Kirchenvertreter besuchen Syrien-Flüchtlinge in Jordanien | Deutschland | DW | 04.11.2013
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Deutschland

Kirchenvertreter besuchen Syrien-Flüchtlinge in Jordanien

Die Lage der syrischen Flüchtlinge in Jordanien ist bedrückend. Die deutschen Kirchen versuchen zu helfen. Nach einem Besuch plädiert die Delegation für die großzügigere Aufnahme von Syrern in Deutschland.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Als der kleine Mohammed sein selbstgemaltes Bild Nikolaus Schneider schenkt, fragt der vorsichtig nach. Und der Zwölfjährige berichtet dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Warum er ein Haus gemalt hat mit Personen in verschiedenen Räumen, warum er die Rakete und den Panzer gezeichnet hat. Sieben Cousins, sagt Mohammed, kamen ums Leben, als die Rakete in einem Dorf bei Damaskus das Haus seiner Familie traf. Er selbst überlebte. Und lebt seit einigen Monaten mit seiner Mutter im Flüchtlingslager Al-Husn im Norden Jordaniens.

"Sehr bewegend, rührend", sagt Schneider nach der Szene. Er steht inmitten von malenden Kindern mit leuchtenden Augen. Allesamt Kinder, die in einem Projekt der Diakonie Katastrophenhilfe mit Malen und gemeinsamem Spiel ein wenig Normalität erleben. "Sie können hier Kinder sein und ihre Kriegserlebnisse verarbeiten", so der EKD-Chef. "Und es ist wichtig, ihnen zu vermitteln, ihr seid nicht vergessen."

Große Not und wenig Spenden

Reise zu Flüchtlingsprojekten in Nordjordanien. Syrisches Flüchtlingskind Foto: DW, Christoph Strack, 2.11.2013

Fragender Blick eines syrischen Kindes

Für knapp drei Tage ist Schneider mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Norbert Trelle, in Jordanien. Nie zuvor gingen Spitzenvertreter der beiden großen Kirchen in ökumenischer Eintracht auf eine solche Reise. Nun begegnen sie syrischen Flüchtlingen und wollen auf deren Not aufmerksam zu machen. In dem kleinen Land mit seinen fünf Millionen Einwohnern leben mindestens 500.000 syrische Flüchtlinge.

Bei allen Anstrengungen der Jordanier und der UN-Hilfswerke: Es fehlt an Quartieren, an Betreuung, an Hilfe für die Traumatisierten. Und viele der Flüchtlinge konnten kaum mehr über die Grenze retten als das, was sie am Leib tragen. So bekommen sie von den Partnern der deutschen Hilfswerke vor Ort das Notwendigste: Matratzen und Hygieneartikel, Gutscheine für den Einkauf im nächsten jordanischen Laden.

Doch die Menschen in Deutschland, bei anderen Gelegenheiten als Spenden-Weltmeister gelobt, spenden kaum für diese Flüchtlinge in Not. Deutsche Hilfswerke geben Millionen Euro vor Ort aus – und brauchen dazu vielfach finanzielle Hilfe der Bundesregierung. Schneider nennt das "bedrückend. Vermutlich hat man in Deutschland den Eindruck, der Krieg ist weit weg. Aber er ist nicht weit weg." Gleich vor der Haustür Europas litten hunderttausende Menschen unter Gewalt, Terror und Vertreibung. Vielfach Familien, Frauen mit Kindern.

„Allen helfen“

Und Bischof Trelle prangert es als unchristlich an, zunächst die Schuldigen für den Konflikt suchen zu wollen, unterdessen aber den schuldlosen Opfern nicht zu helfen. Die Menschen seien in allergrößter Not, sie hätten ihre Heimat verloren, trauerten um Angehörige, wüssten nicht weiter. Und der Bischof betont, wenn kirchliche Hilfswerke hier tätig seien und Spenden bräuchten, gehe es nicht vorrangig um Hilfe für die Gruppe der Christen unter den Flüchtlingen, sondern um Hilfe für alle Notleidenden. "Es kann nicht sein, dass wir da eine Auswahl treffen, nur Christen zu helfen."

Lustige Maskerade, ernste Gesichter - viele der Flüchtlingskinder haben Tod und Leid erlebt. Foto: DW, Christoph Strack, 2.11.2013

Gegen Angst und Schrecken anmalen - Syrische Flüchtlingskinder in Jordanien



Aber denen, die hier auf Hilfe warten, sind deutsche Debatten um kirchliches Vermögen egal. Sie sind froh um jede konkrete Hilfe. So wie Khalid Awad. In der Heimat, sagt sie, habe sie drei Angehörige verloren. Sie habe in Syrien als Freiwillige geholfen, Essen an Notleidende zu verteilen – als sie dann der Geheimdienst einbestellte, floh die Familie. Nun hockt sie mit drei Kindern in einer kleinen Souterrain-Wohnung auf dem kalten Boden. Außer einem Teppich. einigen Matratzen und Spielsachen ist der Raum leer. "Die Kinder sind krank, ich bin krank", klagt sie. Das Geld, das die Familie von der UN-Hilfe bekommt – monatlich knapp 150 Euro – geht fast komplett für die Miete drauf. "Wir bekommen Lebensmittelpakete von verschiedenen Hilfsorganisationen. Das ist die einzige Hilfe, die wir derzeit bekommen." Aber Khalil will auf jeden Fall zurück nach Syrien – trotz aller Zerstörung. Sie liebe ihre Heimat, ihr Dorf, ihr Elternhaus.

Einen Tag später begegnen die deutschen Kirchenvertreter in Amman gut 200 christlichen Flüchtlingen aus Syrien, die in Quartieren der Millionenstadt untergekommen sind. Ein freundliches Treffen, viele gute Worte, dann ein einfaches arabisches Essen – aber als es an den Aufbruch geht, gibt es kein Halten mehr. Dutzende der Flüchtlinge wollen nach Deutschland, stecken den hohen Gästen Zettel mit ihren Namen zu, bitten um Fürsprache.

Zielpunk Deutschland

So wie Basel Hanna. Als der 26-Jährige aus einem christlichen Dorf bedroht wurde, verließ er die Heimat. Die Mutter schaffte es vor drei Monaten zum anderen Sohn, der seit zehn Jahren in München lebt. "Ich will hier weg, es wird ja nie mehr gut. Für uns als christliche Minderheit ist es nicht gut. Das war vor dem Bürgerkrieg anders." Und er nennt den wichtigsten Tag in seinem Leben, den 1. März 2013, als die Familie ihr Dorf verließ.

Reise zu Flüchtlingsprojekten in Nordjordanien Verwandte getötet, der Mann ein Opfer der Folter - Flüchtlingsfrauen schildern in einer Initiative, die die deutsche Diakonie Katastrophenhilfe fördert, den Gästen aus Deutschland ihre Schicksale. Foto: DW, Christoph Strack, 2.11.2013

Informationen aus erster Hand. Kirchendelegation in Jordanien

Schneider und Trelle können diesen Menschen nichts zusagen. Aber sie drängen auf eine weitere Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland. "5.000 – das ist keine Zahl, auf die man stolz sein könnte", so der EKD-Chef. Es müsse doch zumindest möglich sein, dass Menschen, die Verwandte oder soziale Kontakte in Deutschland hätten, dort Bleibe finden könnten. Auch Trelle, in dessen Bistum Hildesheim das Aufnahmelager Friedland liegt, drängt auf ein großzügigeres Engagement bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Aber egal ob es bei den genannten 5.000 bleibt oder 10.000 werden. Letztlich helfe es nur, wenn die internationale Politik es schaffe, den Konflikt beizulegen. Seine Worte klingen angesichts der Eindrücke dieser Tage nach Appell wie nach Verzweiflung.

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