Kambodschaner hoffen auf Gerechtigkeit | Asien | DW | 16.10.2013
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Asien

Kambodschaner hoffen auf Gerechtigkeit

In Phnom Penh steht der UN-Prozess gegen zwei führende Rote Khmer vor dem Abschluss. Beide sind bereits so alt, dass der Prozess beinahe abgebrochen worden wäre. Das Volk hofft nun zumindest auf ein symbolisches Urteil.

Es war eine Schreckensherrschaft unvorstellbaren Ausmaßes: Während der Regierungszeit der Roten Khmer 1975 bis 1979 wurde jeder vierte Kambodschaner getötet – insgesamt kamen rund zwei Millionen von ihnen ums Leben. Wenn nun am Mittwoch (16.10.2013) im Prozess gegen zwei frühere Anführer der Roten Khmer die Schlussplädoyers beginnen, dann sei dies "ein Meilenstein und ein Schritt hin zu einer Art Schlussstrich für die Opfer", ist Lars Olsen überzeugt. "Sie haben mehr als 38 Jahre auf ein Urteil warten müssen. Auch wenn es nur um zwei Menschen geht, so stehen sie doch als ehemalige Mitglieder des Regimes stellvertretend für eine ganze Terrorherrschaft", sagt der Sprecher des UN-Tribunals in Phnom Penh gegenüber der DW. Zuvor war bislang nur der Leiter des berüchtigten ehemaligen Foltergefängnisses S-21, Kaing Guek Eav, zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden.

Zwei Wochen sind für die Schlussplädoyers angesetzt, danach werden sich die fünf Richter zurückziehen und über das Urteil beraten. Dieses soll in der ersten Jahreshälfte 2014 verkündet werden. Es wäre der Abschluss eines über zwei Jahre langen Mammutprozesses, in dem tausende Dokumente gesichtet und hunderte von Zeugen gehört worden waren.

Wenig Zeit, begrenzte Anklage

Der ehemalige Rote Khmer Nuon Chea auf der Anklagebank (Foto: dpa)

Nuon Chea wurde im Frühjahr 2013 für vernhandlungsfähig erklärt. Nun wartet er auf sein Urteil.

Viele Überlebende fürchten vor allem, dass einer oder beide Beschuldigte sterben könnten, bevor das Urteil verkündet wird. Bei Beginn des Prozesses im November 2011 gab es noch vier Angeklagte. Davon sind heute nur noch zwei übrig: der 87-jährige Nuon Chea, als enger Vertrauter und Stellvertreter Pol Pots auch als "Bruder Nummer Zwei" bekannt, und der 82-jährige Khieu Samphan, der unter den Khmer offizielles Staatsoberhaupt von Kambodscha war. Der frühere Außenminister Ieng Sary erlag im März 2011 einem Herzinfarkt. Seine Frau Ieng Thirith wurde im vergangenen Jahr wegen Altersdemenz für nicht verhandlungsfähig erklärt. Sie hatte unter den Roten Khmer von 1975 bis 1979 den Posten der Sozialministerin bekleidet.

Alle vier ehemaligen Khmer-Funktionäre waren der gleichen Vergehen angeklagt worden: Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Insgesamt umfasst die Anklageschrift mehr als 500 Seiten Papier. Alle Angeklagten hatten sich in sämtlichen Anklagepunkten für nicht schuldig erklärt. Aufgrund der Komplexität und des fortgeschrittenen Alters der Personen mussten die Richter den Prozess in eine ganze Serie kleinerer Verfahren aufteilen. Der erste dieser Teilprozesse steht nun vor dem Abschluss. Er behandelt vor allem die Zwangsumsiedlung der meisten Kambodschaner aus den Städten des Landes in Arbeitslager auf dem Land. Dies war Teil eines radikalen Plans, mit dem die Roten Khmer die kambodschanische Gesellschaft in eine Art Agrarkommunismus führen wollten.

Experten kritisieren die Aufteilung des Prozesses in verschiedene Klein- und Kleinstverfahren. Long Panhavuth beobachtet das Tribunal für die Cambodia Justice Initiative. Er sagt, er mache sich ernste Sorgen, weil noch nicht einmal feststehe, wann das zweite Teilverfahren beginnen oder welche Anklagepunkte dort verhandelt werden sollen.

"Moralische Verantwortung"

Der ehemalige Rote Khmer Khieu Samphan auf der Anklagebank (Foto: dpa)

Auch Rote Khmer-Chefideologe Khieu Samphan steht in Phnom Penh vor Gericht

Trotz dieser Kritik hatte auch das aktuelle Verfahren einige bemerkenswerte Momente: Im Mai 2013 hatten sich beide noch vor Gericht stehende Angeklagte öffentlich bei den Opfern des Khmer-Regimes entschuldigt. Khieu Samphan hatte zugegeben, dass der revolutionäre Plan, Kambodscha zum Agrarstaat zu "entwickeln", ein "totales Desaster" gewesen sei. Auch Nuon Chea gab zu, zumindest "moralisch eine Verantwortung" für die Geschehnisse zu besitzen. Beide Angeklagten bestritten jedoch, vom Leiden der Bevölkerung gewusst zu haben.

Der Sprecher des UN-Tribunals, Lars Olsen, gibt sich dennoch optimistisch: "Wir haben Hinweise darauf, dass beide Angeklagten die Schlussplädoyers dazu nutzen werden, noch einmal ihre Version der Geschehnisse darzulegen. Zumindest das wird sicher interessant - sowohl für die Opfer als auch für die anderen Prozessbeobachter", so Olsen.

"Die Opfer wollen die Wahrheit hören", glaubt auch Long Panhavuth und fügt hinzu, dass dies sehr zur Vergangenheitsbewältigung im noch immer traumatisierten Land beitragen könne. "Es ist sehr wichtig, dass Nuon Chea und Khieu Samphan sich noch einmal äußern, bevor sie sterben. Sie sollten ihren Teil zur Wahrheitsfindung beitragen. Das würde einer Aussöhnung im Lande sehr helfen."

Gegen das Vergessen

Schädel von während der Khmerzeit getöteten Kambodschanern geben ein Bild des Ausmaßes der Terrorherrschaft (Foto:dpa)

Rund zwei Millionen Menschen fielen dem Völkermord der Roten Khmer zum Opfer.

Aber auch, wenn sie dies nicht täten, ist allein das Gerichtsverfahren gegen die beiden Funktionäre ein Prozess mit hoher Symbolwirkung, sagt Youk Chhang, der Leiter des kambodschanischen Dokumentationszentrums (DC-Cam). Das Zentrum ist die landesweit führende Organisation zur Aufklärung der Verbrechen aus der Rote-Khmer-Ära. Chhang glaubt, dass das juristische Tauziehen der vergangenen Jahre den Menschen wenig bedeutet habe. "Wichtig war, dass sie ihre früheren Herrscher in den vergangenen sechs Jahren im Gefängnis gesehen haben", ist er überzeugt. "Keiner von uns ist Rechtsexperte. Aber wir alle sind Überlebende und Opfer des Rote-Khmer-Regimes, und wir wollen sie für ihr restliches Leben hinter Gittern sehen."

Die Kambodschaner dürften nie vergessen und müssten für ihre Zukunft die richtigen Schlüsse ziehen, fügt Chhang hinzu. "Das ist für immer ein Teil von uns, und wir werden das immer mit uns herumtragen müssen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Vergangenheit unsere Zukunft bestimmt, aber wir dürfen diese Epoche unserer Geschichte nicht vergessen. Das ist wichtig für Kambodscha, und es ist wichtig für jeden einzelnen von uns."

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