Klasse Deutsch für Flüchtlingskinder | Deutschlehrer-Info | DW | 16.05.2019
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Deutschlehrer-Info

Klasse Deutsch für Flüchtlingskinder

Von Montag bis Freitag steht Deutsch auf dem Lehrplan – jeden Tag fünf Stunden. Der Film „Klasse Deutsch“ zeigt, wie Flüchtlingskinder fit für das deutsche Schulsystem gemacht werden. Das ist nicht immer einfach.

Ferdi  starrt angestrengt auf die Buchseite. Zeile für Zeile kämpft sich der 15-jährige Kosovare durch den Text. „Wie lange noch?", stöhnt er und schaut die Lehrerin verzweifelt an. „Eine halbe Stunde“, sagt Ute Vecchio. „Ich hab nie in meinem Leben ‘ne halbe Stunde gelesen!“ Solche Reaktionen ist die Lehrerin gewohnt, denn die "B206“ ist keine normale Schulklasse, und Ute Vecchio ist keine normale Lehrerin.

Zwischen Heimweh und Ankommen

Maximal zwei Jahre hat die resolute Kölnerin Zeit, Flüchtlingskinder so vorzubereiten, dass sie auf eine normale deutsche Schule gehen können. Kinder, die mit ihren Eltern aus unterschiedlichsten Gründen die Heimat verlassen haben und die jetzt zwischen Heimweh und Ankommen schwanken.

Und Kinder, die so verschieden sind wie ihre deutschen Altersgenossen: Da ist die fleißige Kamilla, die jede freie Minute lernt, oder der charmante Klassenclown Kujtim, der sich nicht auf den Unterricht konzentrieren kann und oft schwänzt. Oder Schach, dessen ehrgeizige Mutter ihn unter Druck setzt, und Pranvera, die im Armdrücken selbst gegen die Jungs gewinnt und doch von ihren Mitschülern gehänselt wird.

Pranvera beim Armdrücken mit Schach (W-film)

Die ehrgeizige Pranvera schlägt beim Armdrücken auch die Jungs der Klasse

Zerstückelte Schullaufbahnen

Ute Vecchios Schützlinge haben aber auch Probleme, die gleichaltrige Deutsche in der Regel nicht kennen: Pranveras beste Freundin wurde abgeschoben, worunter das 12-jährige Mädchen sehr leidet. Ferdi muss nach einer zerstückelten Schullaufbahn, die ihn vom Kosovo über Italien und Frankreich schließlich nach Deutschland führte, in nur vier Monaten vier Jahre Schulstoff nachholen. Auch Kujtim hat in seinem jungen Leben schon in mehreren Ländern gelebt, kann aber in keiner einzigen Sprache richtig schreiben.

Ihnen allen versucht Ute Vecchio mit Hingabe, aber auch mit Strenge die deutsche Sprache näherzubringen. Geduldig erklärt sie den Unterschied zwischen „finden“ und „erfinden“. Und sie macht Schachs ehrgeiziger Mutter klar, dass der Junge stolz auf seine 3 in Deutsch sein kann. Schließlich ist er erst vor zwei Jahren aus Kirgisien gekommen. Die 1, die sie verlangt, schaffen auch viele deutsche Schüler nicht. „Was sollt ihr denn sein? Alles kleine Wunderkinder?“, bestärkt sie ihre Schüler und wehrt den Druck der Eltern ab.

Ute Vecchio steht im Klassenraum, die Kinder sitzen am Tisch und schreiben (W-film)

Klassenalltag: die Schüler beim Diktat

Klare Worte

Ute Vecchio findet aber auch klare Worte, wenn die Kinder sie anlügen oder faul sind. „Du warst nicht in der Schule, du hast geschwänzt, man hat dich gesehen!“, schimpft sie mit Kujtim und betont: „Schule hat auch was mit Regeln zu tun, und wer sich nicht daran hält, muss die Konsequenzen tragen.“

Die Konsequenzen spürt Kujtim ziemlich bald. Sein Zeugnis ist miserabel. Neben der 6 in Deutsch hat er auch in Englisch, Kunst, Sport und Biologie versagt. 150 Fehlstunden gehen auf sein Konto.

Kamilla hingegen hat es geschafft, sie wurde von einem Gymnasium angenommen und wird von der Klasse beglückwünscht. Nur Kujtim jammert: „Das ist unfair, sie ist noch nicht mal ein Jahr hier, und wir sind hier seit zwei Jahren und kommen nicht aufs Gymnasium.“

Auch hier findet Ute Vecchio klare Worte: „Camilla hat schwer geackert, viel gearbeitet, das ist hier nicht geschenkt worden, und sie hat's geschafft.“ Mit Blick auf Kujtim ergänzt sie: „Das könnte jeder machen, aber es macht nicht jeder.“ In der Tat: Keiner drückt schon so lange die Schulbank in der B206 wie der 13-Jährige, der seine Unsicherheit immer wieder mit Albernheiten überspielt.

Ute Vecchio sitzt am Tisch und hört Schach zu W-film)

Schach in Erklärungsnot: Er wurde mit Kujtim beim Schulschwänzen gesehen

Kein leichter Weg

Immerhin, die Leistungen des Mädchens scheinen Kujtim anzuspornen. In den nächsten Wochen gibt er sich Mühe, stört nicht mehr so viel und überrascht seine Lehrerin mit guten Leistungen: „Bist ja doch ein cleveres Kerlchen“, lobt sie ihn, und der Junge strahlt.

Und Ferdi? Er kämpft immer noch verzweifelt mit dem Lehrstoff. „Ich hab sehr viel dran gearbeitet, aber ich krieg es einfach nicht in den Kopf“, jammert er. „Dass du das nicht in den Kopf kriegst, stimmt“, meint Ute Vecchio lakonisch, „aber viel gearbeitet hast du nicht.“

Trotzdem setzt sie sich geduldig neben den jungen Mann und erklärt ihm erneut, dass das Präteritum „bat“ nicht von „Bart“ oder „Bad“ kommt, sondern von „bitten“. Und Ferdi erzählt ihr, dass er ein Angebot hat, eine Ausbildung zum Automechaniker zu machen. Sein absoluter Traum, aber dafür muss er die achte Klasse schaffen – und bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Ohne falsches Pathos

Wie geht es weiter für die 10- bis 16-Jährigen? Der Dokumentarfilm lässt das offen. Einige Kinder sind aufs Gymnasium gekommen, andere von der Schule geflogen oder abgeschoben worden, berichtet Regisseur Florian Heinzen-Ziob im Nachhinein. 

Regisseur Florian Heinzen-Ziob(W-film)

Regisseur Florian Heinzen-Ziob hat die Klasse Deutsch sechs Monate lang begleitet

Ihm ging es bei seinem Film vor allem darum, in der aufgeheizten Debatte um Geflüchtete und Zuwanderung die gelebte Realität immigrierter Kinder zu zeigen. Das Klassenzimmer – und nur hier spielt der Film – ist der ideale Ort dafür, denn die deutsche Sprache ist die erste und wichtigste Hürde auf ihrem Weg, Teil der deutschen Gesellschaft und Kultur zu werden. Es wird aber auch zusammen am Herd gebrutzelt und geputzt in der B206: In Deutschland kochen Männer und Frauen“, erklärt Ute Vecchio den Jungs, die finden, dass das eine Aufgabe für Mächen ist. "Ihr seid hier in einem Land, wo ihr die Freiheit habt, zu kochen und zu kehren.“

Ohne falsches Pathos erzählt der Schwarz-Weiß-Film vom Schulalltag der Kinder und dem großen Engagement der Lehrerin, die sie nicht nur sprachlich an die Hand nimmt. Sechs Monate lange war das Filmteam vor Ort, und Regisseur Florian Heinzen-Ziob hat sich bewusst dafür entschieden, auf einen Erzählrahmen zu verzichten. Die Szenen sprechen für sich. Es gibt traurige und humorvolle Momente in „Klasse Deutsch“, und am Ende wünscht man den jungen Protagonisten von Herzen, dass sie gut ankommen in ihrer neuen Heimat.  Am 16. Mai kommt der Film in die Kinos. 

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