Kennen Sie Erika Mustermann? | Deutschlehrer-Info | DW | 28.06.2018
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Deutschlehrer-Info

Kennen Sie Erika Mustermann?

In Deutschland kennt sie jeder: Otto Normalverbraucher, Lieschen Müller und Erika Mustermann. Es gibt nur einen Haken: Sie existieren nicht. Wer und was steckt hinter diesen Fantasienamen? Hier erfahren Sie es.

Wenn die politische Situation kompliziert ist, gibt es im Deutschen den Satz: „Das versteht Lieschen Müller nicht.“ Gemeint ist damit die Frau von der Straße, die nicht rund um die Uhr die Zeitung studiert und sich nicht wirklich für Politik interessiert. Ihr Freund mit dem schönen Namen Otto Normalverbraucher führt ein ziemlich unaufgeregtes Leben. Er hat einen Job, wäscht am Wochenende sein Auto, schaut Fußball oder grillt mit seinen Freunden. Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher: Mit diesen fiktiven Namen bezeichnet man den durchschnittlichen Bürger mit seiner durchschnittlichen Lebensweise und seinen durchschnittlichen Wünschen. Oft spielen die beiden in der Politik eine Rolle, wenn es bürgernah werden soll: Politiker müssen die Belange des Otto Normalverbrauchers gut im Blick haben, wenn sie mit ihrer Agenda ankommen wollen. 

Ein globales Phänomen                

Fantasienamen für den Durchschnittsbürger gibt es überall auf der Welt. In Italien z. B. heißt Pinco Pallino so viel wie Otto Normalverbraucher. Ein bekannter Begriff in den USA ist John Doe oder Jane Doe – gerne auch für verstorbene Menschen genutzt, die man nicht identifizieren konnte. In der Türkei funktioniert es ebenfalls mit Vornamen. Dort heißen die sprichwörtlichen Bürger etwa Ali, Veli, Ahmet, Mehmet, Ayse oder Fatma. In Polen sind der Mustername für Formulare und der Normalverbraucher Jan Kowalski. Sowohl der Vor- als auch der Nachname sind weit verbreitet. Man spricht auch vom „gewöhnlichen Kowalski“.

Erika Mustermann

In Österreich warnt ein Portal vor „Ernährungsfehlern von Herrn und Frau Österreicher“. Dort kennt man auch eine Frau Mustermann, wenn es um den österreichischen EU-Führerschein-Musters geht. In Deutschland ist Erika Mustermann seit den 80er-Jahren als Ausweisname bekannt. Die Fotos von Frau Mustermann heute und früher zeigen Mitarbeiterinnen der Bundesdruckerei, die die Ausweise für die deutschen Ministerien fertigt. Die Druckerei hält sich bei dem Thema bedeckt. Wer die Frauen sind, soll geheim bleiben.

Und was steckt hinter Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher? Der Sprachwissenschaftler Lutz Kuntzsch und seine Kollegin Hannah Schultes von der Gesellschaft für deutsche Sprache verweisen auf Expertenaufsätze: So ist Lieschen Müller laut Autor Heinz Küpper eine „fiktive Person mit seichter, kritikloser, zu Rührseligkeit neigender Kunstauffassung“. Möglicherweise stammt er aus dem Roman „Lumpenmüllers Lieschen“ aus dem 19. Jahrhundert.

Otto Normalverbraucher kommt von einer gleichnamigen Filmfigur, die von Gert Fröbe gespielt wurde. Die „Berliner Ballade“  von 1948 erzählt die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, der seinen Alltag zwischen Ämtern und Lebensmittelkarten meistern muss. Wovon Otto Normalverbraucher träumte: Eine blonde Frau serviert ihm an einem Buffet Berge von Kuchen.