Klimacamp: Ein Festival für den Wandel | Wissen & Umwelt | DW | 29.08.2016
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Wissen & Umwelt

Klimacamp: Ein Festival für den Wandel

Im rheinischen Braunkohlerevier trafen sich Klimaaktivisten aus ganz Europa, um gegen den Kohleabbau zu demonstrieren und Alternativen zu leben. Können die Aktivisten das dringend nötige Zeichen für den Wandel setzen?

Ein großes, buntes Zirkuszelt erhebt sich aus der Zeltlandschaft. Menschen füllen einen großen Platz mit Leben. Eine lange Schlange bildet sich vor dem Küchenzelt, Essensgeruch liegt in der Luft. Wären da nicht die Banner mit der Aufschrift "Stop Coal", "System Change not Climate Change" oder "Wandel in Bewegung", würde man sich fast schon auf einem kleinen Hippie-Musik-Festival wähnen.

Doch es geht den etwa 1000 Besuchern des Klimacamps im Rheinland um mehr als nur Spaß. "Deutschland ist das Land, das weltweit am meisten Braunkohle abbaut. Hier ist der Ort, wo Klimawandel gemacht wird", sagt Judith Zimmermann, Sprecherin des Klimacamps.

Auf dem von Bäumen geschützten Gelände - unweit des Tagebaus Garzweiler II - kommen Klimaaktivisten genauso zusammen wie interessierte Menschen und linke Anarchisten. Ihr Ziel ist es, den klimaschädlichen Braunkohleabbau zu stoppen, auf den Klimawandel aufmerksam zu machen und Alternativen aufzuzeigen.

Workshops für alternative Lebensweise

"Wir sind für zehn Tage in dem Camp, um uns gemeinsam zu bilden, schon jetzt Alternativen zu leben und schließlich auch Protestaktionen zu gestalten", sagt Zimmermann. Ein buntes Programm aus Workshops unter dem Motto "Skills for System Change" und Vorträgen von Persönlichkeiten wie Nnimmo Bassey, nigerianischer Umweltschützer und Träger des alternativen Nobelpreises, sollen zu einem gesellschaftlichen Wandel ermutigen. Utopien bekommen genauso eine Chance wie praktische Fragen: Wie gründe ich mit anderen Menschen eine Kooperative? Wie kann ich ein Windrad bauen?

An der Wand einer von Aktivisten besetzten Schule in Immerath hängt ein Plan für Workshops und Kurse (Foto: DW/O. Ködding-Zurmühlen).

Ob Workshops zu Capoeira oder Vorträge zum nachhaltigen Leben - viele Teilnehmer des Klimacamps wollen sich bilden

"Wir lernen, dass man gleichzeitig das Klima schützen und ein gutes Leben haben kann", erklärt Zimmermann und fügt hinzu: "Wir haben eine basisdemokratische Organisation, wir ernähren uns vegan und regional. Das macht tatsächlich ganz viel Spaß", so die Aktivistin. Es habe gar nicht so viel mit Verzicht zu tun, den Strom durch Windenergie und Solarenergie selbst zu produzieren.

Neben dem alternativen Lebenswandel verschreibt sich das Klimacamp auch dem aktiven Protest. Im "Aktionslabor für innovativen Widerstand" formierten sich Aktivisten zu Gruppen und entwickelten gemeinsam neue Formen des Protests - nicht immer sind diese legal.

So auch die Besetzung einer Schule in Immerath. "Wir möchten die direkte Zerstörung vor Ort in den Blickpunkt rücken, die um den Tagebau herum stattfindet - was bietet sich da besser an als ein fast verlassenes Dorf in den Mittelpunkt zu stellen?", sagt Hannes, Student der Umweltwissenschaften an der Universität Freiburg und seit etwa anderthalb Jahren in der Klimabewegung aktiv.

Ein verlassenes Dorf wird wiederbelebt

Klimaaktivist Hannes steht im Hintereingang einer verlassenen Schule im Dorf Immerath, das infolge des Braunkohleabbaus umgesiedelt wird (Foto: DW/O. Ködding-Zurmühlen)

Der Aktivist Hannes gibt in der besetzten Schule in Immerath eine Führung - die Aktivisten schlossen die Schule wieder an Wasser und Strom an

Immerath wird 2017 der Braunkohleförderung zum Opfer fallen, das ortsansässige Krankenhaus und zahlreiche Wohnhäuser sind schon dem Erdboden gleichgemacht worden. Das Bundesverfassungsgericht hat RWE Power, Betreiber des Tagebaus Garzweiler II, das Recht zugesprochen, Ortschaften umzusiedeln. Die Begründung: Die Energieversorgung - und damit auch der Braunkohleabbau - seien wichtig für das Gemeinwohl.

Für den Klimaaktivisten Hannes ist das völlig unverständlich: "Was hier an sozialen Strukturen zerstört wird, ist eine skandalöse Geschichte."

Mit der Besetzung der Schule wolle man den öffentlichen Raum in Immerath wiederherstellen. Das Gebäude ist offen, Menschen können sich das angucken und bleiben, so der Aktivist. Das liege daran, dass die Polizei die Besetzung erst einmal passieren ließ - wohl auch aufgrund der friedlichen Absicht der Aktivisten. Ein Banner, das aus dem Fenster der Schule gehangen wurde, verdeutlicht ihre Message: "RWE zerstört, wir bilden" heißt es da. Tatsächlich finden in der Schule Workshops und Kurse statt, zum Beispiel für den brasilianischen Kampftanz Capoeira.

Kevin, der in Immerath aufgewachsen ist und dort trotz der Umsiedlung noch mit seiner Familie lebt, freut sich darüber: "In dem kleinen Park an der Schule hat früher immer ein Dorffest stattgefunden. Ich freue mich, dass das hier wiederbelebt wird."

Aktivisten haben eine Schule in Immerath besetzt und mit Bannern versehen (Foto: DW/O. Ködding-Zurmühlen).

Aktivisten brachten selbstgebackenen Kuchen zur besetzten Schule und richteten eine Bar ein

Kurzerhand gibt Kevin nach einem Gespräch mit Hannes eine Führung für die Aktivisten durch den heute fast verlassen Ort und erzählt von den Geschehnissen in den letzten Jahren: Wie funktioniert die Umsiedlung eines Friedhofs? Wie werden umgesiedelte Familien von RWE entschädigt?

Für Jubel unter den Aktivisten sorgt Kevin als er von seinen eigenen Protestaktionen erzählt: "Wir haben zu mehreren Hundert Leuten eine Eiche besetzt, sodass sie von RWE nicht gefällt werden konnte." Die Eiche sei immerhin älter als das Dorf und die einzige ihrer Art in der Umgebung.

Dass die Kirche des Dorfes immer noch steht, ist hingegen tierischen Aktivisten zu verdanken: "In der Kirche leben Bussarde. Weil die unter Naturschutz stehen, durfte RWE die Kirche bisher nicht abreißen", erzählt Kevin. Die Kirchenglocken seien jedoch bereits nach Neu-Immerath umgesiedelt worden.

Blick auf eine umgesiedelte Fläche in Immerath, auf der vor der Umsiedlung Wohnhäuser standen, mit Kirchturm des Dorfs im Hintergrund (Foto: DW/O. Ködding-Zumrühlen).

Eine umgesiedelte Fläche mit dem Kirchturm von Immerath im Hintergrund ist mittlerweile von Pflanzen überwuchert

Kevin und seine Familie sind noch mit RWE in Verhandlungen wegen einer Umsiedlung. Lange werden sie nicht mehr in Immerath wohnen bleiben können.

Ein Problem über die Grenzen hinaus

Der Führung von Kevin hat sich auch Peter, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will, angeschlossen. Der Niederländer hört den Erzählungen des Immerathers, die Hannes auf Englisch übersetzt, gespannt zu. "Fossile Brennstoffe sind mehr Wert als Menschen", kommentiert er trocken.

"Wir haben in den Niederlanden ähnliche Probleme mit der Gewinnung von Erdgas durch Fracking. Es ist nicht so wie in Deutschland, dass ganze Dörfer verschwinden, aber die Erderschütterungen, die durch das Fracking ausgelöst werden, beschädigen Wohnhäuser", erzählt Peter. Diese würden dann an Wert verlieren und teilweise sogar einstürzen - die Entschädigungen wären zu gering.

Dass der Abbau fossiler Brennstoffe ein globales Problem ist, zeigt sich auch an der Internationalität des Klimacamps. "Ich hab schon das Gefühl, dass das immer mehr zu einer internationalen Bewegung wird. Es ist eine Begeisterung zu spüren, die zeigt, dass da etwas in Bewegung ist", sagt Campsprecherin Judith Zimmermann.

Klimaaktivisten haben ein Banner mit der Aufschrift Grünkohl statt Braunkohle an ein verlassenes Haus im Dorf Immerath im rheinischen Braunkohlerevier gehängt (DW/O. Ködding-Zurmühlen).

"Grünkohl statt Braunkohle": Aktivisten haben verlassene Häuser in Immerath mit Bannern geschmückt

Ist ein Wandel zu spüren?

Doch die Bundesregierung sieht laut dem Vertrag der großen Koalition von 2013 die Braunkohle, Steinkohle und Gas als "auf absehbare Zeit unverzichtbar" an. Ein Ende des Tagebaus Garzweiler II legte das Land Nordrhein-Westfalen auf das Jahr 2045 fest.

Während das Klimacamp politisch kaum für Veränderungen sorgen wird, ist es die hier praktizierte alternative Lebensweise, die langsam ihren Weg in die gesellschaftliche Mitte findet, so etwa die vegane Ernährung und die eigene Energieversorgung durch erneuerbare Energien.

Laut Zimmermann ist das Klimacamp ein Zeichen für den Wandel, denn an Ideen mangelt es wahrlich nicht: "Es sind Leute aus Freiburg angereist mit einem großen Lastenanhänger mit Solarzellen. Es gibt ganz viele tolle Ideen, wie man sich nachhaltig und ökologisch trotzdem ein schönes Leben machen kann."

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