K-Pop: Koreas Musikszene unter Druck | Musik | DW | 05.12.2019
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Musik

K-Pop: Koreas Musikszene unter Druck

Schillernde Fassade, knallharte Realität: Nach dem jüngsten Tod von K-Pop-Star Cha In-ha wird die Kritik an der Branche immer heftiger. Was muss geschehen, um die jungen Stars besser zu schützen?

Sie sehen makellos aus, sind um die 20 Jahre alt, geben sich neckisch-verspielt und unbeschwert: die Stars des weltweit angesagten K-Pop. Doch hinter der Hochglanzfassade sieht es oftmals düster aus. Viele Stars haben mit Angstzuständen und Depressionen zu kämpfen. Mit fatalen Folgen. Eine Serie mutmaßlicher Selbstmorde und Kriminalfälle werfen ein zweifelhaftes Bild auf eine Branche, in denen Ausbeutung an der Tagesordnung zu sein scheint. K-Pop-Stars stehen unter unerbittlicher Medienbeobachtung und Cybermobbing, was ihr psychisches Gleichgewicht stark beeinträchtigt.  

Erst am Dienstag fand die Polizei den Schauspieler und K-Pop-Star Cha In Ha tot auf. Die Ursache seines Ablebens ist noch unklar. Fest steht: Der Tod des 27-Jährigen ist bereits der dritte innerhalb von zwei Monaten in der Branche.  

Schweigen über Todesursache

Cha, der mit echtem Namen Lee Jae-ho heißt, war Mitglied der Gruppe "Surprise U". 2017 debütierte er in dem Kurzfilm "You, Deep Inside of Me". Seine Agentur "Fantagio" brachte ihr "tiefstes Bedauern" zum Ausdruck und rief die Medien dazu auf, keine Gerüchte oder Spekulationen in Verbindung mit Chas Tod zu veröffentlichen. 

Aktuell gibt es keine Hinweise darauf, dass Cha Cyber-Mobbing oder Attacken in sozialen Netzwerken ausgesetzt war, wie etwa andere kürzlich verstorbene K-Pop-Stars: Die Sängerin Goo Hara wurde im November tot in ihrem Zuhause aufgefunden. In einer Nachricht, die man bei ihr fand, brachte sie ihre Verzweiflung darüber zum Ausdruck, dass sie immer wieder in den sozialen Medien angegriffen worden war. 

Tod einer weiteren Sängerin erschüttert Südkoreas Popszene (picture-alliance/dpa/Getty Images/AP/Chung Sung-Jun)

Gedenkaltar für die Sängerin Goo Hara. Sie wurde nur 28 Jahre alt.

Auch Sulli hatte mit Cyber-Mobbing zu kämpfen - und verstarb im Oktober. Beide Todesfälle könnten auch Selbstmorde gewesen sein.

Harter Drill statt unbeschwerte Jugend 

Dal Yong Jin ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der Fraser University in Vancouver und Co-Autor von "K-Pop Idols: Popular Culture and the Emergence of the Korean Music Industry" (K-Pop-Idole: Pop-Kultur und die Entstehung der koreanischen Musikindustrie). Er sagt, der Tod von Cha In Ha sei Teil eines breit angelegten negativen Musters innerhalb der koreanischen Unterhaltungsindustrie, in der die K-Pop-Szene die anspruchsvollste sei.

Jin betont, die einzelnen Figuren des K-Pop hätten zwar unterschiedliche Sorgen, doch sie alle stehen vor den gleichen soziokulturellen Herausforderungen, die Depressionen hervorriefen - eine mögliche Ursache für Selbstmord. "Das bedeutet, dass es der koreanischen Unterhaltungsindustrie nicht gelungen ist, sozialverträgliche und angenehme Arbeitsbedingungen zu schaffen."

 

K-Pop Band BTS beim Auftritt in Riad. (picture-alliance/Yonhap)

BTS beherrschen ihr Handwerk perfekt. Jeder Schritt, jede Bewegung sitzt.

Tatsächlich ist die Branche des K-Pop für ihren hohen Konkurrenzdruck und jahrelangen Drill bekannt. Talentagenturen suchen die potentiellen Stars im Teenager-Alter aus und unterziehen sie einer strengen Gesangs- und Tanzausbildung. "Da sie den ganzen Tag in Häusern mit Gemeinschaftsschlafsälen wohnen und mehr als zehn bis 13 Stunden pro Tag üben müssen, haben sie keine Möglichkeit, ihre eigenen Ideen und Gedanken zu entwickeln." Die angehenden Stars gäben ihre Schulzeit und vor allem ihr Leben als junge Erwachsene auf, so Jin weiter.

Eigentum der Agenturen

Emanuel Pastreich, Direktor des in Seoul ansässigen Asia Institutes, sagte der DW im Oktober, dass das Umfeld in den K-Pop Studios in Seoul, wo die künftigen Stars trainieren, "absolut rücksichtslos und sehr, sehr hart" sei. Die Leute "führen ein unglaublich unnatürliches und unmenschliches Leben" und im Grunde seien sie eine Art Eigentum der Agenturen.

Wer es in der K-Pop-Szene nach oben geschafft hat, ist mit einem zermürbenden Terminkalender konfrontiert sowie konstantem Druck, um den Star-Status aufrecht zu erhalten - denn immer wieder kommen neue junge Talente nach. Einige K-Pop-Stars, die zuvor Mitglied von Bands waren, versuchen später Schauspieler zu werden oder als Solo-Sänger neu anzufangen. Bei allem, was sie tun, werden sie rund um die Uhr von den Medien beobachtet. 

Social-Media gehört fest dazu 

In den sozialen Netzwerken treten die Stars in direkten Kontakt mit ihren Fans. Das macht sie nahbar. Doch Beleidigungen und Hass-Attacken, die dort ebenfalls vorkommen, setzen sie unter Stress.

"Social Media-Plattformen sind eines der zentralen Elemente in der Erfolgsgeschichte des K-Pop - national wie auch international. Im Vergleich zum J-Pop", also dem Pendant aus Japan, "hat die koreanische Unterhaltungsindustrie das Potenzial von Social Media vollständig ausgeschöpft, um ihre neue Musik und die Aktivitäten der Idole zu verbreiten und um mit den Fans zu kommunizieren", erläutert Jin.

Südkorea Pop Star Sulli. (picture-alliance/AP Photo/Jang Se-young)

"Keinen BH zu tragen bedeutet Freiheit." Für Äußerungen wie diese wurde Sulli verbal heftig attackiert.

Die K-Pop-Industrie sei selbstregulierend und mache ihren Stars Vorschriften, damit diese nicht zur Zielscheibe der Gesellschaft würden. Stars, die etwas zu Feminismus oder LGBT-Themen sagen, riskieren heftige Gegenreaktionen und Online-Mobbing. "Zahlreiche Unterhaltungskünstler bringen ihre Depressionen, die von dieser Art von toxischer Umgebung kommen, zum Ausdruck", so Jin. 

Solo-Künstler sind leichter verwundbar

Einer von ihnen ist K-Pop-Star Kang Daniel. Sein Management kündigte am Mittwoch an, dass der Sänger eine Pause einlegen wolle, weil er an "Depressionen und Panikattacken" leide. Laut "The Korea Times" hatte der 22-Jährige erst einen Tag zuvor über psychische Probleme aufgrund von Hasskommentaren im Netz geklagt.  

Kwon Young-chan, ehemals Komiker und heute Berater, wurde ebenfalls online attackiert. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte er: "Die Täter, die bösartige Kommentare schreiben, beginnen zunächst mit einem 'leichten Klaps', der später zu einem echten 'Schlag' wird." Solo-Künstler seien leichter verwundbar als die Mitglieder von Bands. "Nachdem die Künstler eine Solokarriere gestartet hatten, mussten sie ganz allein mit Depressionen und persönlichen Angriffen klar kommen."

Schwierigkeiten der Stars müssen verstanden werden

Mit den jüngsten Todesfällen innerhalb der K-Pop-Szene ist die Branche stark in die Kritik geraten. Im Oktober wies Asia-Institutsdirektor Pastreich darauf hin, dass sich Todesfälle großer Stars aus Südkorea aber über viele Jahre erstrecken. 

Forscher Jin glaubt, dass sich - trotz der jüngsten negativen Schlagzeilen - die Dinge durch Maßnahmen der koreanischen Regierung insgesamt verbessert haben. Aber es müsse noch mehr unternommen werden: "Die Unterhaltungsindustrie und die Gesellschaft müssen gemeinsam praktikable Mechanismen entwickeln, um die Künstler zu unterstützen. Das heißt, sie müssen verstehen, welchen Schwierigkeiten angehende Stars begegnen, bevor sie extreme Ergebnisse erzielen."

Die Deutsche Welle berichtet zurückhaltend über das Thema Suizid, da es Hinweise darauf gibt, dass manche Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Sollten Sie selbst Selbstmordgedanken hegen oder in einer emotionalen Notlage stecken, zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen. Wo es Hilfe in Ihrem Land gibt, finden Sie unter der Website befrienders.org/. In Deutschland hilft Ihnen die Telefonseelsorge unter den kostenfreien Nummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.

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