Kaum bekannte Kunst: Independent Comics vom Balkan | Europa | DW | 10.03.2020
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Europa

Kaum bekannte Kunst: Independent Comics vom Balkan

Comics aus Frankreich, Belgien oder den USA kennt jeder. Aber vom Balkan? Dabei besitzt Südosteuropa eine überaus vielfältige Comic-Szene. Die Wander-Ausstellung comiXconnection zeigt Beispiele von mehr als 60 Künstlern.

Ausstellung Comics vom Balkan (DW/C. Küfner)

Wanderausstellung comixconnection in Berlin

Eingefleischte Fans des Marvel-Universums seien vorab gewarnt: Superhelden sucht man in dieser Ausstellung eher vergeblich. Vielmehr sind es Antihelden, die derzeit im Berliner Museum Europäischer Kulturen zu sehen sind: "The Lavanderman" des kroatischen Zeichners Vančo Rebac zum Beispiel, ein lila Muskelmann, der aus Lavendel magische Kräfte bezieht - aber trotzdem andauernd scheitert. Oder auch "Horny Dyke" von HelenaJanečić, ein Comic, in dem eine junge lesbische Frau die Hauptfigur ist.

Es sind keine Comics für den Massengeschmack, die hier präsentiert werden, sondern Werke aus der alternativen Comicszene, wo man sich um die Vorlieben des Publikums nicht allzu viel schert. Auch in den Ländern Südosteuropas hat sich so eine Szene entwickelt. Nur, dass sie über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus kaum bis gar nicht bekannt ist. Genau damit will die Ausstellung aufräumen und präsentiert Comics aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Rumänien, Serbien, Slowenien und Ungarn. 

Sorina Vazelina - Ausstellung Comics vom Balkan (DW/C. Küfner)

Sorina Vazelina: "10 Jahre und ein bisschen rumänischer Comic“

Der Blick geht immer nach Westen

Wenn es um Comics gehe, werde immer nur nach Westen geschaut, fasst Kuratorin Beate Wild die Situation zusammen. "Dort sind die tollen Festivals und von dort kommt das Geld." Dass sich auch der Blick auf den Balkan lohnt, hätten viele dagegen nicht auf dem Schirm. "Es gibt einen weit verbreiteten Glauben, dass aus Südosteuropa immer nur Arbeitsmigranten kommen," fügt die Kuratorin der Ausstellung hinzu. Deshalb mangele es gegenüber Comickünstlern aus den betreffenden Ländern oft an Interesse und auch an Wertschätzung.

Wissenslücken gibt es allerdings nicht nur im Westen. Auch innerhalb der einzelnen Staaten wissen viele nicht, was sich in Sachen Comic im Nachbarland abspielt. Das liege zum Teil an den verschiedenen Sprachen, sagt Beate Wild. Aber auch daran, dass jedes Land seine eigene Geschichte mitbringe. "Tito etwa hat Comics geliebt, deshalb konnte sich die Szene im ehemaligen Jugoslawiens gut entwickeln." In Rumänien dagegen begann die Comic-Szene erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs richtig zu wachsen.

Ausstellung Comics vom Balkan (DW/C. Küfner)

Auszüge aus dem Comic "Freude“ von Saša Perić aus Bosnien und Herzegowina

Verbindungen über alle Ländergrenzen hinweg

Solche Unterschiede will die Ausstellung aufspüren, gleichzeitig aber auch zeigen, was die südosteuropäischen Comic-Künstler verbindet. Die Themen etwa, von denen sie erzählen - Korruption, Populismus oder häusliche Gewalt. Aber auch ähnliche Formen des Erzählens, Zeichnens und Kolorierens. Um solche Gemeinsamkeiten bzw. Kontraste für den Besucher nachvollziehbar zu machen, haben die Ausstellungsmacher immer die Comics von zwei verschiedenen Künstlern auf einer Stellwand vereint.

„Es gibt hier keine Kroatien-, Rumänien- oder Serbien-Ecke", erklärt Beate Wild das Konzept. Vielmehr gehe es um Verbindungen über alle Ländergrenzen hinweg - daher auch der Ausstellungstitel comiXconnection: "Der Leitgedanke ist die Vernetzung." Dieser Gedanke sollte laut Wild allerdings nicht nur auf dem Papier existieren, sondern auch für ganz reale Verknüpfungen zwischen Künstlern, Verlagen und Fans sorgen, was sich im Vorfeld mit einem enormen Organisationsaufwand verband.

Ausstellung Comics vom Balkan (DW/C. Küfner)

Izar Lunaček und Matej Kocjan aus Slowenien, Aleksandar Opačić und Radovan Raša Popović aus Serbien

Transnationaler Comic-Dialog

Denn damit jeder Besucher die Ausstellung, die inzwischen durch ganz Südosteuropa getourt ist, auch versteht, mussten sämtliche Comics in die jeweilige Landessprache gebracht werden. Mehr als 40 verschiedene Übersetzungsrichtungen haben sich dadurch ergeben. Ein Aufwand, der sich nach Ansicht der Kuratorin aber mehr als gelohnt hat: "Im Laufe der Zeit ist tatsächlich eine Art gemeinsame Identität der Beteiligten entstanden und viele finden es toll, dass sie bei diesem Projekt dabei sein konnten."

Sichtbarster Ausdruck dieser neuen Verbindung ist ein gemeinschaftlich angefertigter Comic: Zehn der beteiligten Künstler aus fünf verschiedenen Ländern haben die Etappen der Ausstellung nachgezeichnet. Auch dieses Werk ist im Museum Europäischer Kulturen noch bis zum 1. Juni 2020 zu sehen. Berlin ist zugleich die letzte Station der Wanderausstellung, über die auf dem Balkan viel berichtet wurde. Die Macher hoffen nun, dass endlich auch Fans und Verlage im Westen die alternative Comicwelt im Südosten Europas für sich entdecken.