Klimahelden in dicken Autos | Wissen & Umwelt | DW | 07.09.2015
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Wissen & Umwelt

Klimahelden in dicken Autos

Die Deutschen wurden zu Meistern im Mülltrennen, sorgen sich um das Weltklima, und kaufen massenweise Bio-Lebensmittel. Wie kam es dazu und wie passt das zu ihrer unentwegten Liebe zu dicken und schnellen Autos?

Angefangen hat alles vor vielen Jahren mit schlechter Luft und dem sterbenden Wald: Willy Brandt, 1961 Kanzlerkandidat für seine SPD, fand eine griffige Formel: "Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden".

Im Industrie-und Kohlerevier hatten in den fetten Jahren des Wirtschaftswunders Leukämie und Rachitis vor allem bei Kindern zugenommen. Brandt beklagte eine "fast völlig vernachlässigte Gemeinschaftsaufgabe": den Umweltschutz. Genutzt hat es ihm nicht, er verlor die Wahl gegen Konrad Adenauer. Aber das Thema war in der Welt.

Mein Freund, der Baum

Ein paar Jahre später hatte die Sängerin Alexandra mit ihrer Ballade "Mein Freund der Baum" einen Riesenhit, der so vielleicht nur in Deutschland möglich war. Ihre wehmütige Erinnerung an den Baum, dem sie sich in Kindertagen anvertraut hatte, traf die Gemütslage der romantischen Deutschen. Und der Text klagte offen an: "Bald wächst ein Haus aus Glas und Steinen, dort wo man ihn hat abgeschlagen."

Wieder einige Jahre später, 1981, war dann tatsächlich das Waldsterben in aller Munde: Zehntausende gingen auf die Straße, um gegen den angeblich irreparablen Verlust an Grün zu demonstrieren. Fast zeitgleich erlebte der Protest gegen die Kernenergie in Deutschland seinen Höhepunkt. Die Partei "Die Grünen" gründete sich. Und werden seitdem im wesentlich als Hüter des Umweltschutzes in Deutschland wahrgenommen.

Tote Bäume gegen bewölkter Himmel

Waldsterben: Auslöser des deutschen Umweltbewusstseins?

Die Umwelt kommt voran in Deutschland

Von da an wurde Umweltschutz ernster genommen: Die Mülldeponien vor den Städten verschwanden, das Recycling wurde zum großen Erfolg.

Die Wasserqualität der Flüsse verbesserte sich so sehr, dass der populäre Umweltminister Klaus Töpfer 1988 kameratauglich im Rhein schwimmen ging. Die Industriebetriebe bauten Filter in ihre Anlagen ein. Aufmerksam verfolgten die Deutschen Umweltskandale im Ausland: Oft angetrieben von der im Rest der Welt manchmal belächelten "German Angst": Tschernobyl wurde 1986 "Wort des Jahres".

Seit Beginn der Debatten um den Klimawandel war Deutschland vorne mit dabei: Rund 24 Prozent an Treibhausgasen haben die selbst ernannten Vorreiter beim Klimaschutz seit 1990 abgebaut, so viele wie in kaum einem anderen Industrieland. Im Pro-Kopf-Vergleich aber ist etwa Großbritannien immer noch besser, auch wenn dort weniger über den Umweltschutz debattiert wird.

Doch nicht in allen Lebensbereichen achten die Deutschen gleich stark auf die Belange der Umwelt: Nirgendwo sonst in Europa dürfen Autofahrer so freudig ohne Tempolimit über die Autobahnen rasen, die weltberühmten deutschen Edelkarossen sind in der Regel eher PS-stark.

Tatsächlich haben alle Sektoren zur Minderung der Treibhausgase beigetragen, nur der Autoverkehr nicht. Dafür ist der öffentliche Nahverkehr im internationalen Vergleich vorbildlich. Und die Deutschen sind eifrige Mitglieder in den Umweltverbänden wie dem NABU, dem BUND, dem WWF.

Autobahn im Abendlicht

Deutsche Autobahn: da wird auch eine bedenkliche Menge Feinstaub ausgestoßen

In allen relevanten Umfragen hat der Umweltschutz für die Deutschen einen hohen Wert, und der Zustand der Umwelt wird als gut eingestuft: Alle zwei Jahre befragt das Umweltbundesamt - eine Bundesbehörde - die Deutschen über ihr Umweltbewusstsein, diese Studien gelten als verlässlicher Gradmesser.

2014 meinten 73 Prozent der Deutschen, die Umwelt sei insgesamt in einem guten Zustand. Dazu trägt auch bei, dass nach schier endlosen Debatten zwei wichtige Problemfelder geklärt sind: Deutschland steigt aus der Kernenergie aus, und auch die Wende hin zu mehr Sonnen-und Windstrom scheint unumkehrbar.

Umweltschutz und Arbeitsplätze - kein Gegensatz (mehr)

Mittlerweile finden rund 50 Prozent der Befragten, dass der Umweltschutz wichtig ist, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes auch in der Zukunft zu sichern. Und anders als in vielen Umfragen in den Jahren zuvor, glaubt jetzt die Mehrheit der Deutschen, dass man sich nicht mehr zwischen dem Erhalt von Arbeitsplätzen und dem Umweltschutz entscheiden muss.

Und weil die Deutschen so eifrig den Müll trennen und so viel Bioprodukte kaufen, dass die heimischen Biobauern die Nachfrage kaum noch befriedigen können (auch wenn die Deutschen insgesamt auch zu eher billigen Lebensmitteln neigen), weil das alles so ist, verbinden die Deutschen laut der Studie Umweltthemen weniger mit aktuellen Problemen. Sondern sie betonen die Chancen, die sich langfristig durch konsequenten Umweltschutz ergeben. Nachhaltig gedacht eben. Noch so ein Begriff, der mittlerweile zum festen Wortschatz der Deutschen gehört.

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