Kenianische Machtspiele | Meine Oma, das Regime und ich | DW | 05.05.2014
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Meine Oma, das Regime und ich

Kenianische Machtspiele

"Wir glaubten, wir seien unabhängig, aber wir kannten keine wahre Unabhängigkeit", sagt "Oma" Anyango. 1964 heiratete sie den Politiker Ramogi Achieng Oneko, dessen Geschichte eng mit der des Landes verwoben ist.

Wie wurden Ramogi Achieng Oneko und Jomo Kenyatta zu Weggefährten?

15 Jahre verbringt der politisch aktive Jomo Kenyatta in England. Er bereist Europa, misst sich mit Pan-Afrikanisten. Als er nach Kenia zurückkehrt, engagiert er sich in der Kenya African Union (KAU). Es ist die erste politische Gruppe, die alle Kenianer vertreten soll, unabhängig von ihrer Ethnie. Kenyatta wird schon kurze Zeit später zum Präsidenten der KAU gewählt. Etwa 1946 tritt Ramogi Achieng Oneko der KAU bei. Kenia ist in dieser Zeit noch britische Kolonie.

Der Widerstand gegen die britischen Besatzer wächst. 1952 erlässt die Kolonialregierung Notstandsgesetze. In dieser Zeit ist Oneko der Generalsekretär der KAU. Gemeinsam mit Kenyatta und vier weiteren Anführern wird er verhaftet und im abgelegenen Ort Kapenguria vor einen Richter geführt. Die sechs Männer werden beschuldigt, die Anführer der von den Briten gefürchteten Guerillabewegung Mau Mau zu sein. Ramogi Achieng Oneko wird als einziger freigesprochen, dann aber vor dem Gerichtssaal noch einmal verhaftet. Neun Jahre lang müssen er und die anderen Beschuldigten in Gefangenschaft verbringen.

Am 12.12.1963 erhält Jomo Kenyatta von Prinz Philip die Unabhängigkeitsurkunde Kenias (Foto: AFP/Getty Images)

1963 Machtübergabe von Prinz Philip an Jomo Kenyatta

Nach der Freilassung der Männer bekennt sich Kenias politische Elite zu Jomo Kenyatta. Er soll ihr politischer Anführer sein. Oneko ist sein persönlicher Sekretär. Er begleitet ihn auf dem Weg des Landes in die Unabhängigkeit. Oneko habe in Kenyatta eine Art Vaterfigur gesehen, sagt Oma Anyango Oneko.

Der 12. Dezember 1963 ist die Geburtsstunde der Republik Kenia. Jomo Kenyattas Partei, die aus der KAU hervorgegangene Kenya African National Union (KANU), bildet die erste Regierung. Es ist die Partei, die das Land 38 Jahre lang regieren wird.

Wie kam es zur politischen Spaltung?

Schon nach kurzer Zeit macht sich innerhalb der Regierung Unzufriedenheit breit. Die Ländereien, die damals noch in Kolonialhand waren, sollen gerecht aufgeteilt werden. Außerdem sollen diejenigen finanziell entschädigt werden, die unter dem Kampf für die Unabhängigkeit gelitten haben, vor allem die Mau-Mau-Rebellen. Doch die Versprechen werden nicht erfüllt. Viele Parteimitglieder fühlen sich betrogen. Die Lager spalten sich. Es bilden sich linke und kapitalistische Gruppen. Auch die ethnische Zugehörigkeit spielt eine Rolle.

Als die Republik Kenia zwei Jahre alt ist, erschüttert ein politischer Mord das Land. Pio Gama Pinto, Politiker, Aktivist und Journalist, wird vor seinem Haus erschossen. Vermutungen zufolge wollte er beweisen, dass die Regierung Geld veruntreut hatte. Laut Erzählungen war er ein guter Freund der Familie. Oneko und er hatten einige Jahre gemeinsam in Gefangenschaft verbracht, auf der Insel Manda vor der nördlichen Küste des Landes.

1966 verlassen viele Parteimitglieder KANU und gründen eine linksgerichtete Oppositionspartei, die Kenya People’s Union (KPU). Oneko ist in dieser Zeit Informationsminister. Ihm fällt die Entscheidung, KANU und Kenyatta zu verlassen, sehr schwer, doch er begründet seinen Rücktritt: "Persönlicher Reichtum ist zum Leitmotiv der Partei geworden", sagt er. In den folgenden Jahren werden Oppositionelle verhaftet und schikaniert. Einige werden tot aufgefunden. Das Parlament ändert Gesetze, um dem Präsidenten mehr Macht zu verleihen.

Empfang im Dorf nach der Freilassung von Achieng Oneko (Mitte). Ebenfalls auf dem Bild sind die beiden Frauen und Sohn Lwande (Foto: privat)

Onekos (Mitte) Empfang im Dorf nach seiner Freilassung

Am 5. Juli 1969 wird Tom Mboya auf offener Straße erschossen. Er gehört der Regierungspartei an. Er gehört jedoch auch zur Volksgruppe der Luo, die mehrheitlich die Opposition unterstützen. Kurze Zeit später reist Kenyatta in die Hochburg der Opposition. Bei der Eröffnungsfeier eines Krankenhauses sieht er sich plötzlich einer wütenden Menschenmenge gegenüber. Kenyattas Sicherheitsleute erschießen mindestens zehn Menschen. Kenyatta lässt die Oppositionspartei verbieten und ihre Anführer verhaften - darunter Oneko. Es gibt keinen Prozess. Kenyatta rechtfertigt die Verhaftung als Sicherheitsmaßnahme. Oneko muss fünf Jahre in Haft. Die Familie lebt isoliert, und obwohl beiden Frauen um Onekos Freilassung bitten, lässt sich Kenyatta nicht erweichen. Erst als Onekos ältester Sohn Ong'onga Achieng Kenyattas Tochter Margaret um Hilfe bittet, kommt Oneko frei.

Welche nationale Erbschaft hinterließ Kenyatta?

Kenyatta stirbt 1978. Sein Tod kommt unerwartet. Trotz seines autoritären Führungsstils gilt er als Gründungsvater der Nation. Neun Jahre lang hat er in Gefangenschaft gelitten und der kenianischen Bevölkerung die Würde eines eigenen Staates gegeben - stellvertretend für alle Unabhängigkeitskämpfer. Als Kenyatta 1969 die Opposition verbannt, macht er das Land de facto zu einem Einparteienstaat - und ebnet damit seinem noch repressiveren Nachfolger Daniel Arap Moi den Weg. Der macht das Ein-Parteien-System 1982 zum Gesetz.

Der niederländische Historiker Wiegert de Leeuw sagt, unter Kenyatta habe es zwar nur eine Partei gegeben, dafür habe praktisch jeder für KANU kandidieren dürfen. "Interessant war, dass es im Parlament eine große Opposition gab, trotzdem waren alle KANU", sagt de Leeuw. Unter Moi sei das nicht mehr möglich gewesen. 1988 wurde KANU als Partei sehr stark. Moi habe KANU für seine Zwecke genutzt, Kritiker hätten nicht mehr für die Partei antreten dürfen. In dieser Zeit stieg auch die Zahl der Verhaftungen. Der Umgang mit Protestierenden wurde härter, die Foltermethoden des Geheimdienstes grausamer.

Wahlberechtigte stehen Schlange zur Stimmabgabe bei der Wahl in Kenia 2013 (Foto: DW/James Shimanyula)

Wahlen 2013. Die erste Mehrparteienwahl fand 1992 statt.

Unter internationalem Druck muss Moi seine Herrschaft 2001 beenden. Eine Koalition der Oppositionsparteien übernimmt die Macht in Land. Es ist das Ende einer Ära. 38 Jahre lang ist das Land von der KANU und zwei Präsidenten regiert worden. Doch der erhoffte Neustart bleibt aus, bis heute. Kenia blüht zwar wirtschaftlich auf, doch das Land ist weiterhin von Korruption, Vetternwirtschaft und ethnischen Spannungen geprägt. Die jüngsten Wahlen 2013 werden als überwiegend fair bewertet. Heute regiert Jomo Kenyattas Sohn Uhuru das Land.