Was wollen die Deutschen beim Klimaschutz? | Wissen & Umwelt | DW | 22.08.2019
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Wissen & Umwelt

Was wollen die Deutschen beim Klimaschutz?

Viele Bürger sind der Meinung: Es passiert zu wenig in Richtung Klima- und Umweltschutz. Laut Umfragen gibt es viel Rückenwind für einen Wechsel. Was sollte sich ändern?

Deutschland Aachen | Demonstration Fridays for Future (DW/G. Rueter)

Schüler und Eltern demonstrieren in Aachen für andere Politik

Fridays for Future mobilisiert jede Woche für den Klimaschutz. Bei vielen Bürgern genießt die Bewegung Sympathie und trifft die Stimmungslage.

Laut Umfragen will eine große Mehrheit der Bürger einen grundlegenden Politikwechsel beim Klima- und Umweltschutz. Der Ausbau der erneuerbaren Energien solle beschleunigt werden und eine Wende in der Verkehrs- und Agrarpolitik wird gewünscht. Aktuelle Umfragen zeigen die Trends.

1.   Rückenwind aus der Gesellschaft

Beim Klimaschutz sehen 81 Prozent der Bürger laut ARD-DeutschlandTrend sehr großen Handlungsbedarf. Nur 17 Prozent sehen hier weniger oder gar keine Notwendigkeit.

Für den Kohleausstieg hat die Bundesregierung eine Kommission eingesetzt. Diese schlug im Januar vor, dass Deutschland bis spätestens 2038 aus der Kohlekraft aussteigen soll. Laut einer kurz danach veröffentlichten Umfrage von Trendbarometer für die Sender RTL/n-tv befürwortet gut ein Viertel der Bürger den erzielten Kompromiss. 14 Prozent hielten das Ausstiegsdatum für zu früh und rund die Hälfte der Befragten für zu spät.

Die Zustimmung zur Energiewende, für den Ausbau der erneuerbaren Energien ist in Deutschland seit Jahren grundsätzlich sehr hoch. 92 Prozent der Bevölkerung befürworten laut der aktuellen Umweltbewusstseinsstudie vom Bundesumweltministerium (BMU) und Umweltbundesamt (UBA) den Ausbau von Sonnen- und Windkraft und den Ausstieg aus der Atomenergie (79 Prozent).

Laut BMU/UBA-Studie finden über 80 Prozent der Deutschen, dass die Bundesregierung nicht genug für den Klima- und Umweltschutz tut und die Energiewende zu langsam vorangetrieben wird. Noch schlechter ist nur noch die Meinung über die heimische Industrie: 92 Prozent sagen, dass die Industrie zu wenig für den Umwelt- und Klimaschutz tut.

Infografik Umfrage Klimaschutz DE

2.   Bürger wollen andere Verkehrspolitik

Sehr unzufrieden zeigen sich die Bürger auch über die Verkehrspolitik der Bundesregierung. Durch Dieselskandal und Luftverschmutzung in den Städten rücken Autokonzerne und Regierung ins Rampenlicht.

Die Verkehrspolitik orientiere sich vor allem an den Interessen der Wirtschaft meinen 89 Prozent der Befragten laut BMU/UBA-Studie. Demgegenüber sei die Orientierung an den Bedürfnissen der Bürger und Umwelt gering. Aus Sicht der Befragten orientiere sich die Regierung nur zu 21 Prozent an den Bedürfnissen der Bürger und zu 27 Prozent am Umwelt- und Klimaschutz.

Die Deutschen wünschen sich demnach von der Politik eine andere Rangordnung: Der Klima- und Umweltschutz sollte an erster Stelle stehen und an zweiter Stelle, dass alle Menschen bequem und kostengünstig ihre Wege im Alltag zurücklegen können. Die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Unternehmen sehen die Befragten auf Rang drei.

Die Stimmung in Deutschland verändert sich. "Die Mehrheit der Deutschen ist plötzlich für ein Tempolimit", titelte vor kurzem die „Bild"-Zeitung. Laut der dort zitierten Forsa-Umfrage, sprachen sich 57 Prozent der Bürger für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen aus. Im Durchschnitt plädierten die Befragten für eine Beschränkung auf 136 km/h.

Deutschland Aachen | Demonstration Fridays for Future (DW/G. Rueter)

Protest gegen deutsche Verkehrspolitik bei Fridays for Future in Aachen

3.   Bürger wollen umweltverträgliche Landwirtschaft  

Sehr besorgt zeigen sich die Deutschen auch über die Umweltschäden durch industrielle Landwirtschaft. Rund 90 Prozent der Bürger sehen laut BMU/UBA-Studie die Belastung von Böden und Gewässern durch Pflanzengifte wie Glyphosat, Überdüngung und Monokulturen als ein großes Problem und den damit verbundenen Rückgang der Artenvielfalt wie Vögel, Bienen und Insekten.

Mit großer Sorge sehen die Bürger auch den unzureichenden Tierschutz in der Ställen (82 Prozent ) und den Ausstoß von Treibhausgasen durch die Landwirtschaft (69 Prozent).

Das Meinungsbild über die deutsche Agrarpolitik ist ähnlich wie das über die Verkehrspolitik. 86 Prozent der Bürger meinen laut der Studie, dass sich die Landwirtschaftspolitik vor allem an den Interessen der chemischen Industrie, der Lebensmittelkonzerne und Saatguthersteller orientiere und nur zu 22 Prozent am Umwelt- und Klimaschutz. Auch die Bedürfnisse der Verbraucher stünden im Vergleich hinten an.

Infografik Umfrage Agrarpolitik DE

Die Befragten wünschen sich eine andere Landwirtschaftspolitik. An erster Stelle sollte der Umwelt- und Klimaschutz stehen und an zweiter die gesunde Lebensmittelversorgung für alle Menschen. Die wirtschaftlichen Belange sollten erst an dritter Stelle stehen.

Zur Erreichung dieser Ziele befürworten laut BMU/UBA-Studie über 90 Prozent der Deutschen schärfere Kontrollen und Strafen bei Verstößen gegen Umweltgesetze, höhere Umweltauflagen für den Einsatz von Pestiziden und Dünger sowie strengere Regeln in der Tiermast.

Zugleich befürworten 82 Prozent der Bürger höhere Steuern und Zölle für besonders umweltschädliche Lebensmittel und eine stärkere finanzielle Förderung der ökologischen Landwirtschaft.

Ein ähnliche Meinung haben die Landwirte. Sie wurden vom Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der Naturschutzorganisation NABU befragt.

Demnach wünschen sich 91 Prozent der Landwirte eine bessere Förderung von tierfreundlicher Viehhaltung und 83 Prozent eine Produktion mit hohen Umweltstandards. 87 Prozent der Landwirte zeigten sich bereit, "bei angemessener Förderung" künftig mehr für den Naturschutz zu tun.

Deutschland Aachen | Demonstration Fridays for Future (DW/G. Rueter)

Schutz des Planet statt Profit: Schüler wollen andere Politik

4.   Politikwechsel und selber handeln

Die Europawahl und Wahlumfragen unterstreichen den Wunsch nach grundlegender Veränderung in der Politik. In den Altparteien CDU/CSU, SPD und FDP hatte der Schutz von Klima und Umwelt bisher keine Priorität und so sinken diese Parteien in der Wählergunst. Sympathie und Zugewinne gibt es dagegen für die Grüne Partei, die sich seit ihrer Gründung für diese Ziele engagiert. Nach Prognosen könnten die Grünen den nächsten Kanzler stellen.  Bis vor wenigen Monaten war dies noch unvorstellbar.

Infografik Umfrage Klimaschutz Verzicht DE

Laut ARD-DeutschlandTrend sind 85 Prozent der Befragten der Ansicht, dass der Klimawandel ohne einen veränderte Wirtschafts- und Lebensweise nicht mehr gestoppt werden kann. 68 Prozent sehen allerdings eher die Industrie in der Pflicht als den einzelnen Konsumenten.

Zugleich zeigen aber auch immer mehr Bürger, dass sie selber handeln wollen und bereit dafür sind. Laut einer

aktuellen Umfrage von YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa sind 74 Prozent der Bürger bereit auf Kurzstreckenflüge selber zu verzichten und auf Autofahrten in Innenstädten 56 Prozent. Darüber hinaus sind beim „effektiven Kampf gegen die Erderhitzung" 63 Prozent der Befragten bereit, deutlich weniger Fleisch zu essen. Dabei setzt die Mehrheit laut ARD-DeutschlandTrend auf Anreize aus der Politik, nicht auf Verbote.

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