Kühlschrank | Alltagsdeutsch – Podcast | DW | 01.01.1970
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Alltagsdeutsch – Podcast

Kühlschrank

Ob Mikrowelle, Wäschetrockner oder Spülmaschine – auf all diese Geräte könnten wir wohl verzichten, aber auf den Kühlschrank? Im Hochsommer? Nein, der Kühlschrank gehört heute selbstverständlich zu unserem Leben.

Sprecherin:

Der Kühlschrank - der beste Freund des Menschen. Ein Leben ohne ihn ist undenkbar: Er ist für den einen ein nützliches Elektrogerät, für den anderen ein fast verbotener Ort der mitternächtlichen Riten, die man kniend im fahlen Schein eines Glühbirnchens ausübt. Der eine mag ihn weiß, unauffällig oder am besten fast unsichtbar, der andere liebt ihn als einzigartiges Vorzeigestück der Wohnung:

Christian Friedl:

"Ich habe einen wunderschönen Chrosley aus den frühen fünfziger Jahren in einem Cadillac-Rosa lackiert. Das ist also mein absolutes Lieblingsstück. Das ist vielleicht nicht der technisch aufwendigste Kühlschrank oder der größte Kühlschrank aus der damaligen Zeit, aber das ist einfach ein Kühlschrank, der mir persönlich so ans Herz gewachsen ist, dass ich ihn nie verkaufen würde."

Sprecher:

Christian Friedl ist Kühlschrankrestaurator. Den Beruf erlernt man nicht; das wird man, wenn man alte Kühlschränke liebt, die bauchigen Modelle der 50er und 60er Jahre. Kühlschränke, wie man sie aus alten amerikanischen Spielfilmen kennt: mannshoch, mit glänzenden Chromgriffen und sinnlich-runden Formen - mit Eiscrusher für den Whiskey oder mit Zapfsäule außen dran, an der sich man gekühlten Saft oder Wasser zapfen kann, ohne den Kühlschrank zu öffnen. Christian Friedl hat einen solchen Kühlschrank zu Hause. Der ist ihm natürlich nicht tatsächlich ans Herz gewachsen. Das alte indo-germanische Wort "Herz" bezeichnet das zentrale Organ der Säugetiere, den Menschen gilt es auch als Sitz der Gefühle. Daher verwendet man das Wort "Herz" häufig in Redewendungen, um auszudrücken, wie wichtig oder lieb jemandem etwas ist. Und Christian Friedl hat eben seinen amerikanischen Kühlschrank besonders lieb gewonnen. Und ob nun alt oder neu - ohne Kühlschrank kann und will kein Mensch mehr sein:

O-Ton:

"Das wichtigste Elektrogerät, was es gibt. Weil ich da alles kaltstellen kann. Ich habe ja keinen Keller." / "Der Kühlschrank? Meiner ist im Moment kaputt, das ist ‘ne Katastrophe. Ansonsten ist es ein Hort von Dingen, mit denen ich mich gerne umgebe, weil ich leidenschaftlich gerne koche." / "Ach, ein notwendiges Übel, sagen wir mal so." / "Doch, der ist wichtig. Der muss groß sein und der muss praktisch sein. Also, früher hatte ich so einen richtigen Designer, und weil der so viel Strom schluckte, haben wir den aufgeben müssen und haben uns denn irgendwie so ‘n, ja, gesünderen Kühlschrank gekauft." / "Ein praktischer Ort, um Sachen kaltzustellen. Es ist einfach praktisch. Es ist gut, dass man einen hat."

Sprecher:

Das Elektrogerät ist für den einen einfach praktisch, für den anderen ein Hort von Dingen. Den Nibelungen war der Goldschatz ihr Hort, dem Hobby-Koch ist der Inhalt seines Kühlschranks ein köstlicher Schatz. Einer Dame, die vielleicht nicht gerne kocht oder eben das Hausfrauendasein verabscheut, ist der Kühlschrank ein notwendiges Übel: etwas, das man nicht mag, aber tagtäglich braucht. Und sagt eine Benutzerin, ihr Designer-Kühlschrank habe so viel Strom geschluckt, kann man sich bildlich vorstellen, dass das Gerät einen hohen Stromverbrauch hatte. Da ein Kühlschrank aber nicht wie ein Mensch krank oder gesund sein kann, meint der Ausdruck gesünderer Kühlschrank einen, der die Umwelt nicht belastet.

Sprecherin:

1992 entwarf eine kleine ostdeutsche Firma den ersten Öko-Kühlschrank, ohne den Ozonkiller FCKW und das Treibhausgas FKW. Greenpeace unterstütze den Hersteller "Foron" - und die sieben führenden westdeutschen Kühlschrank-Hersteller schrieen auf: Der Öko-Kühler aus Sachsen sei untauglich, das Gasgemisch könne explodieren, und das Gerät brauche viel zu viel Strom. Doch dann rügte selbst der Industrieverband BDI die "chlorreichen Sieben". Inzwischen sind alle Kühlschränke aus deutscher Produktion FCKW-frei. Die Technik ist relativ ausgereift - aber was viele stört, ist das lieblose Design und der oftmals nicht mehr so zweckgemäße Standort des Kühlschranks.

Wolfgang Laubersheimer:

"In der letzten Zeit kann man beobachten, dass es in den Küchen einen Trend zur Modularisierung gibt. Man geht ein bisschen weg von der klassischen Einbauküche, die ja in den 20er Jahren entstanden ist, und jetzt gibt es wieder einzelne Bauteile. Man baut ‘ne Küche aus einem einzelnen Schrank, es gibt Herdplattformen in der Mitte zum Beispiel, und da liegt es auf der Hand, dass man auch Kühlschränke als Einzelstücke gestaltet."

Sprecher:

Wolfgang Laubersheimer ist Professor an der Fachhochschule Köln mit Schwerpunkt Design. Er spricht von einem Trend bei Kühlschränken. Trend kommt aus dem Englischen und heißt: "sich neigen", "in eine bestimmte Richtung verlaufen". Professor Laubersheimer beobachtet die Entwicklungstendenzen der Kühler. Für ihn liegt auf der Hand, dass Kühlschränke zukünftig eher einen eigenen Standort haben. "Hand" bedeutete ursprünglich im Althochdeutschen "die Greiferin", "die Fasserin". Wenn etwas auf der Hand liegt, ist es klar zu fassen, also eindeutig. Professor Laubersheimer hat mit sechzehn Studenten einige neue Kühlschränke entwickelt. Ein Modell stellt Miterfinderin Judith vor:

Judith:

"Wir wollten keinen Kühlschrank für zu Hause machen, sondern dieses Modell 'Chiller' ist für die Messe gedacht. In erster Linie ist er erst mal rund, dass man von allen Seiten da rangehen kann. Das war uns sehr wichtig, dass er zentral stehen kann, dass man auf ihn zugreifen kann wie auf so ‘nen Meeting Point, dass man sich trifft, dass man daran steht, dass man ihn wie so ‘ne Theke benutzen kann. Dass er einfach zu befüllen ist, gerade mit vielen Flaschen, dass man sehen kann, was drin ist - ich denke, dass sind so die wichtigen Aspekte."

Sprecherin:

In Deutschland ist es beliebt, englische Wörter in den Sprachgebrauch einfließen zu lassen. Das wirkt etwas wichtiger. So gibt es das Modell namens "Chiller", das mit dem simplen Namen "Froster" nicht mehr so interessant klingt. Und deshalb soll "Chiller" auch ein Meeting Point sein und nicht auf Deutsch: ein Treffpunkt - das könnte ja langweiliger klingen. Die Studenten haben noch ein Modell entwickelt, das an ein Sideboard erinnert, mit Stahlkorpus und edlem Palisander-Holz: den hohen, schlanken Single-Kühlschrank, in den trotzdem ein Kasten Bier reinpasst und fünf weitere, teilweise etwas bizarre Entwürfe. Was auffällt, sind die Rollen an jedem Kühler:

Professor Laubersheimer:

"Ich denke, der Hauptgrund für die Rollen ist, dass wir uns überlegt haben, den Kühlschrank aus der Küche herauszunehmen beziehungsweise dieses typische Küchenelement, wie man das eben kennt, das eine bestimmte vorgegebene Breite, Höhe und Tiefe hat, von diesem Element wegzukommen. Und daher spielt auch Mobilität eben ‘ne größere Rolle, dass man sagt, okay, ich stelle den Kühlschrank eben dahin, wo ich ihn wirklich brauche. Und ob man den immer nur in der Küche braucht, ist eben die Frage."

Sprecher:

Mobilität ist ein Schlagwort im deutschen Sprachgebrauch. Es stammt aus dem Lateinischen und wird gebildet aus "mobilis": beweglich. Mobilität heißt also Beweglichkeit - geistige wie körperliche. Und die wird in der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit gefordert: Sie spielt eine Rolle. "Rolle" kommt aus dem Mittelhochdeutschen und ist die Bezeichnung für ein kleines Rad. In der Kanzleisprache war es die Bezeichnung für ein zusammengerolltes Schriftstück. Wenn man heute sagt, etwas spielt eine Rolle, meint man, dass etwas wichtig oder wesentlich ist - wie eben hier der bewegliche Standort des Kühlschranks. Der Quadratmeter vor dem Kühlschrank ist im ganzen Haus der Ort, an dem die Bewohner die meiste Zeit verbringen. Das haben Untersuchungen eines Haushaltsgeräte-Konzerns ergeben. Bei allen Gedanken an Funktionalität, Effizienz und Umweltfreundlichkeit - Professor Laubersheimer von der FH Köln besitzt ein äußerst eigenwilliges Exemplar:

Professor Laubersheimer:

"Ich hab‘ zu Hause die Kühlschrank-Katastrophe schlichtweg, weil - ich bin auf ein Sonderangebot reingefallen von einem großen europäischen Elektronikmarkt. Man kann Eiswürfel durch die Tür sich in seinen Whiskey machen. Nun trinke ich keinen Whiskey, ich fand das trotzdem zunächst mit dem Eiswürfel-Crusher ganz spannend. Aber ich habe dann mal die Energiekosten überschlagen, und mir ist wirklich fast schlecht geworden. Und ich bin ein extrem übles Beispiel für ökologische Kühlschrank-Fragen. Also, ich hab‘ zu Hause leider so ein Teil, das leider auch noch höllenlaut ist. Ich muss also alle Türen zumachen nachts, damit ich nicht von dem Kühlschrank aus dem Schlaf gerissen werde, wenn sich dieses extrem altmodische Aggregat einschaltet. Aber das wusste ich nicht, als ich ihn gekauft habe. Jetzt war der so teuer, dass ich ihn nicht einfach, ja, entsorgen kann. Weil auch die Entsorgung - das ist natürlich noch ein Teil, das noch FCKW drin hat. Pech gehabt. Aber ich werde das wieder gut machen, und werd‘ möglicherweise in naher Zukunft ein Jahr ohne Kühlschrank leben, um Buße zu tun."

Sprecherin:

Auf etwas reinfallen: Das meint umgangssprachlich, dass man aus Gutgläubigkeit oder Dummheit auf etwas eingeht und dadurch Nachteile hat. Professor Laubersheimer hat sich durch ein Sonderangebot zum Kauf eines umweltschädlichen Kühlschranks verlocken lassen. Trotzdem wähnt er sich nicht tatsächlich im Fegefeuer, wenn er sagt, sein Kühlschrank sei höllenlaut. Das Wort "Hölle" kombiniert man in der Umgangssprache mit Substantiven oder Adjektiven, um eine besonders große Intensität auszudrücken. Er bedauert seinen Fehlkauf und will deshalb Buße tun.

Sprecher:

Die Buße kennt man als religiös-sittlichen Ausdruck; jemand hat gefehlt und bemüht sich um die Wiederherstellung des dadurch gestörten Verhältnisses zwischen Gott und Mensch. In der Rechtssprache muss jemand eine Buße zahlen, den Ausgleich für eine geringe Rechtsverletzung. Ursprünglich, im Althochdeutschen, hat die Buße einen positiven Anklang, hier heißt es "Nutzen", "Vorteil", oder auch: "Heilung durch Zauber". Das trifft vielleicht auch auf Laubersheimer zu. Der will seine tätige Reue zeigen - und macht sicher eine positive und spannende Erfahrung, mal ganz ohne Kühlschrank zu leben.

Sprecherin:

Christian Friedls Kühlschrank-Atelier nahe dem Bahnhof Deutz in Köln. Über 200 Kühlschränke stapeln sich hier in Reihen und übereinander. Hinten verrostete, scheußliche Teile, fast wie auf einer Müllkippe. Vorne dann wahre Prachtstücke in Blau, Anthrazit-Metallic, pastellenem Vanilla, hellgrünem Pistazio, Polarsilber und zartem Rosa. Die Kühler der 50er und 60er Jahre sind heute wahre Nostalgieobjekte.

Christian Friedl:

"Ich hab‘ schon immer alles Alte gemocht, alte Autos, alte Architektur, alte Möbel, und somit war also der Nährboden irgendwo bereitet. Auch der Wunsch, mal Eigenes aufzubauen, war schon vorhanden. Und dann hat sich ein Freund mal einen alten Bosch-Kühlschrank von irgendwoher besorgt, das war so ein WG-Kühlschrank mit bestimmt vier Schichten Aufklebern drauf. Und ich hab‘ ihm als Freundschaftsdienst einfach geholfen, diesen Kühlschrank aufzuarbeiten. Da ist der Funke dann übergesprungen."

Sprecher:

Nährboden - das ist eigentlich die Substanz aus flüssigen oder festen Stoffen, auf der Pilz- und Bakterienkulturen oder auch Zellgewebe gezogen werden. Christian Friedl sagt, seine Vorliebe für alte Dinge habe den Nährboden bereitet für seine Geschäftsidee. Da kann man sich bildhaft vorstellen, wie eben nicht Pilze und Bakterien wachsen, sondern seine Liebe zu alten Kühlschränken. Bei ihm ist dann der Funke übergesprungen, als er am Gerät gearbeitet hat; er meint hier im übertragenen Sinn, dass er ganz plötzlich seine Begeisterung für alte Kühlschränke entdeckt hat. Etwa 25 bis 30 Kühlschränke pro Jahr restauriert Christian Friedl. Sie werden in aufwendiger Kleinarbeit bis auf das letzte Schräubchen auseinander genommen, gesäubert, entrostet, Dellen werden ausgebügelt, Chromteile poliert, die Kunststoffteile werden behandelt, auf Wunsch wird eine neue, FCKW-freie Kühltechnik eingebaut, und schließlich wird das Traumteil neu lackiert - in allen erdenklichen Farben und Mustern, zum Beispiel passend zur Gardine oder zum Hund. Die Restaurierung dauert lange - etwa 60 bis 100 Arbeitsstunden pro Kühlschrank, und dementsprechend kostet das Ganze auch.

Christian Friedl:

"Unsere Kundenstruktur setzt sich zusammen vom Studenten, der die Großmutter bittet, ihm was beizusteuern oder alle Sparschweine, die er finden kann, klein haut, bis zu Schauspielern, Ärzten, Rechtsanwälten, Formel-1-Fahrern, auch zum Teil Mitgliedern von Königshäusern, die noch nicht mal nach ‘m Preis fragen. Also, es ist wirklich querbeet und von der Altersstruktur her schwerpunktmäßig von Mitte 20 bis Ende 30, wir haben aber auch schon 18-jährige Kunden und 60-jährige Kunden hier gehabt."

Sprecher:

Mit querbeet bildet Christian Friedl umgangssprachlich die Kundenstruktur ab. Querbeet bedeutet "ohne festgelegte Richtung", die Kunden kommen, bildhaft gesehen, aus den verschiedensten sozialen Schichten. Ihnen gemeinsam ist, dass sie etwas Einzigartiges haben wollen, etwas Originelles, das kein anderer hat.

Fragen zum Text:

Die Redewendung auf der Hand liegen bedeutet, dass etwas…

1. eindeutig, offensichtlich ist

2. sehr klein ist

3. schwer zu beschreiben ist

Was soll mit dem Wort Höllen- umgangssprachlich ausgedrückt werden?

1. eine besondere Intensität des folgenden Wortes

2. eine Verneinung des folgenden Wortes

3. ein positives Urteil über das folgende Wort

Was bedeutete der Begriff Buße ursprünglich?

1. Gerichtsurteil, Strafe

2. Vorteil, Nutzen

3. Streit, Ärger

Arbeitsauftrag:

Stellen Sie eine Liste auf mit zehn Dingen, die Sie im Kühlschrank aufbewahren würden.

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