Kenias erste digitale Volkszählung | Afrika | DW | 24.08.2019
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Afrika

Kenias erste digitale Volkszählung

Zum sechsten Mal zählt Kenia seine Bevölkerung. Im Fokus: Die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit - und damit auch die künftige Verteilung von Macht und Geldern.

Volkszählung in Kenia (picture-alliance/dpa/S. Morrison)

Eine Volkszählerin ("enumerator") bei der Arbeit während des letzten Zensus 2009

Wer an diesem Samstag (24.08.) in Kenia ausgehen möchte, könnte vor verschlossenen Türen stehen. Denn in vielen Teilen des Landes sind Bars und Kneipen angewiesen, ab 17 Uhr die Schotten dicht zu machen.Der Grund: Zum sechsten Mal seit der Unabhängigkeit zählt der ostafrikanische Staat seine geschätzt 50 Millionen Einwohner. Und zum ersten Mal geschieht dies rein digital, ohne Papier.

Vom 24. bis 31. August werden rund 165.000 Zähler und Aufsichtsbeamte alle Haushalte in den 46 Regionen Kenias für etwa eine halbe Stunde besuchen. Mit Hilfe von Tablets sollen Kenianer den großen Fragebogen ausfüllen, dessen Informationen die Grundlage für die zukünftige politische und sozioökonomische Entwicklung des Landes sein werden.

Die Neueinführung von technischen Geräten anstatt Papierfragebögen ist nicht billig: "Der ganze Zensus kostet 18,5 Milliarden Kenianische Schilling (162 Millionen Euro)", erklärt Cyrus Oguna, Sprecher der kenianischen Regierung. Zum Vergleich: die Volkzählung 2009 kostete den Staat 8,4 Milliarden Kenianische Schilling (73,5 Millionen Euro). Doch dafür sollen dieses Mal Privatsphäre und die Sicherheit der Daten garantiert sein.

Behinderung und Intersex

Das Kenya National Bureau of Statistics (KNBS), das den Zensus organisiert, möchte in diesem Jahr vor allem Informationen über die Landwirtschaft erfassen, die in Kenia ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht. "Es gibt Fragen zur Arbeit, zum Zugang und Besitz von EDV-Ausrüstung, zum Ackerbau, zu den Wohnverhältnissen, zum Haushaltsvermögen", erklärt Zachary Mwangi, Generaldirektor des KNBS.  Die Fragebögen sollen Auskunft geben über den Stand der wirtschaftlichen Entwicklung, verfügbare Wohneinheiten, die Versorgungslage und die Lebensbedingungen der Menschen - wichtige Daten etwa für die Formulierung der Wohnungs- und Entwicklungspolitik.

Volkszählung in Kenia (picture-alliance/Photoshot/J. Okoyo)

Ukur Yatani, Sekretär des kenianischen Finanzministeriums, verspricht eine reibungslose Durchführung des Zensus

Doch bei diesen Fragen bleibt es nicht. "Wir werden einen Hauptfragebogen und vier weitere Fragebögen haben", erklärt Mwangi. "Im Hauptfragebogen fragen wir nach Bevölkerungsmerkmalen: Alter, Geschlecht, Familienstand, Behinderung,  Bildungsstand und Ausbildung." Bei der Zählung soll auch besonders auf Hör- und Sehbehinderte sowie auf behinderte Kinder geachtet werden. Und es gibt eine Neuerung: Kenia wird als erstes afrikanisches Land auch Intersexuelle zählen, nachdem im Dezember letzten Jahres nach langen Debatten ein dritter Geschlechtsmarker offiziell anerkannt wurde. Innovativ, wie Alutalala Mukhwana, Jurist am Obersten Gerichtshofs in Kenia, findet, "denn zum ersten Mal nähert sich die Republik der Frage der Intersexualität."

Tyrannei der Zahlen

Besonders kritisch beim kenianischen Zensus ist aber eine ganz andere Frage: die nach der ethnischen Zugehörigkeit. Schon 2009 sorgte das Ergebnis der Volkszählung bei diesem Thema für Furore. Damals bestritt die Regierung einen Teil der Ergebnisse, wonach über 2,4 Millionen kenianische Somali im Land lebten und damit eine der größten ethnischen Gruppe des Landes stellten. Ein Gericht bestätigte jedoch die Ergebnisse.

"In diesem Land herrscht eine so genannte 'Tyrannei der Zahlen'", erklärt Alutalala Mukhwana im DW-Gespräch. "Das heißt, die Gruppen, die zahlenmäßig am größten sind, herrschen." Vor allem die somalische Gemeinschaft werde dabei seit langem an den Rand geschoben. "Wenn aber ihre Bevölkerungszahl tatsächlich so groß ist, bedeutet das, dass sich die politische Landschaft in diesem Land verschieben wird", so Mukwhana. Viele würden deshalb befürchten, dass die aus der Volkszählung gewonnenen Zahlen zugunsten der dominanten Volksgruppen manipuliert werden könnten.

Kenia Flüchtlinge aus Somalia (Getty Images/AFP/Y. Chiba)

Laut dem Zensus 2009 gehören kenianische Somali inzwischen zu den größeren ethnischen Gruppen im Land

Wirtschaftlicher und politischer Einfluss

Besonders heikel daran: Die Ergebnisse des Zensus haben einen erheblichen Einfluss auf die Größe und Anzahl der Wahlkreise in Kenia - und dadurch auch auf die mögliche Zusammensetzung des Parlaments nach den nächsten Wahlen. Nach der Volkszählung wird eine dafür verantwortliche Kommission eine Überprüfung der Grenzen durchführen. "Ein Gebiet, das einen Vertreter im Parlament haben möchte, muss bislang mindestens 170.000 Einwohner haben", erklärt Mukhwana. Qualifiziert sich ein Gebiet nicht als Wahlkreis, verliert es seinen Abgeordneten in der Nationalversammlung. Und umso weniger Abgeordnete aus einer bestimmten Region kommen, desto weniger einflussreich ist es folglich auch im Parlament.

Bereits im März betonten einige Politiker, hauptsächlich aus Nordkenia, dass sie keine Änderungen an den derzeitigen Wahlgrenzen zulassen würden. Auch weil mit der Qualifizierung zum Wahlkreis der Vorteil von staatlichen Entwicklungsgeldern hinzukommt. "Verliert die Region Zugang zu diesen Geldern, gerät dadurch auch der bis dahin erreichte Entwicklungsstand in Gefahr", so Mukhwana.

Theoretisch bietet die Volkszählung also die Möglichkeit, dass Macht und Gelder in Kenia künftig fairer aufgeteilt werden. Alutalala Mukhwana ist jedoch wenig optimistisch. "Die Zahlen, die aus einer Wahl oder einer Volkszählung hervorgehen, sind immer nur so gut wie diejenigen, die diese Zahlen verwenden." Sollten die aktuellen Machthaber beabsichtigen, die Statistiken zu ihren Gunsten zu interpretieren oder gar zu manipulieren, "dann wird das auch genauso geschehen", befürchtet Mukhwana. Richtig losgehen dürfte die politische Diskussion dann in drei Monaten, wenn die Ergebnisse des Zensus veröffentlicht werden sollen.

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