Klimaschutz verändert die Sprache | Deutschlehrer-Info | DW | 19.12.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschlehrer-Info

Klimaschutz verändert die Sprache

Der Klimawandel ist in aller Munde, die sozialen Medien sind allgegenwärtig. Kein Wunder, dass dazu im Alltag neue Wortschöpfungen entstehen. Sie werden regelmäßig im Neologismenwörterbuch veröffentlicht.

Hätte man vor einem Jahr jemanden gefragt, was sich hinter dem Begriff „Flugscham“ verbirgt, hätte man ein ratloses Achselzucken als Antwort bekommen. Heute findet man das Wort sogar im Neologismenwörterbuch des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim, denn die Diskussion um Klima- und Umweltschutz schlägt sich auch in der Sprache nieder. Wenn sich Fliegen in Zeiten der Erderwärmung also nicht gut anfühlt, drückt sich das in der „Flugscham“ aus – nach Lesart der Mannheimer Linguisten ein „unangenehm quälendes Gefühl, das man wegen des hohen CO2-Ausstoßes beim Fliegen empfindet beziehungsweise empfinden sollte“.

Die Sprache und ihre Neubildungen verraten viel über den Zustand einer Gesellschaft. Seit den 1990er-Jahren sind im Deutschen mehr als 2000 Wörter hinzugekommen. Den zuletzt starken Schwerpunkt auf Wörtern aus dem Umweltbereich erklärt IDS-Chef Henning Lobin damit, dass die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel eine neue, sehr persönliche Qualität erreicht habe. „Das Thema erfasst sehr viele Bereiche des Alltags, wir fragen, was wir gegen Klimawandel tun können, wie wir im Kleinen Einfluss auf die Zukunft nehmen können.“

Mit dem „E-Scooter“ zum „Unverpacktladen“

Wer also Flugscham empfindet und sich lieber am Boden zu Fuß bewegen will, kann das Sportliche mit dem ökologisch Nützlichen verbinden – zum Beispiel beim „Plogging“. Der Dauerlauf mit Tüte setzt sich aus Jogging und „plocka“ (Schwedisch für „sammeln“) zusammen. Im Wörterbuch findet man jetzt auch den „Elektrotretroller“, besser bekannt als E-Scooter. Den kann man nutzen, um zum „Unverpacktladen“ zu fahren, wo Lebensmittel und andere Waren lose angeboten werden. Dort könnte der umweltbewusste Einkäufer sich Produkte des „Urban Farming“ besorgen: Das ist Gemüse oder Obst aus Anbau auf städtischen Flächen oder Hausdächern.

Vier Leute stehen neben Pflanzen auf einer Terrasse, im Hintergrund Häuser (DW/Karin Jäger)

Beim Urban Farming kommen sich Nachbarn näher


Den Experten zufolge kommen viele Wortkreationen auch aus den Sozialen Medien. Ein „Smombie“ oder „Handyzombie“ bezeichnet laut Wörterbuch eine Person, die so vertieft auf ihr Smartphone starrt, dass sie von  ihrer Umgebung nichts wahrnimmt. Dagegen geht es beim „Digital Detox“ (digitale Entgiftung) darum, bewusst auch mal eine Auszeit vom Smartphone zu nehmen – ein Trend, der immer mehr um sich greift.

Wortschöpfungen aus der Beamtenwelt und der Medizin

Auch die Flüchtlingsdebatte ist nicht spurlos an der Sprache vorübergegangen. Der Behörden-Begriff „Ankerzentrum“ bezeichnet ein Zentrum für „Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung bzw. Rückführung“ von Flüchtlingen. Dort sollen alle zuständigen Behörden vertreten sein, um Asylverfahren zu beschleunigen.

Und aus der Medizin hat der „Zungenschrittmacher“ Eingang ins Wörterbuch gefunden – ein bei Schlafapnoe und Schnarchen implantiertes Gerät, das durch elektrische Impulse den Zungenmuskel stimuliert, so dass die Atemwege nicht mehr verschlossen sind.

suc/ip (mit dpa/epd) 

Die Redaktion empfiehlt