Kinderpsychiaterin nennt Kinofilm über Höhlenrettung ″ausbeuterisch und voyeuristisch″ | Lebensart | DW | 12.07.2018
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Interview

Kinderpsychiaterin nennt Kinofilm über Höhlenrettung "ausbeuterisch und voyeuristisch"

Nach der Rettung der Fußballer und ihres Trainers aus der überfluteten Höhle in Thailand scheint alles gut zu sein. Doch ob das so bleibt? Die Kinderpsychiaterin Renate Schepker warnt vor zu viel Medienrummel.

Mehr als zwei Wochen weltweites Bangen um die zwölf Kinder und Jugendlichen sowie ihren Trainer in Thailand. Dann gelang die dramatische Rettung aus der überfluteten Höhle. Noch befinden sich die Geretteten zur Beobachtung in einem Krankenhaus, sie seien in einer guten körperlichen und geistigen Verfassung, heißt es.

Kaum wurde bekannt, dass dieses Wunder geschehen ist, meldeten Nachrichtenagenturen, dass die US-Filmfirma Pure Flix Pläne für eine Verfilmung des Dramas hat. Sie habe Produzenten in die Nähe der Höhle geschickt, um erste Interviews mit Beteiligten zu führen. Pure Flix hat sich auf Familienfilme mit christlichem Fokus spezialisiert, soll aber nicht das einzige Unternehmen sein, das Interesse an der Umsetzung des Dramas hat. 

Die Kinderpsychiaterin Renate Schepker erklärt im DW-Interview, warum ein solcher Kinofilm den geretteten Jugendlichen unkalkulierbaren psychischen Schaden zufügen kann.

DW: Frau Prof. Schepker, man weiß, dass ein solch einschneidendes Erlebnis später insbesondere psychische Folgen haben kann. Welche können das sein?

Schepker: Die klassische Folge wäre eine posttraumatische Belastungsstörung. Das heißt, das Wiedererleben des Traumas im Alptraum oder auch als Flashback. Auf Grund von Schlüsselreizen irgendwann im Alltag wird der innere Film wieder abgespielt.

Und wie äußert es sich, wenn der Film innerlich wieder hochkommt?

Dann hat man körperliche Begleitbeschwerden, genauso, wie wenn man wieder in der Situation wäre. Man fühlt sich auch so als ob man wieder in der Situation wäre.

Das heißt, da spielen auch Ängste eine Rolle?

Ja, es macht Angst, das macht Herzklopfen, es macht Erregung. Es macht im schlimmsten Fall Erstattung, die Todesangst kann wiederkommen, die sicherlich zwischendurch da war bei den Kindern. Weitere Symptome kommen dazu, die Stimmung ist oft schlecht, man ist übererregbar und anderes. Die Störung kann auch noch Monate nach Beendigung der Situation auftreten.

Wie würden Sie mit diesen Kindern in Thailand nach deren einschneider Erfahrung nun umgehen. Gibt es so eine Art Erste Hilfe für die Seele?

Es gibt eine erste Hilfe für die Seele. Das heißt: Zuerst müssen die Kinder ganz klar fühlen, dass sie wieder in Sicherheit sind, dass für sie gesorgt wird, dass die traumatische Situation vorbei ist. Das kann man allein dadurch tun, dass man ein warmes Bett und Essen und Schlaf wieder herstellt. Das ist alles passiert für diese Kinder.

Nun sind die Medien vermutlich in der nächsten Zeit erpicht darauf, diese Geretteten in die Öffentlichkeit zu bringen. Es wird Termine mit ihnen und mit ihren Familien geben. Ist das gut oder schlecht?

Das ist für die Kinder nur begrenzt gut, wie wir aus der Forschung wissen. Die sollen nicht gezwungen werden, darüber zu sprechen, wenn sie selber nicht dazu bereit sind. Vor allen Dingen ist es wichtig, dass sie in einer vertrauten Situation über diese schrecklichen Ereignisse sprechen und nicht im Rampenlicht der Fotografen, Kameraleute und der Öffentlichkeit.

Das bedeutet: Dieser landläufige Grundsatz, sich die Sorgen von der Seele zu reden, stimmt nicht unbegrenzt?

Der stimmt nicht unbegrenzt und schon gar nicht pauschal und nicht in jeder Situation.

Internationale Nachrichtenagenturen melden, noch bevor alle Mitglieder der Fußballmannschaft gerettet waren, seien Mitarbeiter einer US-amerikanischen Filmfirma in die Nähe der Höhle geschickt worden, um erste Interviews mit Beteiligten zu führen. Ziel sei es, so einer der Chefs dieser Firma, einen großen Hollywoodfilm über das Geschehene zu produzieren. Was sagt die Psychotherapeutin zu einem solchen Vorhaben?

Das kann man mit Schauspielern nachstellen, aber sicherlich nicht einfach so mit den Betroffenen und schon gar nicht in der akuten Situation. Ich halte das für ausbeuterisch und voyeuristisch, das auf diese Weise zu tun. Es ist psychiatrisch völlig unangemessen und ein Überschreiten von ethischen Grenzen.

Wie sollte dem Einhalt geboten werden?

Vielleicht brauchen wir für solche Großereignisse einen Pressekodex. Ich denke, in Deutschland würde damit auch sehr viel vorsichtiger umgegangen.

Ob diese Filmfirma in die Produktion eines Films über das Rettungsdrama einsteigen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch offen. Sollte es dazu kommen, würden die Geretteten und ihre Eltern natürlich zwangsläufig medial im Fokus stehen und nicht zur Ruhe kommen. Der Geldsegen, den ein solcher Film vermutlich bringen würde, wäre wirtschaftlich willkommen, denn die Betroffenen sind keine reichen Leute. Wie aber kann man ihnen in ihrer Situation helfen?

Man kann natürlich den Leuten von staatlicher Seite helfen, indem man eine gewisse Entschädigung anbietet für das erlittene Leid. Die Problematik drüber zu sprechen mit Nicht-Professionellen - das heißt, mit Nicht-Psychotherapeuten und auch nicht mit Menschen aus der näheren Umgebung, also Eltern, Verwandte, Bezugspersonen - die halte ich für ziemlich groß. Denn kein Interviewer, kein Journalist und kein Filmemacher beherrscht die Technik, nach so einem Interview, ein Kind wieder aufzufangen.

Sollte der Film tatsächlich produziert werden, gibt es da übrigens eine Parallele. 2015 kam der Hollywood-Film "69 Tage Hoffnung" in die Kinos. Da geht es um die Rettung eingeschlossener Minenarbeiter in Chile im Jahr 2010. Einige der damals geretteten Minenarbeiter meldeten sich bereits zu Wort, um die geretteten Kinder und ihre Eltern in Thailand vor den Folgen dieser enormen Öffentlichkeit und dem sich anschließenden Vergessensein zu warnen. Was würden Sie empfehlen?

Ich würde, wenn ich Mutter wäre, mein Kind schützen. Das Sicherheitsgefühl wird nicht durchgängig hergestellt, wenn das Kind durch die mediale Öffentlichkeit ständig an seinen Opferstatus erinnert und damit identifiziert wird. Es kann sehr negative Folgen haben. So wie wir es auch von Entführungsopfern kennen, dass man sich sogar mit dieser Situation des Opferseins, des Entführtseins identifiziert und das was eigentlich man ist, darüber in den Hintergrund gerät. Das kann entwicklungsbehindernd wirken. Eltern sind schlecht beraten, um des schnellen Geldes willen, ihr Kind quasi nochmal zum Opfer zu machen.

Prof. Dr. Renate Schepker (*1954) ist Gemeinsame Fachliche Leitung der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie Weissenau, Ravensburg und Calw. Bekannt wurde sie auch als Autorin von Fachbüchern über verschiedene Therapieformen für Kinder und Jugendliche.

Das Gespräch führte Klaus Krämer.

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