Klimaforschung auf dem Ozean: Wildes Meer und warmes Wasser | Wissen & Umwelt | DW | 27.06.2019
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Wissen & Umwelt

Klimaforschung auf dem Ozean: Wildes Meer und warmes Wasser

Von der Antarktis bis nach Bremerhaven. Ein Team aus Wissenschaftlern und Studenten geht der Erwärmung der Meere in der Tiefsee auf den Grund.

Die Sonne brennt über dem Helikopter-Landeplatz der Polarstern, einige Matrosen genießen in Liegestühlen ihre Mittagsruhe, um sie herum der funkelnde Ozean soweit das Auge reicht.

Auf dem Arbeitsdeck an Steuerbord hebt ein Kran eine Tiefseemessstation so groß wie eine Flugzeugturbine über die Reling und lässt sie an einem Stahlseil blubbernd in den offenen Ozean versinken. Das Messgerät soll in bis zu 4800 Metern Wasserproben nehmen und Messdaten über den Salzgehalt und die Temperatur sammeln.

Wir befinden uns auf offener See ein paar hundert Kilometer südlich von Portugal und westlich von Marokko, dort wo das warme Mittelmeer auf den kalten Atlantik trifft.

Ein Kran hebt eine Tiefseemessstation vom Arbeitsdeck in den Ozean. Arbeiter auf dem Boot beobachten.

Die Tiefseemessstation auf dem Deck

„Wir wissen, dass sich die mittleren Wasserschichten [von 300 Metern bis 1500 Metern Tiefe] in den letzten dreißig Jahren in einigen Regionen hier zwischen 0,1 und 0,5 Grad erwärmt haben“, sagt Peter Croot, Wissenschaftler an der National University of Ireland, Galway, während er, umringt von einer Gruppe Studenten, im Windleitstand des Forschungsschiffes Kommandos für die Messungen gibt.

„Das mag nicht viel klingen, aber angesichts der Energie die man braucht, um Wasser um ein Grad zu erhitzen, ist das sehr viel."

Weltweit haben sich die Meere in den letzten hundert Jahren im Schnitt um circa 0,8 Grad erwärmt. Herauszufinden, ob sich der Trend weiter fortsetzt, darum geht es auf der Überfahrt.

Anjana Aravind beobachtet das Geschehen über rote, grüne und blauen Kurven, die sich auf dem Bildschirm im Windleitstand des Forschungsschiffes aufbauen.

"In 3300 Metern Tiefe sehen wir, dass die Wassertemperatur 2,4 Grad beträgt,“ sagt die 24 jährige Physikerin aus Kerala in Indien, während sie den Wert in eine Tabelle notiert.

Anjana Aravind, eine 24 jährige Physikerin aus Kerala in Indien, auf dem Schiff. Sie trägt einen blauen Helm und eine orangefarbene Jacke.

Anjana Aravind ist Teil der South North Atlantic Transition Trainsec

In einem Monat um die halbe Welt

Mit 22 anderen Studenten aus 20 Ländern ist Anjana Aravind Teil der South North Atlantic Transition Trainsec, eine Art Sommerschool für meeresverrückte Nachwuchswissenschaftler auf hoher See.

Von Port Stanley auf den Falklandinseln im Süden Argentiniens geht die Reise durch gemäßigte bis subtropische Regionen des Atlantik, über vier Wochen und rund 13.000 Kilometer bis nach Bremerhaven. Teilweise hohe Wellen begleiteten das Schiff durch arktische Gewässer, den ganzen Südatlantik hindurch und ließen einige an Bord in das Sprechzimmer  des Arztes schwanken.

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Geforscht wurde trotzdem, egal wie schnell die Kugelschreiber und Laptops bei Seegang von einer Seite des Tisches auf die andere rollten.

Alle zwei bis drei Tage hält das Schiff an, um Langzeitmessungen durchzuführen. Zunächst noch in den Wasserschichten der Arktis, drei Wochen später dann am Äquator vor der Küste Westafrikas. Sie werden vor allem von den Studenten gemacht, unter Aufsicht erfahrener Wissenschaftler aus Irland, Deutschland, Neuseeland, Südafrika, Argentinien und Portugal. Neben dem Sammeln von Wasserproben und Daten, sollen dem Nachwuchs praktischen Methoden für die Erforschung des Klimas und der Ozeane beigebracht werden.

Ozeanograf Peter Croot und die jungen Naturwissenschaftler beobachten die Daten, die aus der Tiefsee an Bord geschickt werden

Ozeanograf Peter Croot und die jungen Naturwissenschaftler beobachten die Daten, die aus der Tiefsee an Bord geschickt werden

"[Der Ozean] funktioniert wie eine Klimaanlage. Alles was wir tun, wird durch den Ozean beeinflusst.", sagt Expeditionsleiterin Karen Wiltshire der DW, sie ist außerdem Vize-Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts  für Polar- und Meeresforschung, das die Expedition durchführt.  

Denn die Meere nehmen 90 Prozent der Wärme des Globus auf und regulieren so das Klimasystem unseres Planeten. Erwärmt sich der Ozean, nimmt er weniger CO2 auf und mehr Kohlenstoffdioxid bleibt in der Atmosphäre - mit Folgen für das Leben an Land.

„Diese Verbindung zwischen Land und Meer und der Bedrohung der menschlichen Existenzen wird immer problematischer“, sagt Wiltshire. Die Seminare an Bord sollen zwischen den verschiedenen Naturwissenschaften vermitteln.

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Wissenstransfer fördern

"Wenn wir dazu beitragen wollen, dass die Human Development Goals eingehalten werden, dann brauchen wir überall Experten und nicht nur in einem Teil der Erde", sagt Wiltshire. Alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen hatten sich auf 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung geeinigt, darunter Armutsbekämpfung und Umweltschutz, die bis 2030 eingehalten werden sollen.

Yohan Didier auf dem Schiff. Er trägt einen blauen Helm und eine orangefarbene Jacke.

Yohan Didier kommt von der Insel Mauritius

An Bord sind deshalb vor allem Studenten aus Entwicklungsländern, in denen die Folgen des Klimawandels bereits heute sichtbar sind.

In Aravinds Heimatstadt in Kerala gab es erst im vergangenen Jahr eine schwere Überflutung mit über 320 Toten. Ihre Familie war nicht betroffen, weil ihr Haus auf einem Hügel steht. Aber Freunde von ihr mussten tagelang auf ihrem Dach ausharren, bis sie in Sicherheit gebracht werden konnten, erzählt sie.

"Der Monsun in Indien ist sehr sehr ungewöhnlich in den letzten Jahren. Er kommt unregelmäßiger, aber wenn er kommt, regnet es plötzlich extrem heftig“, sagt sie der DW. „Man muss immer mit Erdrutschen rechnen."

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Yohan Didier kommt von der kleinen Insel Mauritius. In den vergangen Jahren sind um die Insel herum 60 bis 70 Prozent der Korallen abgestorben. "Korallen sind sehr empfindlich, wenn sich die Wassertemperatur nur um ein oder zwei Grad ändert", sagt er. "Das letzte Jahr war extrem heiß. Wenn ich tauchen gehe, sehe ich immer mehr gebleichte Korallen, die bald absterben."

Das Bug vordere Seite der Polarstern mit Blick auf den Atlantik

Das Bug der Polarstern mit Blick auf den Atlantik

Didiers Vorbild ist der Wissenschaftler David Vaughan. Er entdeckte zufällig, dass Korallen, wenn man sie in Einzelteile bricht, statt 75 nur noch drei Jahre brauchen, bis sie sich fortpflanzen können. Vaughan möchte in den nächsten Jahren Millionen von gezüchteten Korallen ins Meer vor der Küste Floridas auswildern. Didier will in den nächsten Jahren mit ein paar tausend um Mauritius anfangen.

Nach dreieinhalb Stunden zieht der Kran das Tiefseemessgerät tropfend aus dem Wasser und das Schiff nimmt seinen Weg mit 14 Knoten wieder auf.

Es wird noch zwei Messstationen oder sechs Tage dauern, bis man in Bremerhaven an Land geht. Der Meteorologe an Bord sagt für die nächsten Tage keine Seekrankheit voraus, im Gegenteil, sonnig bis heiter, stille See. Am Abend dann spannt die Crew rote, grüne und blaue Lichterketten über das Arbeitsdeck an Steuerbord, die Matrosen haben das gesamte Schiff zum Barbecue geladen - in lauwarmen Gefilden, rundherum der frisch funkelnde Ozean.

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