Kirchen wollen Corona-Distanz überwinden | Deutschland | DW | 29.03.2020
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Glauben während der Pandemie

Kirchen wollen Corona-Distanz überwinden

Die Corona-Pandemie zwingt auch die christlichen Kirchen zu neuen Wegen. Seelsorgerinnen und Seelsorger an der Basis suchen nach Alternativen. Ihr Erfolgsrezept: Glauben kreativ vermitteln - mit medialer Hilfe.

"Wir sind davon überrollt worden, und zwar auf allen Ebenen", sagt Selma Dorn. „Seelsorge geschieht ja auf allen Ebenen, auf der Türschwelle, bei jedem Gespräch." Die 29-Jährige ist Vikarin der Evangelisch-Reformierten Kirche zu Leipzig. Seit zwei Wochen hat sie, wie alle Seelsorger in Deutschland, mit der Abschottung wegen Corona zu kämpfen. Kirche findet vorerst in der bisherigen Form nicht statt.

Als Dorn von den Vorgaben erfuhr, dem Gebot zu Abstand und Vereinzelung, stand gerade ein regelmäßig stattfindender Frauenkaffee an, allein zehn der Teilnehmerinnen über 75 Jahre alt. "Wir haben lange gerungen, ob wir das Treffen absagen", sagt sie. Dann telefonierte sie viel, sehr viel. Manches Gespräch dauerte wenige Minuten, andere eine Stunde. Für manche der Frauen ist die Kaffeerunde ihr einziger Außenkontakt, "der Fixpunkt", sagt sie der Deutschen Welle. Auch die Chance, einfach mit der Vikarin oder der Pastorin zu sprechen.

"Das bisherige Leben löst sich auf"

Seitdem ist das Telefon das wichtigste Arbeitsmittel für Dorn so wie für viele tausend Kirchenkräfte. Wie zum Beispiel, 450 Kilometer westlich von Leipzig, in Oberhausen im Ruhrgebiet für den katholischen Pfarrer Christoph Wichmann. "Das bisherige Leben, das kirchliche Alltagsleben löst sich gerade auf." Statt Messfeiern, Verbandstreffen, Jugendarbeit "nun vermehrt Telefonkontakte. Und 25 bis 30 Mails pro Tag."

Vikarin Selma Horn, reformierte Gemeinde Leipzig Leipzig Deutschland NEU (privat)

Vikarin Selma Horn und Mitglieder der reformierte Gemeinde Leipzig Leipzig

Der katholische Priester schildert im Gespräch mit der DW seine Emotionen. Normalerweise feiert er an jedem Werktag in der Kirche St. Pankratius eine Messe. Gewiss die Hälfte der zwei, drei Dutzend Gläubigen seien alte Menschen. Erst allmählich sei ihm klargeworden, dass er manche vielleicht nicht lebend wiedersehen werde. Nun also das Telefon, auch gemeinsame Gebete am Telefon. Und Wichmann hat früh und spontan, wie er sagt, einen Aufruf gestartet, der ihn sogar in Zeitungen brachte und Nachahmer findet, im In- und Ausland. Jeden Abend um 19 Uhr stellt er eine brennende Kerze ins Fenster und betet das Vaterunser. Mittlerweile weiß er, dass gleichzeitig Mitglieder einer Gemeinde in Südafrika, die ihm geschrieben haben, auch Kerzen anzünden.

Kerzen, Postkarten, Newsletter

Kirche in Corona-Zeiten: Pfarrer und Gläubige stellen abends Kerzen ins Fenster, Gemeinden lassen täglich die Kirchenglocken läuten, verschicken Postkarten an Senioren oder Newsletter an alle. Manche Pfarrei spannt eine Telefonkette gegen die Einsamkeit, motiviert Messdiener zum Einkauf für Ältere, animiert zum gemeinsamen Gesang im Livestream. Und egal ob auf Facebook, Twitter oder Instagram - es gibt mehr Gottesdienst-Übertragungen als je zuvor. Favoriten auf katholischer Seite sind Papst Franziskus, Wiens Kardinal Schönborn, Kölns Kardinal Woelki.

Symbolbild Telefonseelsorge (picture-alliance/dpa/A. Warmuth)

Weil die Gläubigen nicht mehr zur Messe gehen können, greifen immer mehr Pfarrer zum Telefon

Wichmann gibt aber zu: "Ganz viele Gemeindemitglieder fragen, ob nicht etwas Persönliches von uns Seelsorgern kommen kann", berichtet er. Gottesdienste von irgendwoher seien gut und schön, "aber die Leute wollen auch mal die eigene, die vertraute Kirche sehen, die Glocken hören, den Priester, den sie kennen. Das ist unglaublich wichtig." Nun übertragen die vier katholischen Pfarreien in Oberhausen samstagabends abwechselnd je eine Messfeier im Netz.

Kommunion in Quarantäne

Einer, der sehnsüchtig zuschaut, ist Thomas Gäng, Vorsitzender des städtischen Katholikenrates. Gäng, Vorstand der Sparkasse der 215.000-Einwohner-Stadt, hat wegen Kontakts zu einem Infizierten schon 14 Tage Quarantäne hinter sich. "Was mir da besonders fehlte, war die Feier der Eucharistie. Das spürte ich regelrecht." Er bekam daheim die Krankenkommunion. Für ihn sei die Messfeier so, "als ob mich Jesus Christus umarmt. Deswegen ist der Verzicht auf die Eucharistie so schwierig."

Kirchgänger finden neue Wege, um inmitten des Coronavirus anzubeten (Reuters/Vatican Media)

Papst Franziskus musste seinen außergewöhnlichen Segen vor dem leeren Petersplatz sprechen - immerhin medial übertragen in die ganze Welt

Aber klar, Gäng weiß, was nun geboten ist. Er selbst musste den jährlichen Bußgang der Männer in der Fastenzeit - "der fiel nicht mal in der Nazi-Zeit aus" - mit absagen. Stattdessen folgte er am Freitagabend dem Segen des Papstes in Rom. Und er weiß die neuen Zeichen zu schätzen, die abendliche Kerze im Fenster, auch bei ihm daheim, die Übertragung der Messe aus Oberhausen. Und Gäng staunt fast selbst, dass die Aufnahme bei Facebook und YouTube über tausend Zuschauer hatte. Der nächste Schritt ist ein ökumenisches Zeichen. Nun läuten jeden Sonntag um 10:45 Uhr alle Kirchenglocken der Stadt, katholisch und evangelisch.

Instagram für die Jüngeren

Christoph Wichmann in Oberhausen initiiert einen Newsletter. Und er weiß doch, dass es auch die Älteren ohne Mailfach gibt, die Briefpost brauchen. Selma Dorn in Leipzig setzt verstärkt auf die sozialen Medien, auf "Instagram Storys" für die jüngeren, auf Facebook für die 30- bis 60-Jährigen. Und dann immer wieder: das Telefon, gerade für die Älteren.

Kirche Corona Pfarrer Christoph Wichmann Oberhausen Deutschland (Privat/Achim Pohl)

Pfarrer Christoph Wichmann

Aber für beide Seelsorger bleibt - wie für alle ihrer Zunft - die Distanz eine Herausforderung. Theologen wie Daniel Bogner sprechen schon davon, dass ebenso, wie die Welt nach Corona eine andere sein werde, diese schwierige Zeit auch die Kirche verändern werde. Es scheint, ohne die knapp drei Millionen Gläubigen, die jeden Sonntag in Deutschland einen Gottesdienst besuchen, gemeinsam singen und beten, werden auch die Geistlichen einsamer. Und sie wissen voller Sorgen, dass viele ihrer kirchlichen "Stammklientel" weit über 70 Jahre alt sind und zur Corona-Risikogruppe gehören.

Was ihn bislang besonders beeindruckt habe? Pfarrer Wichmann muss nicht lange überlegen, und er kommt wieder auf das so Konkrete und Zeichenhafte: "Wie viele schon gefragt haben nach einem Palmzweig an Palmsonntag, nach einer kleinen Osterkerze aus ihrer Kirche. Das werden wir ihnen irgendwie nach Hause bringen."

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