Aranesen wollen keine Unabhängigkeit | Europa | DW | 01.10.2018
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Kataloniens nördlichste Region

Aranesen wollen keine Unabhängigkeit

Das Arantal ist anders als der Rest von Katalonien. Während viele Katalanen vor einem Jahr zum Unabhängigkeitsreferendum strömten, hängt hier nicht mal eine katalanische Flagge. Die Gemeinde plant ihr eigenes Referendum.

Reportage Arantal Lukas Hansen (DW/L. Hansen)

Umgeben von den Pyrenäen liegt der Hauptort Viella in der Mitte des Arantals.

"Freiheit für die politischen Gefangenen! Freiheit für die politischen Gefangenen!" Die Masse gelb-rot gekleideter Demonstranten entlang der Avinguda Diagonal ist sauer. Und laut. Die Demonstranten schwenken Fahnen, singen Lieder, manche haben Hupen oder Pfeifen dabei.

Es war der 11. September - "La Diada", Nationalfeiertag in Katalonien. Fast ein Jahr nach dem großen Referendum der autonomen Region in Spanien kamen rund eine Million Menschen in Barcelona zusammen. Der Traum der Unabhängigkeit - viele Katalanen haben ihn noch nicht aufgegeben. 

Im Arantal war es still.

Reportage Arantal Lukas Hansen (DW/L. Hansen)

Juan Amiell vor seinem Haus in Bausen. Seit seiner Geburt lebt er hier.

Die Nicht-Katalanen

Der 11. September 2018 war hier, rund 190 Kilometer nordwestlich von Barcelona, ein Tag wie jeder andere. “Wir haben nichts mit dem ganzen Terz zu tun”, sagt Juan Amiell wenige Wochen später an einem frühen Donnerstagmorgen. Er stützt sich auf seinen Gehstock und grinst: "Wir sind keine Katalanen."

Das Arantal, umringt von den grün bewaldeten Bergen der Pyrenäen, ist die nördlichste Comarca, ähnlich dem deutschen Landkreis, in Katalonien. 10.000 Menschen leben hier, verteilt auf verschiedene Dörfer. Das größte ist Viella mit 5000 Einwohnern. Das kleinste, mit nur 40, ist Bausen. Der Weg nach Bausen führt über vier Kilometer lange Serpentinen oben auf einen Berg. Direkt dahinter liegt die  französische Grenze. Hier lebt Juan Amiell.

Reportage Arantal Lukas Hansen (DW/L. Hansen)

Malerischer Blick von Amiells Haus aus in das Arantal.

"Wir sind Aranesen", erklärt Amiell weiter. Der 88-Jährige lebt seit seiner Geburt auf dem Berg. 88 Jahre in Bausen, 88 Jahre in dem gleichen Haus. Das Arantal, auf das er von seinem Küchenfenster aus blickt, kennt er in- und auswendig. "Wir sprechen Aranesisch, das hat mit dem Katalanischen fast nichts zu tun."

Aranesisch ist eine offizielle Amtssprache in Katalonien. Tatsächlich wird sie jedoch nur im Arantal gesprochen. Sie stammt vom Okzitanischen ab, einer Sprache aus dem Süden Frankreichs. Denn bis zum Jahr 1948 war das Arantal fast komplett von Spanien isoliert. "Unser ganzes Leben spielte sich im Tal ab. Manchmal unternahmen wir Reisen. Aber Straßen gab es nur nach Toulouse", erinnert sich Amiell.

Reportage Arantal Lukas Hansen (DW/L. Hansen)

Bürgermeister Serrano in seinem Büro. Hinter ihm hängt die aranesische Flagge.

"Für uns Aranesen ist die Sprache das wichtigste Merkmal unserer Identität", erklärt Juan Antonio Serrano, Bürgermeister von Viella unten im Tal. "Und weil wir so lange keinen Kontakt zum Rest von Katalonien hatten, fühlen wir uns auch nicht sehr mit ihm verbunden." Zu der Unabhängigkeitsbewegung, die im vergangenen Jahr zum Referendum führte, hat Serrano eine klare Haltung: "Wenn die Katalanen sich von Spanien verabschieden, verabschieden wir uns von Katalonien."

Verbrieftes Recht auf Selbstbestimmung

Möglich macht das das "Ley de Arán", ein Gesetz, das dem Arantal seit 2015 das Recht auf Selbstbestimmung zuschreibt. Die Aranesen könnten also eigens abstimmen und entscheiden, ob sie bei Katalonien oder Spanien bleiben wollen. Nach dem Referendum 2017 gab es bereits Pläne für eine solche Abstimmung. "Aber so weit kam es ja nie", sagt der Bürgermeister.

Reportage Arantal Lukas Hansen (DW/L. Hansen)

Noch nicht bereit für die Skiurlauber: ein Lift in Baquiera-Beret.

Für das Arantal wäre die Abspaltung von Spanien der Ruin gewesen. In Europa ist es vor allem für das Skigebiet Baqueira-Beret bekannt – das größte Wintersportgebiet Spaniens, König Juan Carlos soll hier jedes Jahr Ski fahren. 60.000 Menschen pro Stunde gleiten hier im Winter auf 153 Kilometern Strecke die Pisten hinab. In den verschiedenen Orten an den Hängen und im Tal, gerade in Viella, reihen sich Hotels und Restaurants aneinander. "90 Prozent unserer Wirtschaft machen Tourismus und Gastronomie aus", erklärt Serrano: "Wir leben das ganze Jahr von den Wintermonaten." Ein unabhängiges Katalonien inklusive Arantal, das womöglich nicht einmal mehr der EU angehört? Serrano schüttelt den Kopf: "Das mag ich mir gar nicht ausmalen!"

Juan Estévez ist Bauer. Zumindest in den warmen Monaten. Im Winter arbeitet er, wie so viele hier, als Ski-Lehrer. Er weiß um die wirtschaftlichen Folgen, die die Abspaltung Kataloniens mit sich gebracht hätte. Doch für ihn geht es vor allem um die aranesische Identität: "Wir sind hier nicht in Katalonien. Wir sind im Arantal. Hier gibt es keine politischen Tendenzen. Das sieht man sofort, dafür muss man sich nur umschauen", sagt er. Flagge zeigt im Arantal kaum jemand, die katalanische Fahne sucht man vergeblich. Lediglich am Rathaus in Viella hängt eine - neben der spanischen und natürlich der aranesischen. "Wenn wir hier nicht den Fernseher anmachen würden, bekämen wir nicht einmal mit, was da in Barcelona passiert", sagt der 64-Jährige und lacht.

Reportage Arantal Lukas Hansen (DW/L. Hansen)

Juan Estévez wünscht sich Ruhe für sich und seine Nachbarn.

"Wir wollen nur unsere Ruhe!"

Auch Estévez lebt an einem der vielen Hänge, in Vilac, einem Ortsteil von Viella. Nur ein paar Häuser sehen hier, unter ihnen der Hof von Estévez. Zur vollen Stunde schlagen die Kirchglocken. Manchmal fährt der Bauer mit seinem Traktor über das Feld. Ansonsten ist es meist still. "Wir wollen keinen Ärger", sagt Estévez: "am liebsten wäre mir, dass alles so bleibt, wie es ist. Dann müssen wir es uns weder mit den Spaniern, noch mit den Katalanen vermiesen."

Reportage Arantal Lukas Hansen (DW/L. Hansen)

Mit einem Traktor mäht der 64-Jährige regelmäßig seine Wiesen.

Ende September ist es ruhig im Arantal. Es sei sogar die ruhigste Jahreszeit, sagt Amiell oben in Bausen. Im August kämen viele Touristen, um wandern zu gehen. Doch dann passiere erstmal nichts – bis der Schnee fällt. Er macht sich auf den Weg zu einem Nachbarn, die 40 Menschen, die hier wohnen, kennt er natürlich gut. Auch er wünscht sich Frieden. "Es ist doch gut so, wie es ist", sagt er. während er runter ins Tal blickt: "Wir kommen hier gut zurecht. Uns stört niemand und wir stören niemand. So sind wir Aranesen."

Doch im Falle einer Abspaltung Kataloniens von Spanien steht für ihn fest: "Da halte ich zu den Spaniern!" Die hätten die guten Dinge ins Tal gebracht, den Tunnel von Viella zum Beispiel. Von der katalanischen Regionalregierung werde das Arantal hingegen kaum berücksichtigt. "Ich bin Aranese. Dann Spanier. Und dann erst Katalane", sagt der Rentner auf Aranesisch.

Reportage Arantal Lukas Hansen (DW/L. Hansen)

Am Rathaus in Viella hängt die einzige katalanische Flagge - neben der spanischen und der aranesischen.

Bürgermeister Serrano glaubt, dass es bald schon zur Abstimmung kommen könnte. "Es ist nur eine Frage der Zeit", sagt er: "In Barcelona brodelt es." Dann werde man im Arantal schauen müssen, wie man damit umgeht. "Si" oder "No" – Ja oder Nein: Die eigene Abstimmung war ja bereits vor einem Jahr geplant. "Wir sind vorbereitet", sagt er. 

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