Kenia: Verhütungsmittel per Chatbot | Afrika | DW | 21.07.2019
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Sexualaufklärung

Kenia: Verhütungsmittel per Chatbot

Weil Verhütungsmittel in Kenia schwer zugänglich sind, werden Teenager häufig ungewollt schwanger. Eine Organisation hat sich dieses Problems angenommen - mit Streetworkern und einem Chatbot. Von Felix Franz, Nairobi.

Kenia Anti AIDS Kampagne Kondome Jugendliche (Getty Images/AFP/S. Maina)

Der Zugang zu Verhütungsmitteln ist für junge Kenianer nicht immer einfach

Nach den großen Abschlussprüfungen in Kenia vergangenes Schuljahr galt die Schlagzeile in den nationalen Medien nicht etwa der Schwierigkeit der Matheaufgaben, sondern der Rekordzahl von schwangeren Absolventinnen. Mehrere Mädchen hätten das Examen im Krankenhaus abgelegt, berichtete die nationale Presse empört. Über Sex und Verhütung spricht in Kenias konservativer Gesellschaft kaum jemand offen, vor allem nicht mit Jugendlichen. Sex haben sie natürlich trotzdem - und deshalb ein großes Problem mit ungewollten Schwangerschaften.

Esther Mutheu ist 18 Jahre alt und hat bereits einen Sohn. Ein weiteres Kind möchte sie erstmal nicht. "Ich war draußen unterwegs, da wurde ich angesprochen. Sie haben uns von dem Programm erzählt und uns in die Klinik geschickt, um kostenlose Verhütungsmittel zu bekommen", erzählt sie. Das Programm der niederländischen Nichtregierungsorganisation Triggerise berät und verteilt in mehreren Städten Kenias kostenlose Verhütungsmittel an Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Über 250.000 Patientinnen haben den Service bereits in Anspruch genommen.

Spirale, Hormonimplantate, Pille oder Depotspritze

Gemeinsam mit ihrer 19-jährigen Freundin Ann Ndinda, ebenfalls Mutter eines kleinen Sohns, sitzt sie im Wartezimmer einer kleinen Klinik in Huruma, einem Slum in Nairobi. Die beide hören Caroline Nasser zu. "Wir haben vier verschiedenen Arten von Verhütungsmitteln: Spirale, Hormonimplantate für drei oder fünf Jahre, die Pille und die Depotspritze. Wenn ihr Hormontherapie nicht vertragt, empfehle ich euch die Spirale."

Kenia Aufklärungsarbeit der Organisation Triggerise | Caroline Nasser (DW/F. Franz)

Caroline Nasser klärt Esther Mutheu und Ann Ndinda über Verhütungsmöglichkeiten auf

Caroline Nasser kommt selbst aus der Gegend. Sie spricht junge Frauen auf der Straße an, berät zu Fragen sexueller Gesundheit, Verhütungsmitteln und erklärt den Mädchen, wie der SMS- und Messenger-Chatbot funktioniert. Im Idealfall schickt sie die Mädchen direkt zur Behandlung.

"Schreibt das Wort Afya und schickt es an die 22699", erklärt Nasser den jungen Frauen. "Afya" bedeutet Gesundheit auf Suaheli. Daraufhin fragt der Chatbot nach Alter, Geschlecht, Wohnort und sendet im Anschluss die Adresse zur nächstgelegen Partnerklinik. Vor Ort bekommen die Mädchen eine kostenlose Beratung und werden gegebenenfalls behandelt. Das gesamte Personal ist auf jugendfreundliche und vorurteilsfreie Betreuung trainiert.

Die Angst vor Verurteilung sitzt tief

Für viele Mädchen in Kenia sind Programme wie dieses dringend nötig. Besonders im Bereich sexuelle Gesundheit weist das kenianische Gesundheitssystem Lücken auf. Immer häufiger springen deshalb private Organisationen ein und entwickeln Lösungen, unterstützt von technischen Innovationen.

"Das Gesundheitsministerium unterstützt unsere Arbeit. Sie wissen welche Auswirkungen Teenager-Schwangerschaften und illegale Abtreibungen auf die Mädchen hier haben", sagt Nathalie-Ann Donjon, die das operative Geschäft bei Triggerise leitet. Mit dem Bildungsministerium hingegen sei die Arbeit sehr schwierig. Einige Politiker befürchteten, die Mädchen würden durch den Zugang zu Verhütungsmittel "verdorben", so Donjon.

Kenia Aufklärungsarbeit der Organisation Triggerise | (Spins Nguni)

Teilnehmer bei einem Aufklärungs-Workshop von Triggerise

Die Angst vor Verurteilung sitzt bei vielen Mädchen tief. Deshalb bietet Triggerise auch einen diskreten Beratungsservice per Facebook Messenger und bald auch über Whatsapp - mit einer eigens ausgebildeten Krankenschwester.

Anfragen nach Abtreibungen sind drastisch gefallen

Damit die Teenager einen zusätzlichen Anreiz haben, das Angebot zu nutzen, hat sich Triggerise ein Belohnungssystem ausgedacht. "Wir nennen sie Tiko-Meilen. Die Idee kam von den Bonusmeilen fürs Fliegen. Nach der Behandlung schickt der Chatbot den Mädchen die Meilen auf ihr Handy. Die können sie dann in Drogerien, Bäckereien oder auch beim Metzger einlösen,", erklärt Spins Ngugi. Er koordiniert die lokalen Streetworker von Triggerise und kommt selbst auch aus Huruma.

Das Konzept funktioniert. Rund 50 Mädchen kommen pro Tag für eine Beratung oder kostenlose Verhütungsmittel allein in die kleine Klinik in Huruma. Letztes Jahr fragten monatlich circa 20 junge Frauen nach sicheren Abtreibungen in dem Krankenhaus. Heute sind es durchschnittlich nur noch fünf im Monat.

Ein wenig ist Triggerise damit aber auch Opfer des eigenen Erfolges. Die Zahl der Tiko-Meilen wurde kürzlich von 100 auf 50 pro Behandlung runtergesetzt. "Wir haben unsere Zielvorgabe an Behandlungen bereits übertroffen", erklärt Spins Ngugi. "Damit wir den Service weiterführen können und unser Budget nicht überschreiten, mussten wir die Meilen leider verringern." Triggerise wird hauptsächlich von der Stiftung CIFF (The Children's Investment Fund) finanziert.

Kenia Aufklärungsarbeit der Organisation Triggerise | Ladengeschäft (DW/F. Franz)

In Läden wie diesem können die "Tiko-Miles" eingelöst werden

Taugt das Konzept zum flächendeckenden Einsatz?

Ähnlich wie bei profitorientierten Start-Ups stellt sich auch bei Triggerise die Frage: Ist das Konzept skalierbar - und vor allem wirtschaftlich nachhaltig? Die Angebote von Triggerise sind zwar beliebt, aber ohne eigenständiges Geschäftsmodell bleiben die Wachstumsmöglichkeiten begrenzt - und damit auch die Zahl der Mädchen, die die Organisation in Kenia erreichen kann.

"Viele Organisationen helfen ein paar tausend Leuten. Aber was passiert mit dem Rest?", fragt Dr. Chris Masila, Berater für Gesundheitsentwicklung in Kenia. Er findet, im Gesundheitsbereich müsse größer, systemischer gedacht werden. Und das ginge eben nur mit skalierbaren Geschäftsmodellen.

In der kleinen Klinik in Huruma hat sich Esther Mutheu für die Depotspritze entschieden. Von ihren Meilen kauft sie sich in einem Laden gegenüber der Klinik eine blaue Tasse. Ihre Freundin Ann Ndinda möchte sich von den Meilen Binden kaufen. Esther sagt, dass sie wiederkommen möchte - mit weiteren Freundinnen im Schlepptau.

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung des Money Trail-Projekts des Journalismfund.eu entwickelt. Qian Sun, Anthony Langat und Jacob Kushner haben zu der Berichterstattung beigetragen.

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