Karikaturenstreit auf Serbisch: Wer ist da der Hitler? | Europa | DW | 13.11.2018
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Pressefreiheit

Karikaturenstreit auf Serbisch: Wer ist da der Hitler?

Es steht nicht besonders gut um die Pressefreiheit in Serbien. In diesen Tagen bietet dort ein Karikaturist der autoritären Staatsspitze mit spitzer Feder die Stirn. Die Regierung in Belgrad ist aufgeregt.

Die regierungskritische serbische Zeitung "Danas" steht im Verdacht, eine Kampagne gegen die Belgrader Regierung und den Staatspräsidenten Vučić zu führen. Zumindest behaupten das führende Regierungspolitiker. Und wie: Seit Hitler und Goebbels habe es noch nie so etwas gegeben. Eine maximale Attacke auf das unabhängige Blatt.

Der Vorwurf schlägt schon seit 6. November Wellen. Tatsächlich ist das eine dreiste Tatsachenverdrehung: Die auflagenschwache Zeitung "Danas" ist eher eine der wenigen kritischen Inseln in der serbischen Medienlandschaft, in der sonst der autoritäre Staatschef Aleksandar Vučić den Ton vorgibt.

Die spitze Antwort

Wenn die Nazivergleiche des Fraktionschefs der regierenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS) Aleksandar Martinović und seines Stellvertreters Vladimir Orlić die Einschüchterung der kritischen Journalisten im Sinn hatten, ging das Manöver gründlich daneben. Denn als Reaktion darauf zeichnete der Star-Karikaturist Predrag Koraksić Corax seine Antwort.

Eine Kollegin aus der BKS Redaktion DW schaut sich auf Bildschirm die Titelseite von serbischen Zeitschrift Danas (DW/I. Djerkovic)

Unter Beschuss: Die Wochenzeitung "Danas"

Vor wenigen Tagen veröffentlichte "Danas"  auf seiner Titelseite die Karikatur "Nachwuchs": Die beiden Parteisoldaten von Vučić, die im Parlament eine Kontinuität zwischen Hitler-Goebbels und "Danas" öffentlich hergestellt hatten, sind dort als Babys der genannten Nazi-Größen dargestellt. Ein medialer Volltreffer. Das Kultur- und Informationsministerium schaltete sich ein und verurteilte die Satire von "Danas".

Ministeriumsschelte wegen Satire

Das Ministerium bezeichnete die Titelseite als "äußerst unangemessen", da die Karikatur den Staatschef Aleksandar Vučić sowie seine Politiker "in einen nicht akzeptablen und ethisch nicht erlaubten Kontext mit den größten Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkriegs setze".  Offensichtlich idenitfizierte die Parteispitze der SNS in der Hitler-Karikatur den serbischen Staatschef höchstpersönlich. Corax, der Zeichner, meint, dass solch eine verzerrte Wahrnehmung auf einer unglaublichen Vučić-Fixierung seiner Gefolgsleute beruhe.

Predrag Koraksić Korax (DW/D. Dedović)

Der serbische Karikaturist Predrag Koraksić Corax zeichnet seit Jahrzehnten das politische Leben in Serbien

Eine Steilvorlage für den erfahrenen und inzwischen hochbetagten Karikaturisten, der schon zu jugoslawischen Zeiten Berühmtheit erlangte. Tags darauf erschien eine fast identische Titelseite, wobei die serbischen Parteibabys in den Armen von Hitler und Goebbels diesmal nicht gefüttert wurden sondern tränenreich schrien und urinierten.

Corax als Alibi

Seine allererste Karikatur zeichnete der heute 86-jähriger Predrag Koraksić Corax schon 1950 - damals 17 Jahr jung. Heute ist er in Serbien eine Institution sowie ein Symbol des Widerstands gegen jeglichen Autoritarismus. Milošević zeichnete er in den 1990er Jahren als blinden Autisten oder als Nero, der Jugoslawien anzündet. Während der autoritären Herrschaft des "Schlächters vom Balkan" waren rund 3.700 Karikaturen mit der Unterschrift Corax's im Umlauf.

Heute ist belegt, dass Milošević auf die Kritik des amerikanischen Diplomaten Richard Holbroocke über die mangelnde Pressefreiheit in Serbien die Karikaturen von Corax zeigte und zynisch bemerkte, dass der der immer noch frei herumlaufe. Corax sieht in der aktuellen Reaktion von Staatspräsident Vučić auf seine Karikaturen einen ähnlichen Versuch, sich ein Alibi zu verschaffen: "Genau das wiederholt auch Vučić in diesen Tagen. Die Titelseite sei Beweis für die Demokratie in Serbien", so Corax im Gespräche mit der Deutschen Welle.

Freie Presse unter wachsendem Druck

Die Rangliste der Pressefreiheit, die von der Nichtregierungsorganisation "Reporter ohne Grenzen" (RoG) alljährlich veröffentlicht wird, scheint Corax Recht zu geben. Mit Platz 76 auf der diesjährigen Liste ist Serbien im Vergleich zum Vorjahr einer der größten Absteiger. Im Lande habe sich das Klima für die Medien weiter verschärft, seit Ex-Ministerpräsident Aleksander Vucic 2017 zum Präsidenten gewählt wurde. "Vučić benutzt regierungsnahe Medien, um kritische Journalisten einzuschüchtern und als Verräter oder Spione in ausländischen Diensten zu diffamieren", heißt es in dem RoG-Bericht.

Das macht Corax keine Angst. 1993 wurde er aus der von den Milosevic's Leuten übernommenen Abendzeitung nach dreijährigem Gerichtsprozess entlassen. Fünf Jahre später kam das Ende der unabhängigen Zeitung, für die er gezeichnet hatte. Dennoch fand er immer wieder Freiräume für seinen politischen Protest mit Stift und Pinsel. Kompromisse waren und sind ihm fremd.

Die totalitäre Matrix

Corax vermutet die gleiche totalitäre Matrix hinter der demokratischen Fassade der heutigen Regierung: "Es geht darum, dass alle gleich denken müssen. Nirgendwo darf etwas hervorstechen. Das ist ein Störfaktor. Die angeordnete Realität soll rund sein".

Karikaturen von Predrag Koraksić Korax (Predrag Koraksić Korax)

Die Schule der Autokraten und Diktatoren - an der Tafel Serbiens Präsident Vučić

Mehrere Journalistenverbände verlangten den Rücktritt des Kultusministers und seines Staatsekretärs. "Karikaturen verurteilen nur totalitäre Herrscher", hieß es in einer dieser Mitteilungen. Es scheint so zu sein, dass die gekünstelte Aufregung der Staatspitze wegen einer Karikatur zum Eigentor wird. Denn sie hat das Problem zwischen dem medial omnipräsenten Herrscher und den wenigen ihm nicht im Voraus wohl gesonnenen Medien erneut offengelegt. 

Gerichtsurteil ohne Berufungsinstanz

In einem Vorwort einer Monographie über Corax ist zu lesen: "Die Karikaturen von ihm sind wie Gerichtsurteile. Ohne Berufungsmöglichkeit". Das gefällt dem außerordentlich vitalen satirischen Künstler. Er ist unbeugsam geblieben. War das möglich auch in der Tito-Ära? "Nein", meint er im DW-Gespräch. "Es war nicht möglich, die konkreten Politiker zu karikieren. Nicht einmal einen Bürgermeister. Der Humor blieb im Rahmen der äsopischen (veralteten) Sprache. Man konnte die 'unliebsamen Eigenschaften' oder  Phänomene anprangern. Die Karikaturen blieben jedoch ohne persönliche Adresse".

Deshalb möchte er die gegen Milošević schwer erkämpfte Freiheit nicht widerstandlos preisgeben. Schallend lachend sagt er im DW-Interview: "Ich habe drei Staatspräsidenten, nämlich Milošević, Koštunica und Tadić gestürzt. Jetzt ist Vučić an der Reihe". Dann fügt er mit ernster Mine  hinzu: "All diese mächtigen Menschen werden nicht  aufgrund der Fotos oder der Fernsehaufnahmen in Erinnerung bleiben. Sondern als Karikaturen. Das ist ihr Schicksal".