Kanalisation oder: Milliarden unterm Straßenpflaster | Wirtschaft | DW | 23.07.2021
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Infrastruktur

Kanalisation oder: Milliarden unterm Straßenpflaster

Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, was mit seinen Ausscheidungen und dem zum Spülen gebrauchten Wasser geschieht. Dabei ist dafür ein ausgeklügeltes und teures System nötig: eine ganze unterirdische Infrastruktur.

Beim Starkregenereignis, dass Mitte Juli Süd- und Westdeutschland heimgesucht hat, fragten viele Betroffene und Beobachter plötzlich, ob unsere Kanalnetzte überhaupt ausreichen. Doch für ein solches "Jahrhundertereignis" ist die Kanalisation weder vorgesehen noch ausgelegt.

Normalerweise aber nehmen wir unser Abwassersystem nur dann wahr, wenn einmal ein Kanal verstopft ist oder wenn Straßen gesperrt werden müssen, weil Rohre saniert oder repariert werden müssen.

Unterirdische Infrastruktur

In Deutschland berät unter anderem die DWA die Politik in Fragen des Abwassermanagements. Die "Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V." in Bad Honnef in der Nähe von Bonn ist wirtschaftlich und politisch unabhängig und setzt sich für eine nachhaltige Wasserwirtschaft ein.

Der Sprecher des Vereins, Stefan Bröker, sagte der DW, dass die Kanalisation verschiedene Aufgaben zu erfüllen hat: Sie soll gesundheitlichen Schaden vermeiden helfen (Entsorgung), das Schmutzwasser zur Aufbereitung transportieren (Klärung, Säuberung) und die Umwelt schützen, in dem kein Schmutzwasser ins Grundwasser gerät. Die Priorität laute dabei: "Klärung, Umweltschutz und Gesundheit."

Sanierung und Reparatur sind teuer

Die Kanalsysteme in Deutschland müssen ständig gewartet und repariert werden - und das kostet. Für die DWA macht Stefan Bröker, gelernter Diplom-Volkswirt, eine Rechnung auf: Vom öffentlichen Abwassernetz, das rund 600.000 km lang ist, seien "18,7 Prozent kurz- und mittelfristig sanierungsbedürftig". Ganz genau ließen sich, so Bröker, die Gesamtkosten nicht berechnen, aber wenn man folgende Rahmendaten berücksichtige, käme man schon auf einen ungefähren Kostenrahmen:

Kanalreinigung

Da bemerken wir wieder einmal unsere Kanalisation: Wenn die Rohre gereinigt oder repariert werden müssen

Die Sanierungskosten beliefen sich bei "Reparaturen auf 82 Euro pro Meter Rohrlänge, bei weitergehender Renovierung auf 438 Euro pro Meter und bei Erneuerung sogar auf 1660 Euro pro Meter Kanalrohr. "Wenn man aus den Kosten einen Mittelwert bildet, kommt man auf gut 700 Euro pro Kanalmeter - bezogen auf die kurz- bis mittelfristig zu sanierenden Kanalhalterungen also rund 80 Milliarden Euro." Aber, betont Bröker noch einmal: "Das sind nur ungefähre Größenordnungen."

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Ohne Infrastrukturmanagement bleibt es teuer

Das Institut für unterirdische Infrastruktur IKT in Gelsenkirchen arbeitet ebenfalls an Fragen rund um die Abwasserentsorgung. Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins ist der Diplom-Ökonom Roland W. Waniek. Er nennt aus eigener Beobachtung einen Grund, warum Arbeiten an der unterirdischen Infrastruktur so teuer sind.

Er hatte nämlich beobachtet, wie vor seinem Institut die Erde aufgerissen wurde und musste erfahren, dass das erwartete Breitbandkabel dabei aber nicht gleich mit in die Erde kam, weil dafür eine andere Behörde zuständig gewesen wäre.

Dabei sind bei allen Baumaßnahmen dieser Art (für Wasser, Strom, Gas, Telekommunikation) die Erdarbeiten immer der teuerste Teil. Waniek vermisst nicht nur in Gelsenkirchen, sondern generell in Deutschland, "Infrastrukturdezernenten" auf kommunaler Ebene, die solche Arbeiten koordinieren.

Und schnell geht es auch nicht

Die nötigen Arbeiten sind nicht nur teuer, sie dauern auch. Laut Stefan Bröker wird derzeit an rund einem Prozent des Netzes gearbeitet. Und der weitere Bedarf sei schwer vorherzusehen, "da immer wieder neuer Sanierungsbedarf entsteht und sich die Kanalisation jedes Jahr vergrößert. Angestrebt ist aber eine kontinuierliche Steigerung der Sanierungsquote, um den Investitionsstau aufzulösen."

Aber Bröker hat auch eine gute Nachricht. Man müsse, so der DWA-Sprecher, nicht den ganzen Altbestand ersetzen: "Ein Großteil der Anpassungen an eine "wassersensible Zukunftsstadt" lassen sich auch bei der Sanierung des Altbestandes anwenden."

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Die wassersensible Zukunftsstadt soll durch eine ganze Reihe von kleinen, dezentralen Maßnahmen verwirklicht werden. Durch Versickern, Verdunsten, Entsiegeln, Begrünen. Abwasser, soll, so Bröker, "dezentral behandelt und weiterverwendet werden und Regenwasser vor Ort versickern oder verdunsten". Das könne man durch "multifunktionale Flächen und durch Dach- und Fassadenbegrünung" erreichen.

IKT-Geschäftsführer Roland Waniek nennt Beispiele dafür. Kinderspielplätze etwa, sagte er gegenüber DW, könne man tiefer legen und damit viele kleine Auffangbecken schaffen, in denen sich das Regenwasser sammeln und langsam versickern könnte, denn "bei starkem Regen sind die Kinder ja nicht auf dem Spielplatz, sondern daheim".

Auch innerstädtische Parkplätze könnten so zu Überflutungsbecken werden. "Es gibt ja schon Möglichkeiten, solche Flächen zu entsiegeln und trotzdem für Autos und Menschen nutzbar zu machen." Man müsse sie nur tiefer legen und dem Wasser die Möglichkeit geben, ins Erdreich zu sickern.

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Bei Starkregenereignissen, wie wir sie gerade erst erlebt haben, wird schnell der Ruf laut, dass die Abwassersysteme erweitert werden müssten. Das aber, da sind sich die Experten vom IKT und der DWA einig, kann nicht die Lösung sein, denn um einen Starkregen auffangen zu können, müsse ein Kanalnetz rund 30 mal größer sein, als man es zu "normalen" Zeiten braucht.

Stefan Bröker führt für die Größenverhältnisse von Normal- und Starkregen ein Beispiel aus dem Juli 2014 an. Damals waren im westfälischen Münster in sieben Stunden 292 Liter pro Quadratmeter Niederschlag gefallen. "Die Gesamtmenge im Stadtgebiet Münster betrug damit 40 Millionen Kubikmeter. Die Kapazität von Kanalisation und Gewässern in Münster hat aber nur 1,5 Millionen Kubikmeter betragen."

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