Künstlerin der leisen Töne - Rebecca Horn zeitgleich in Basel und Metz | Kultur | DW | 10.06.2019
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Doppelausstellung

Künstlerin der leisen Töne - Rebecca Horn zeitgleich in Basel und Metz

Das Basler Museum Tinguely und das Centre Pompidou-Metz entdecken die Poesie von Rebecca Horn. Was macht die deutsche Künstlerin weltweit so erfolgreich?

Wer beide Häuser besuchen möchte, muss die Grenze passieren, denn das eine liegt in der Schweiz, das andere drei Autostunden entfernt in Frankreich. Aber das weitet den Blick auf das Künstlerleben von Rebecca Horn, deren medienübergreifendes Oeuvre fünf Jahrzehnte umspannt. Zumeist geht es um große Gefühle: Liebe und Begehren, Angst und Beklemmung sprechen aus den emotionsgeladenen Werken der Bildhauerin, Aktionskünstlerin und Filmemacherin. Rebecca Horn, die heute zurückgezogen im Odenwald lebt, ist die Poetin unter den Künstlerinnen. "Körperphantasien" heißt die Schau in Basel, "Theater der Metamorphosen" die in Metz.

Starke Bilder sind ihr Markenzeichen. Das zeigen beide Ausstellungen, die zum 75. Geburtstag der weltweit gefeierten Künstlerin eingerichtet wurden, kaum ein Jahr nach der letzten größeren Horn-Schau in Duisburg. Bis zuletzt ist Rebecca Horn mit bedeutenden Preisen und Auszeichnungen geehrt worden, dem Kaiserring der Stadt Goslar etwa, dem Medienkunstpreis Karlsruhe, vor allem aber dem Premium Imperiale, dem sogenannten "Nobelpreis der Künste". Vor vier Jahren, mit 71, erlitt sie einen Schlaganfall. Seither kämpft sich Rebecca Horn mühsam ins Leben zurück.

Verhältnis von Körper und Raum

Was in Basel wie auch in Metz zu sehen ist? Zeichnung und Fotografie, Skulptur und Maschine, Installation und Performance – Rebecca Horn spielt auf der ganzen Klaviatur künstlerischer Ausdrucksmittel: Der Körper mit seinen Bewegungen wird ihr zentrales Motiv, seit sich die junge Kunststudentin beim Hantieren mit Kunststoffen die Lunge verätzt und die Ärzte sie zu quälender Isolation im Sanatorium verdonnern. Sie experimentiert mit Kommunikation und Wahrnehmung. Doch weitet sie ihren Radius schnell aus – vom eigenen, leidgeprüften Körper über ihre typischen Körperverlängerungen bis hin zu den kinetischen Apparaten späterer Schaffensjahre.

Eine Frau trägt Handschuhe, deren lange Finger bis zum Boden reichen. (2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich)

Rebecca Horns "Handschuhfinger" von 1972

Den Bogen zwischen Früh- und Spätwerk spannt besonders das Basler Museum, dessen Sammlung dem Werk des schweizerischen Apparatepoeten Jean Tinguely huldigt. Auf einem Foto von 1972 beugt sich Rebecca Horn vor. Röhren verlängern ihre Finger, mit denen sie einen Scheuerlappen über das Parkett bugsiert. "Handschuhfinger" ist ein Mix aus Berührung und Distanz, mit dem Horn das Verhältnis von Körper und Raum auslotet. Horn fertigt kinetische Skulpturen an und spielt ihr Bewegungsrepertoire durch. Nicht nur "America Waltz" von 1990 lässt schmunzeln, dessen lange Drahtstangen ein Paar hochhackiger Frauenschuhe zum Steppen bringen. Viele Apparate stattet Rebecca Horn mit Flügeln oder Federn aus. Für ihre Performance "Weisser Körperfächer" von 1972 etwa hat sich die Künstlerin riesige Flügel aus Speichen und Stoff an den Körper geschnallt. Das schmetterlingshafte Flügelschlagen hält sie in einem Film fest.

Geistesverwandt mit mit Surrealisten

Rebecca Horn im Porträt (picture-alliance/dpa/ITAR-TASS/P. Golovkin)

Rebecca Horn

Mit den Jahren werden Horns Installationen immer raumgreifender. Da bäumt sich die balzende "Pfauenmaschine" von 1981 – ein Kranz aus federbesetzten Metallstäben - immer wieder zum Rad auf, sodass man sicherheitshalber einen Schritt zurücktritt. Auch ihre "Paradieswitwe" (1975), die einen nackten Körper mit schwarzen Federn umschließt, ihr "Hängender Fächer" (1982) oder das Federrad "Zen der Eule" von 2010 zeigen Horns Vorliebe für Bewegungsexperimente. Bei vielen Arbeiten aber entpuppt sich der Film als entscheidende Bühne für Horns Kunst. "Es hängt alles zusammen", lässt sich die Künstlerin zitieren, "ich beginne immer mit einer Idee, einer Geschichte, die sich in einen Text entwickelt, der wiederum zur Skizze wird, dann zu einem Film, daraus entstehen dann die Skulpturen und Installationen."

Rebecca Horn mit einem aus Stoff und Speichen gebauten Körperfächer (2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich )

"Weißer Körperfächer" heißt diese Installation von Rebecca Horn

Wohl deshalb nennen die Kuratorinnen des Centre Pompidou-Metz, Direktorin Emma Lavigne und Alexandra Müller, ihre Schau ein "Theater der Metamorphosen". Mit großer Akribie zeichnen sie den Entstehungsprozess vieler Werke nach. Und tatsächlich greift die Künstlerin immer wieder Themen aus Mythologie und Märchen auf, erdenkt sagenhafte Wesen, spürt den Geheimnissen der Alchemie nach oder erschafft eine fantastische Welt der Körperautomaten. Die Kuratorinnen sehen in Rebecca Horn nicht von ungefähr eine "Geistesverwandte" von Surrealisten wie Man Ray, Marcel Duchamps und Meret Oppenheim, deren Arbeiten sie in Dialog mit Horns Arbeiten treten lassen.

1944 im Odenwald geboren, arbeitet Horn seit den 1970er Jahren als Bildhauerin, Zeichnerin, Literatin, Filmemacherin, Video-, Installations- und Performance-Künstlerin. Vier Mal war sie bei der Weltkunstschau documenta in Kassel vertreten, zwei Ausstellungen ehrten sie im Guggenheim Museum, eine in der Neuen Nationalgalerie Berlin, schließlich in der Londoner Tate Modern. Rebecca Horn ist ein internationaler Kunst-Star. Denn sie hat, wie die Ausstellungen von Basel und Metz zeigen, ein riesiges Werk mit vielen Gesichtern geschaffen. Wer die Landesgrenzen überschreitet, entdeckt die Experimente einer Grenzgängerin.

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