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Kinder des Vergessens

4. Mai 2009

Als die Panzer über den Platz des Himmlischen Friedens rollten, konnten sie noch kaum laufen oder waren noch gar nicht geboren. Nun kommen sie selbst in das Alter der Studenten von damals. Acht junge Chinesen über sich.

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Liu Weiqiong, 20, Studentin, Peking

Generation 89
Bild: Ruth Kirchner

Träume: Ich möchte mein eigenes Unternehmen führen, und zwar ohne ausländische Beteiligung.

Taten: Ich studiere Informationsmanagement. An der Uni habe ich mich für die Aids-Aufklärung engagiert. Letztes Jahr war ich als freiwillige Helferin im Erdbebengebiet von Sichuan. Ich lerne derzeit für die Aufnahmeprüfung an der Uni in Singapur. Dort will ich meinen Master machen.

Familie: Meine Eltern unterstützen mich noch, aber mein Masterstudium sollen sie nicht bezahlen. Sie sind jetzt alt und brauchen bald selbst die Unterstützung der Kinder. Außerdem bin ich schon zwanzig. Wenn man schon so alt ist und dann nochmal Geld von den Eltern verlangt, dann ist das nicht gut fürs eigene Ansehen.

Vorbilder: An der Uni gibt es einen Studenten, der Geige spielt. Er ist mit Herz und Seele dabei. Dabei macht er das nur zum Spaß. Das bewundere ich. Ich wünsche mir, dass ich später den Mut habe, mein eigenes Unternehmen zu gründen und mich mit Herz und Seele in meine Arbeit stürzen kann.

Samstags: Ich sehe mir gerne Trickfilme an und lese gerne Romane. Am Wochenende gehe ich ausserdem mit Freunden aus oder ins Kino. In den ersten Jahren an der Uni habe ich das viel öfter gemacht, jetzt weniger, denn ich muss viel lernen.

Geld: Geld ist wichtig. Würdest Du etwa ohne Geld arbeiten wollen?

China: Ich finde, Wachstum und Entwicklung sind das Wesentliche. Die Partei hat es geschafft, die Entwicklung anzukurbeln. Darauf kommt es an. Mag sein, dass die Partei diktatorisch ist oder korrupt, aber das ist okay. Schau Dir doch Amerika an. Die USA sind keine Diktatur und nicht korrupt. Aber jetzt haben sie die Wirtschaftskrise.

Der 4. Juni 1989: Die Studenten waren damals sehr mutig. Wenn ich in der damaligen Situation gewesen wäre, hätte ich vermutlich auch teilgenommen. Heute würde es zu derartigen Demonstrationen gar nicht kommen. Viele Studenten denken so wie ich – die Entwicklungen der letzten 20 Jahre haben viele Zweifel ausgeräumt. Wenn sie damals die Regierung gestürzt hätten, hätten wir dann die gleiche erstaunliche wirtschaftliche Entwicklung erlebt? Ich bezweifele das. Das hätte nur Chaos gegeben.

Demokratie: Wenn man an fast 1,5 Milliarden Leute Stimmzettel verteilen muss, würde das nur Unruhe und Chaos verursachen. Das wäre ein grosses Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung. Es ist besser das Geld für die Entwicklung oder für die Katastropenhilfe auszugeben statt für Wahlen.

Aufgezeichnet von Ruth Kirchner / Redaktion: Mathias Bölinger

Winson Shum, 19, Studentenvertreter, Hongkong

Generation 89 China
Bild: Markus Rimmele

Träume: Ich möchte einmal eine eigene Firma haben. Da will ich billige Medikamente herstellen für China und andere Länder. In der Fabrik sollen auch viele Behinderte arbeiten. Ich habe mal eine Dokumentation darüber gesehen, dass viele Menschen in China sterben, weil sie sich Medizin nicht leisten können. Das hat mich wach gerüttelt.

Taten: Wir organisieren Kampagnen, Gesprächsforen und Ausstellungen zum 4. Juni. Wir wollen, dass die Studenten mehr über das Ereignis erfahren. Aber wir kümmern uns auch um andere Probleme. Zum Beispiel planen wir eine Fahrt in ein so genanntes "Aids-Dorf" in China. Dort sind viele Menschen HIV-positiv. Wir wollen den betroffenen Menschen dort Zuwendung geben und mehr über die Aids-Problematik erfahren. Die chinesische Regierung verschweigt das ja.

Familie: Ich will einmal eine große Familie haben. Hoffentlich kann ich heiraten, bevor ich 30 bin. Dann hätte ich mit meiner Frau gern zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Ich würde dann auch gern mit meinen Eltern und anderen Verwandten zusammenleben.

Vorbilder: In den achtziger Jahren waren die Studenten viel aktiver und haben viele Kampagnen auf die Beine gestellt. Das war eine goldene Ära. Diese leidenschaftliche Bewegung würde ich gern wiederbeleben.

Samstags: Ich wohne im Studentenwohnheim, verbringe das Wochenende aber immer bei meinen Eltern. Samstags erledige ich meistens noch Sachen für die Studentenvertretung. Abends esse ich dann bei meinen Eltern. Den Sonntag verbringe ich mit der Familie, nachmittags arbeite ich für die Uni.

Geld: Ich brauche nicht viel Geld. So lange ich überleben kann, reicht mir das. Geld ist für mich nur ein Mittel, um meine Grundbedürfnisse zu befriedigen.

China: China macht Fehler bei den Menschenrechten. Auch auf anderen Gebieten tut es nicht genug. Das Land ist autoritär, die Bevölkerung muss der Regierung gehorchen. Deshalb haben viele Chinesen keine Ahnung von Menschenrechten. Und deshalb ist es wichtig, dass Regierungen und Gruppen im Ausland die Lage in China kritisieren, damit sie besser wird. Und auch als Chinesen müssen wir die chinesische Regierung kritisieren. Das ist für mich kein Widerspruch.

Der 4. Juni 1989: Als es passierte, war ich noch nicht geboren. Aber in Hongkong wurde ja dann jeden 4. Juni darüber gesprochen. Bilder und Filme wurden veröffentlicht. Es wurde berichtet. Das hat mich und meine Generation geprägt. Viele Hongkonger gehen jedes Jahr zur Kerzenandacht im Victoria Park.

Demokratie: Die Hongkonger sollten endlich das allgemeine Wahlrecht bekommen, ihren Regierungschef und die Abgeordneten frei wählen dürfen. Das gilt auch für China. Ich habe dort mit Studenten gesprochen. Die wollen das auch. Demokratie ist unvermeidlich. In China dauert die Entwicklung wahrscheinlich nur etwas länger als in Hongkong.

Aufgezeichnet von Markus Rimmele/ Redaktion: Mathias Bölinger

Wu Yueyuan, 20, Umweltaktivistin, Peking

Generation 89 China
Bild: Ruth Kirchner

Träume: Ich wünsche mir, dass alle Menschen in China mehr Umweltbewusstsein hätten. Dann müssten wir nicht immer so laut trommeln und schreien. Für mich selbst hoffe ich auf eine eigene Karriere und eine Arbeit, die mich ausfüllt.

Taten: Ich versuche, die Leute davon zu überzeugen, sich umweltgerecht zu verhalten. Ich selbst habe meine eigenen Essstäbchen aus Metall, die man zusammenstecken kann, die habe ich immer dabei. Ich benutze keine Einweg-Stäbchen aus Holz mehr. Zum Einkaufen bringe ich meine eigenen Tüten mit. Ich kaufe nur wirklich notwendige Kleidung und achte auf meinen Stromverbrauch und andere Kleinigkeiten.

Familie: Meine Eltern haben mich früh zur Selbstständigkeit erzogen. Sie sind Beamte und haben deshalb eine Renten- und Krankenversicherung. Daher muss ich mir nicht so viel Sorgen um meine Eltern machen.

Vorbilder: Mein Vater und Deng Xiaoping

Samstags: Ich stehe samstags meist in der Stadt, und versuche, die Menschen zu überzeugen, sich umweltbewusster zu verhalten. Oder ich organisiere Veranstaltungen an der Uni.

Geld: Geld ist mir nicht so wichtig.

China: Spektakuläre Aktionen wie die von Greenpeace sind für die chinesische Kultur nicht so geeignet. In China müssen wir viele Dinge bedenken: den Staat, die Politik, die Position der Uni. Man muss sich überlegen wie man die Umwelt fördern kann und gleichzeitig von anderen Leuten Anerkennung und Unterstützung bekommt.

Der 4. Juni 1989: Ich denke, die Studenten von damals hatten Unrecht. Vielleicht hatten sie gute Ideen, wollten den Staat verändern, aber sie haben den falschen Weg gewählt. Wir wollen auch Veränderungen erreichen, aber dafür müssen wir nicht auf die Straße gehen. Man muss kooperieren.

Demokratie: Es geht ja nicht darum welches System besser oder schlechter ist. Direktwahlen für China – ich weiß nicht ob wir irgendwann an den Punkt kommen. Zur Zeit brauchen wir so etwas aber nicht unbedingt.

Aufgezeichnet von Ruth Kirchner / Redaktion: Mathias Bölinger

Chen Jinxiu, 19, Wanderarbeiterin, Peking

Generation 89 China
Bild: Ruth Kirchner

Träume: Ich habe keine großen Träume. Bis jetzt habe ich immer Glück gehabt, bin von einem Job in den nächsten gewechselt. Alle waren immer nett zu mir. Vieles hängt vom Zufall ab.

Taten: In einem Vorort von Peking habe ich zwei Jahre lang in einer Spielzeugfabrik gearbeitet. Das war reine Zeitverschwendung. Gelernt habe ich dort nichts. Und verdient habe ich nur 20 Euro im Monat. Dann habe ich über die Schwester einer Kollegin zufällig die Chance bekommen, in ein Kosmetikstudio zu gehen und dort etwas zu lernen. Dort verdiene ich jetzt immerhin 170 Euro im Monat.

Familie: Mein kleiner Bruder ist siebzehn und macht eine Ausbildung zum Koch. Eigentlich müssten meine Schwester und ich vor ihm heiraten. Aber wenn er eines Tages eine Frau findet, müssen wir ihm helfen, einen Hausstand zu gründen. Ich sollte ihm mindestens 30.000 Yuan (ca. 3000 Euro) geben, meine Schwester noch mehr. Das muss man machen.

Vorbilder: Mein Idol ist Anita Mui, die Hongkonger Popsängerin und Schauspielerin, die 2003 an Krebs gestorben ist. Sie kam aus einer armen Familie und ist durch eigene Kraft zum Superstar geworden.

Samstags: Ich arbeite oft am Samstag. An meinen freien Tagen treffe ich mich mit Freundinnen oder gehe shoppen.

Geld: Zur Zeit muss ich kein Geld nach Hause schicken. Mein Vater ist meist alleine zuhause. Er hat wegen der Wirtschaftskrise seinen Job verloren. Meine Schwester schickt ihm Geld. Wenn meine Eltern Geld brauchen, rufen sie mich an. Dann schicke ich was. Aber wenn ich selbst gerade nichts habe, dann halt nicht.

China: In der Zeitung überschlage ich die Seiten mit den Nachrichten. Ich lese nur das, was mich interessiert – zum Beispiel wie man bessere Jobs finden kann.

Der 4. Juni 1989: Davon weiss ich nichts. Vor zwanzig Jahren? Da war ich ja noch nicht einmal geboren. Nein, davon habe ich noch nie gehört. Bei uns auf dem Dorf gab es vermutlich damals noch nicht einmal Fernseher. Ich habe davon wirklich noch nie gehört.

Demokratie: Ich finde, so wie es jetzt ist, ist es gut. Ich interessiere mich nicht für Politik. Selbst wenn ich das Recht hätte zu wählen – ich kenne die Leute doch gar nicht, wie kann ich dann wählen?

Aufgezeichnet von Ruth Kirchner / Redaktion: Mathias Bölinger

Jin Yuxi, 18, Sprachschülerin, Berlin

Generation 89 China
Bild: Philipp Bilsky

Träume: Ich möchte einmal in einem großen Orchester spielen. Wenn ich fertig studiert habe, möchte ich nach China zurückgehen. Dann kann ich dort die Entwicklung der klassischen Musik voranbringen. Immerhin bin ich ja Chinesin. Und für eine Chinesin ist das selbstverständlich.

Taten: Ich spiele Cello. Im Moment lerne ich noch deutsch, aber im Sommer möchte ich die Aufnahmeprüfung für die Musikhochschule machen.

Familie: In China ist der Respekt vor den Eltern sehr wichtig.

Vorbilder: Meine Freundin in England. Dort sind die Lebenshaltungskosten so hoch. Sie schafft es zu studieren und sich gleichzeitig komplett selbst zu finanzieren.

Samstags: Samstags habe ich am Vormittag Musik-Unterricht. Nachmittags chatte ich oft mit meiner Mutter im Internet.

Geld: Geld ist wichtig, denn erstens bekommt man damit für die ganze Arbeit und Mühe, die man sich macht, etwas zurück. Und wenn man Geld verdient, dann kann man auch seinen Eltern zumindest etwas wieder zurückgeben.

China: Die westlichen Medien berichten nie über positive Dinge in China. Berichtet wird immer nur, wenn etwas Schlimmes passiert. Und das wird dann oft auch noch aufgebauscht. Das ist etwas, was viele Chinesen ziemlich aufregt. Ich bin ziemlich patriotisch. Vor allem hier im Ausland. Immerhin stehe ich hier ja nicht nur für mich selbst. Ich stehe hier ja auch für China.

Der 4. Juni 1989: Darüber weiß ich nicht viel. Das war vor meiner Zeit.

Demokratie: Darüber habe ich eigentlich noch nicht nachgedacht.

Aufgezeichnet von Philipp Bilsky / Redaktion: Mathias Bölinger

Wang Long*, 21, Parteimitglied, Peking

Generation 89 China
Bild: Mathias Bölinger

Träume: Ich wünsche mir, dass ich etwas leiste im Leben und einen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft leisten kann. Ich weiss noch nicht, was ich genau machen will. Ich interessiere mich für Journalismus.

Taten: Ich nehme regelmäßig an Schulungen teil, spiele Tischtennis und engagiere mich im Debattierclub an der Uni.

Familie: Meine Familie hat mich sehr beeinflusst. Mein Vater und mein Großvater sind beide Parteimitglied. Von klein auf war es mein Wunsch, in die Kommunistische Partei einzutreten.

Vorbilder: Mein Vorbild ist die Tischtennis-Legende und Vize-Direktorin des Olympischen Dorfes, Deng Yaping. Ich bewundere ihre Hartnäckigkeit.

Samstags: Ich spiele gerne Billard. Als Parteimitglieder engagieren wir uns auch für gemeinnützige Projekte.

Geld: Es heisst oft, die Einzelkinder meiner Generation seien alle egoistisch und würden nur an sich selbst und ans Geldverdienen denken. Das stimmt nicht. Man darf nicht alle in einen Topf schmeißen.

China: Im Westen fehlt es einfach an Kenntnissen über China. Als ich bei den Olympischen Spielen als freiwilliger Helfer gearbeitet habe, habe ich viele Ausländer kennengelernt. Sie wissen nicht, wie es im neuen China läuft. Sie waren alle sehr neugierig, aber sie kennen einfach die chinesische Kultur nicht.

Der 4. Juni 1989: Darüber möchte ich nicht sprechen.

Demokratie: Aus westlicher Sicht ist es vielleicht widersprüchlich, dass ein Land gleichzeitig sozialistisch und demokratisch sein kann. Aber in unserem östlichen Denken ist das kein Widerspruch. Die Vorwürfe des Westens, China sei undemokratisch, sind unverantwortlich. Natürlich ist unser Land nicht vollkommen, auch die Demokratie muss sich hier noch weiterentwickeln. Aber die Menschen haben jetzt mehr Rechte, mehr Entscheidungsfreiheiten – auch das gehört zur Demokratie.

*Wang Long möchte seinen wirklichen Namen nicht veröffentlicht sehen.

Aufgezeichnet von Ruth Kirchner / Redaktion: Mathias Bölinger

Liou Ying-chen, 20, Studentin, Taipeh

Generation 89 China
Bild: Antonia Sachtleben

Träume: Ich möchte im Hotelgewerbe als Managerin arbeiten, entweder in Taiwan oder wenn sich eine Gelegenheit bieten sollte, auch im Ausland, am liebsten in der Schweiz. Die Schweiz ist für ihr Hotelgewerbe sehr berühmt. Ich möchte dort gerne Management studieren.

Taten: Ich studiere Betriebswirtschaft. Nebenbei jobbe ich in einem Cafe.

Familie: Ich habe zwei jüngere Schwestern, die noch zur Schule gehen. Mein Vater ist Finanzexperte in einer Bank, und meine Mutter arbeitete auch in der Bank bevor sie heiratete. Jetzt ist sie Hausfrau. Meine Familie ist sehr sehr wichtig für mich. Sie unterstützt mich immer. Und wenn ich mal viel Geld habe, werde ich auch sehr gerne meine Eltern unterstützen. Das ist völlig selbstverständlich für mich.

Vorbilder: Mein Vorbild ist der Geschäftsführer des Ya-Du Hotels in Taiwan, Yen Chang-Shou. Ich möchte so wie er später einmal die Geschäftsleitung eines Hotels übernehmen.

Samstags: Ich gehe gerne ins Kino. Außerdem genieße ich es, bei gutem Wetter in den Bergen zu wandern.

Geld: Je mehr, desto besser. Geld ist sehr wichtig für mich.

China: Ich war schon mal in Shanghai, für ungefähr fünf Tage. Ich finde, daß sie dort große Fortschritte gemacht haben. Das gefällt mir sehr gut. Aber leben möchte ich dort nicht. Ich möchte lieber hier bleiben. Ich mag Taiwan. Das ist meine Heimat.

Der 4. Juni 1989: Davon weiß ich nichts. Das hat mit den Kommunisten zu tun, aber die interessieren mich nicht. In China gibt es keine Freiheit. Ich hatte mal chinesische Geschichte in der Schule, aber ich habe fast alles vergessen.

Demokratie: Ich finde die Wahlen gar nicht schlecht. Jeder kann wählen gehen. Ich selbst habe bis jetzt noch nicht gewählt. – Ich weiß auch noch nicht, wen ich später mal wählen werde. Erst mal abwarten, wer nächstes Mal als Präsidentschaftskandidat antritt. Eigentlich interessiere ich mich nicht so sehr für Politik, aber ich mag meine Freiheit.

Aufgezeichnet von Antonia Sachtleben / Redaktion: Mathias Bölinger

Nie Xiao, 23, Kunststudentin, Peking

Generation 89 China
Bild: Eva Mehl

Träume: Ich studiere jetzt zwar Design und belege nur einige Kurse in Kunst, aber ich glaube, Kunst passt besser zu meiner Natur. Ich rede nicht so viel und vergrabe vieles in meinem Innern. Man sollte die Richtung wählen, die besser zum eigenen Charakter passt. Ich möchte meine Werke in einer Ausstellung zeigen, ein Buch herausbringen und eine professionelle Internetseite haben. Man muss seine Kunst publik machen. Wenn man als Künstler keine Ausstellung hat, bleibt man unbekannt.

Taten: Ich male vor allem Selbstporträts. Ich kann meinen momentanen Gefühls- und Gesichtsausdruck gut einfangen. Das finde ich interessant, also male ich mich selbst. Außerdem stelle ich Schmuck her, den ich verkaufe und ich jobbe in einem Designbüro.

Familie: Meine Eltern malen auch, waren aber nie auf der Kunsthochschule. Deshalb wollen sie, dass ich studiere und setzen alle Hoffnungen in mich. Hier in China sieht man das oft. Eltern, die früher nicht die Chance hatten, eine gute Schule zu besuchen, setzen alles daran, ihren Kinder eine erstklassige Ausbildung zu ermöglichen. Früher war das ein großer Druck für mich. Aber heute mag ich die Kunst und finde die ganze Sache gut.

Vorbilder: Mein Vorbild ist der Vize-Kanzler der Kunstakademie, Tan Ping. Ich bin von seiner Kunst begeistert und sein Charakter überzeugt mich.

Samstags: Ich arbeite normalerweise am Wochenende, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Geld: In China muss man erst seine Existenz absichern, dann kann man Kunst machen. Wenn die finanzielle Grundlage nicht gesichert ist, ist Kunst, kreatives Arbeiten nicht möglich.

China: Alle Chinesen lieber ihr Vaterland. Meine Generation ist zwar noch jung, aber auch in unseren Herzen hat das Vaterland einen großen Platz. Wenn uns unser Vaterland "ruft", dann stehen wir zusammen.

Der 4. Juni 1989: Wir sprechen nicht darüber, vielleicht ist auch zu weit weg. Es betrifft uns nicht. Wir kümmern uns nicht drum, es ist Vergangenheit.

Demokratie: China ist heute schon recht demokratisch. Ich wünsche mir aber, dass die Menschen freier Entscheidungen treffen können. Die Rede- und Ausdrucksfreiheit könnte sich verbessern. Und die Vertreter des Volkskongresses sollten die Meinung des Volkes besser vertreten.

Aufgezeichnet von Eva Mehl / Redaktion: Mathias Bölinger