Neustart für die deutsche Solarindustrie | Wissen & Umwelt | DW | 19.08.2020
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Klimaschutz

Neustart für die deutsche Solarindustrie

Solarmodule aus deutschen Fabriken gab es noch bis vor wenigen Jahren. Heute kommen sie meist aus China. Jetzt gibt es ein Comeback für die deutsche Produktion. Global werden regionale Solarfabriken zum Trend.

"Wir sind erfreut, dass der Standort Solar Valley wieder nachgefragt wird von der Solarbranche", sagt Stefan Hermann, stellvertretender Bürgermeister von Bitterfeld-Wolfen bei Leipzig.

Ab Frühjahr 2021 sollen in seiner Stadt wieder Solarzellen produziert werden. Auch Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, freut sich über den Neustart. "Wir glauben, dass das Comeback der Solarindustrie eine hochwertige Zukunft hat", so Haseloff gegenüber DW. "Nach einem Tiefpunkt geht es jetzt wieder aufwärts. Wir brauchen Wind- und Solarkraft, um die Klimaziele zu erreichen. Zudem hat Corona gezeigt wie wichtig die Lieferketten sind."

Investor ist das Schweizer Unternehmen Meyer Burger. Das Technologieunternehmen ist Weltmarktführer für die Maschinenausstattung von Solarfabriken. Nun will das Unternehmen selber Zellen und Module produzieren und vom stark wachsenden Markt profitieren. Dabei setzt das Unternehmen auf die sogenannte Heterojunction-Technologie. Die hat Meyer Burger im letzten Jahrzehnt selber entwickelt und besitzt wichtige Patente.

Mit dieser Zelltechnologie kann man mehr Strom produzieren als mit Standard-Modulen. "Es steht ein Technologiewechsel an. Wir vergleichen das mit dem Übergang von 4G auf 5G im Mobilfunk. Diese neue Technologie hat Mayer Burger in zwölf Jahren entwickelt", so Vorstandschef Gunter Erfurt im DW Interview.

Porträtbild von CEO Gunter Erfurt von Meyer Burger Technology AG

Sieht gute Chancen für neue Solarindustrie in Deutschland: CEO Gunter Erfurt von Meyer Burger Technology

Vorteil durch bestehende Infrastruktur im Ostdeutschen Solar Valley  

Die Solarzellen sollen in Bitterfeld-Wolfen produziert werden, die Solarmodule 150 Kilometer entfernt in Freiberg bei Dresden. Dafür wurde die einst größte Solarfabrik Europas gemietet.

Nach der Insolvenz von Solarworld endete hier 2018 die einst bedeutende deutsche Produktion von Solarzellen und Solarmodulen. China hatte es mit strategischer staatlicher Unterstützung innerhalb von wenigen Jahren geschafft globaler Vorreiter bei Solarzellen- und Modulproduktion zu werden. Seit 2012 werden deshalb Zellen und Module für die Welt vor allem in China produziert. Die deutschen Solarpioniere überlebten diesen Preiskampf nicht.

Meyer Burger will nun die Produktion der besonders effizienten Zellen und Module von 0,4 Gigawatt in 2021 auf fünf Gigawatt pro Jahr bis 2026 steigern. "Einige hundert Jobs entstehen anfangs und später bis zu 3500", so Erfurt. "Dazu kommen noch indirekte Arbeitsplätze aus den vorgelagerten und nachgelagerten Lieferketten. Ich gehe davon aus, dass mit den Investitionen rund 10.000 Arbeitsplätze entstehen können." 

Solarfabrik in Sachsen-Anhalt (SolarWorld AG)

In der ehemaligen Fabrik von Solarworld in Freiberg werden ab 2021 Solarmodule von Meyer Burger produziert.

Solarkraft wird zum "Öl" des 21. Jahrhunderts 

Solarkraft ist heute weltweit oft die günstigste Form der Stromerzeugung. Seit 2008 sanken die Preise für Module um über 90 Prozent pro Watt und ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht. Laut LUT University und Energy Watch Group wird die Solarenergie deshalb bald zum wichtigsten Energieträger und könnte laut Studie die Energieversorgung weltweit günstig und gleichzeitig klimaneutral decken.

Auch zur Herstellung von Wärme und Wasserstoff würde dabei der Strom aus Modulen als zentraler Energielieferant gebraucht. Dazu wären Solarstrom Module mit einer Kapazität von 63.000 Gigawatt weltweit nötig, knapp 100 Mal mehr als heute, so die Berechnungen der Energieexperten.

Infografik: globales Szenario für eine klimaneutrale Energieversorgung

Photovoltaik als Hauptpfeiler für eine klimaneutrale Energieversorgung. Laut LUT ist das besonders günstig.

Trend: Länder wollen mehr Wertschöpfung mit eigenen Solarfabriken 

Derzeit werden über 90 Prozent aller Solarzellen und Solarmodule in China gebaut. Doch nun beginnen immer mehr Konsortien Solarfabriken außerhalb von China aufzubauen. "Das ist ein klarer globaler Trend", sagt Peter Fath, Planer von Solarfabriken und Vorstand von der Plattform Photovoltaik Produktionsmittel beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).

Regierungen und Unternehmen sähen den wachsenden Markt, und dass es sich lohne, Solarfabriken vor Ort aufzubauen und die Wertschöpfung im eigenen Land zu halten, sagt Fath. Man wolle auch unabhängiger von Gas- und Ölimporten werden. "Wir sehen diesen Trend in den USA, in der MENA-Region, Europa, Indien und der Türkei", so Fath gegenüber DW.

Fath baut gerade in der Türkei eine moderne Solarfabrik auf. Ab Jahresende sollen pro Jahr ein Gigawatt Zellen und Module die Fabrik verlassen. Die Kosten der Fabrik lägen bei 300 Millionen Euro. "Mit den Modulen wird dann ein großes Solarkraftwerk in der direkten Nachbarschaft bestückt. Mit einer Leistung von 1,3 Gigawatt wird es dann einer der größten Solarparks der Welt."

Mit seiner Firma ist Fath zudem in einem europäischen Konsortium aktiv und will eine Solarfabrik mit einer neuen Zell- und Modulproduktion von fünf Gigawatt pro Jahr in Deutschland bauen. Der geplante Standort solle in der ost- oder westdeutschen Kohleregion liegen. "Mein Ziel ist noch in diesem Jahr den Startschuss zu bekommen", so Fath. 2022 könne dann die Zell- und Modulproduktion beginnen. Rund 400 Millionen Euro würden investiert. "Für den Aufbau der Produktion brauchen wir circa zwölf Monate wenn die Genehmigungsverfahren nicht verzögernd wirken." 

Infografik Solarstrom. Die Grafik zeigt wie die Kosten von Solarstrom weltweit bisher gesunken sind und wahrscheinlich weiter sinken werden

Stark fallende Modulpreise machen Solarstrom günstig. Regionale Solarfabriken sollen nun Transportkosten sparen.

Umdenken in Europa?

In Europa gibt es inzwischen mehrere Konsortien, die die Photovoltaikproduktionen an verschiedenen Standorten vorantreiben. Der europäische Solarverband SolarPower Europe wirbt in der EU für Unterstützung, um diesen Prozess zu beschleunigen. Solarparks und Dachflächen könnten also bald wieder auch mit Modulen aus europäischer Produktion bestückt werden.

Der Informationsbedarf sei bei vielen Politikern hoch, sagt Geschäftsführerin Walburga Hemetsberger von SolarPower in Brüssel. Der Zusammenbruch der europäischen Solarindustrie nach 2012 habe deutliche Spuren hinterlassen. Viele seien nach wie vor der Ansicht, dass Europa die Führerschaft an China bei der Modulproduktion "verloren habe und diese auch nicht zurückgewinnen könne".

Hemetsberger ist jedoch optimistisch, dass in der EU nun ein Umdenken beginnt. Zum einen werde zunehmend gesehen wie günstig Solarkraft sei und dass sie zu einem zentralen Energieversorger werden könne. Zum anderen würde immer klarer, dass jetzt in den Klimaschutz investiert werden müsse. "Es ist fünf vor zwölf. Man muss alle Mittel für das 1,5 Grad-Ziel verwenden."

Für eine Solarindustrie in Europa gibt es aber noch weitere Gründe: Neben einem stark wachsenden Markt mit neuen Jobs und guten Umsätzen hätten lokal produzierte Module einen zunehmenden Kostenvorteil, betont Andreas Bett, Direktor des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme in Freiburg.

"Photovoltaik ist billig geworden. Das bedeutet zugleich, dass der Anteil von Transportkosten bei Modulen höher geworden ist. Mit einer lokalen Produktion gibt es einen Kostenvorteil", so Bett gegenüber DW. "Das ist das große Argument. Wir in Europa sind nicht teurer mit der Produktion als China. Insofern ist es jetzt eine komplett neue Situation." 

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