schneekatastrophen überstanden. Doch diesmal ist es anders. Die Lebensgrundlagen scheinen unaufhaltsam wegzubrechen. So lange wollen viele Familien nicht warten. Für sie ist kaum denkbar, dass sie hier auf Dauer bleiben können, auch wenn ihr Herz an diesem Fleckchen Erde hängt.

Pläne für einen Umzug des Dorfes werden schon seit Jahrzehnten diskutiert, zunächst ausgelöst durch den schieren Platzmangel für eine sich stark vermehrende Bevölkerung. Doch dann kamen die Auswirkungen des Klimawandels dazu. "Ich habe das schon so lange gemacht. Es fühlt sich an als würde es ewig so weitergehen", stöhnt Reppis Schwester Coleen, die im Dorf seit vielen Jahren die Umzugspläne vorantreibt. "Wir haben viel recherchiert und haben wirklich alle Informationen, die wir brauchen, um umzuziehen", bekräftigt sie.

Das gelte auch für die möglichen neuen Orte, die allesamt wenige Meilen entfernt vom heutigen Kivalina liegen. Dennoch geht es nicht weiter mit dem Umzugsprojekt: "Ich habe die Nase voll von der Regierung und ihrer Bürokratie", benennt sie die aus ihrer Sicht Verantwortlichen für den Stillstand. Mehr als 100 Millionen Dollar würde der Umzug wohl kosten, heißt es groben Schätzungen zufolge.

Kein Staatsgeld für Klimaopfer?

Viel Geld für 400 Menschen, sagen manche - zumal in einem US-Bundesstaat, in dem sinkende Öleinnahmen tiefe Löcher in den Haushalt gerissen haben. Auch Alaskas Gouverneur Bill Walker hat vor kurzem bei einem Besuch in Kivalina keine Zusagen gemacht.

Die Dorfbewohner haben dafür kein Verständnis. Sie sehen sich durch den Klimawandel geschädigt und demzufolge den Staat in der Pflicht. Colleen Swan hat ihre Hoffnung auf Staatshilfe dagegen aufgegeben und setzt auf private Investoren. Mit einigen ist sie im Gespräch, freilich noch ohne konkrete Ergebnisse.

Einwohner von Kivalina (Foto: DW/G. Schließ)

Für die meisten Einwohner liegt die Zukunft nicht in Kivalina. Sie planen ihren Wegzug

Falls das alles nicht funktioniert, bleibe nur noch eine einzige Möglichkeit: auf dem neuen Dorfareal ein provisorisches Lager aufzuschlagen und sich damit eine gesetzliche Regelung zunutze zu machen. "Wenn wir ein Lager aufbauen und sicherstellen, dass 25 Schüler da sind, dann muss der Staat eine Schule eröffnen und auch die anderen Regierungsagenturen müssen ihre Dienste anbieten", bezieht sie sich auf unmissverständliche gesetzliche Vorgaben. "Ich bin fest entschlossen, das durchzuziehen", sagt sie der Deutschen Welle.

"Wir werden einen Weg finden"

Nicht alle in Kivalina sind so pessimistisch wie Colleen. Der Bürgermeister zählt zu denen, die hin- und hergerissen sind. Er glaubt, dass es seine Leute am Ende schaffen - egal ob sie umziehen müssen oder vielleicht doch noch in Kivalina bleiben können. "Wenn es gut läuft für uns mit dem Klimawandel, dann geht das Leben hier weiter. Wenn es nicht gut läuft, werden wir einen Weg finden, damit zurechtzukommen".

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