Klaus Töpfer: ″China und Deutschland Partner auf Augenhöhe″ | Asien | DW | 17.11.2017
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Interview

Klaus Töpfer: "China und Deutschland Partner auf Augenhöhe"

Warum der Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen kein Vakuum hinterlässt und wie China und Deutschland kooperieren können - der ehemalige UNEP-Chef Klaus Töpfer im Interview mit der Deutschen Welle.

Deutsche Welle: Herr Töpfer, glauben Sie, dass Deutschland heute beim Thema Klimaschutz ein Vorbild für China ist?

Klaus Töpfer: Deutschland ist heute ein guter Partner für China. Man kann sich auf Augenhöhe über das austauschen, was bei unterschiedlichen Prioritäten in den beiden Ländern notwendig ist. In China ist es eine große Herausforderung, die Luftqualität zu verbessern, besonders in den Städten. In Deutschland gibt es dazu ein breites Spektrum an Erfahrungen.

Klaus Töpfer (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Klaus Töpfer, ehemaliger UNEP-Direktor

Andererseits wissen wir, dass China eine engagierte Klimapolitik entwickelt hat, was zwangsläufig globale Konsequenzen hat. Da sind wir gefordert, nicht zurückzufallen. Gegenwärtig gibt es eine Verunsicherung in Deutschland und über Deutschland hinaus, wie es mit der Klimapolitik weitergeht. 

Die Ungewissheit ist durch die laufenden Sondierungsgespräche noch einmal deutlich geworden. Auch über Themen wie Kohleausstieg wird heftig debattiert. Leidet darunter das Vorreiterimage Deutschlands?

Ich bin davon überzeugt, dass man sich darüber freuen sollte, wenn andere mit Enthusiasmus nachziehen, wenn es denn mal einen Vorreiter gegeben hat. Aber man ist ja nicht erfolgreich, wenn man nur Vorreiter ist, sondern wenn man dazu beiträgt, dass andere mit klugen Ideen und Überzeugung auch handeln. In Sachen Klima ist die ganze Welt gefragt, da man das nicht regionalisieren kann. 

Was mich beunruhigt, ist die Tatsache, dass im Rahmen der Regierungsbildung Relativierungen aufkommen, die bisher nicht da waren. Deswegen ist es für Deutschland jetzt wichtig, eine klare, wirklich allumfassende und die Menschen einbindende politische Strategie zu entwickeln, die verlässlich umgesetzt wird. Diese Strategie sollte zeigen, dass eine hoch entwickelte Industrienation mit einem hohen technologischen Sachverstand und großen wissenschaftlichen Kapazitäten in der Lage ist, wirtschaftliches Wachstum mit einem Ausstieg aus einer CO2-orientierten Wirtschaft zu verbinden.  

Blicken Sie auf Ihre Kontakte mit China in den letzten 15 Jahren zurück, spüren Sie einen Sinneswandel in der chinesischen Klimapolitik?

Es war absehbar, dass mit dem bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufstieg Chinas irgendwann auch die Frage aufkommen würde: Welchen Preis bezahlen wir für dieses Wachstum? Den Preis sehen wir heute in den Städten am Beispiel der schlechten Luftqualität. Dass das Problem so schnell und massiv eingetreten ist, war überraschend, zeigt aber auch, dass wir konsequent handeln müssen, da wir sonst die damit verbundenen Konsequenzen kaum noch bewältigen können.

Nun haben die USA angekündigt, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen. Kann China die dadurch entstandene Lücke schließen?

Es ist fast ein Naturgesetz, dass kein Vakuum bleibt, wenn ein Land die Führungsrolle aufgibt. Ich glaube, dass auf China und Europa eine wichtige Aufgabe zukommt. Es muss klar gemacht werden, nicht nur in Worten, sondern auch in konkretem Handeln, dass diese Entscheidung des US-Präsidenten kein Vakuum und keine Unsicherheit hinterlässt.

Auf dem Bonner Klimagipfel sieht man dabei auch: Nicht die ganzen USA sind abwesend. Der Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien war hier und hat deutlich gemacht, dass er unbeirrt für eine überzeugende Klimapolitik in Kalifornien steht. Und Kalifornien ist wirtschaftlich eine Großmacht, nicht nur eine Randgröße.

Wir sind sehr froh, dass China mit viel Nachdruck die Klimapolitik weiter betreibt. Nach wie vor können wir die begründete Hoffnung haben, dass wir die Ziele von Paris auch realisiert werden.

Was können China und Deutschland zum Klimaschutz weltweit beitragen?

Wir unterscheiden in Deutschland zwischen drei Ebenen. Es gibt eine Klima-  und Nachhaltigkeitspolitik in Deutschland, mit Deutschland und durch Deutschland.

Was wir im eigenen Land zur Klimapolitik beitragen, ist derzeit Gegenstand der Sondierungs- und Koalitionsgespräche. Was sich mit Deutschland machen lässt, ist zum Beispiel, dass wir mit anderen Ländern partnerschaftlich zusammenarbeiten, um Wirtschaftswachstum mit klimafreundlichen Technologien zu verbinden. "Durch Deutschland" bedeutet, dass wir solche Umwelttechnologien jedem verfügbar machen. Wir freuen uns, wenn junge Menschen zu uns kommen, um zu lernen, wie man eine prosperierende Volkswirtschaft mit der Klimavorsorge verbindet.

Und China?

China ist sehr engagiert bei den Auslandsinvestitionen, nehmen wir nur mal die "Neue Seidenstraße-Initiative" als Beispiel. Es wäre doch schön, falls es auch ein Beispiel im Rahmen dieser Initiative dafür gibt, dass man wirtschaftliche Entwicklung und Integrationsbemühungen mit der Nachhaltigkeit und der Umweltvorsorge eng verbinden kann und muss.

Klaus Töpfer ist seit 2009 Exekutivdirektor des Instituts for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Er war von 1987 bis 1994 Bundesumweltminister und von 1998 bis 2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Klaus Töpfer hat die chinesische Regierung bei den Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit beraten. Er war außerdem Gastprofessor an der Tongji-Universität in Shanghai. 

Das Interview führte Cui Mu.

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