Können sich Hühnerfedern zu neuen Höhen aufschwingen? | Wissen & Umwelt | DW | 03.05.2018
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Wissen & Umwelt

Können sich Hühnerfedern zu neuen Höhen aufschwingen?

Forscher wollen Hühnerfedern als Rohstoff nutzbar machen. Das könnte auch die Plastik-Verschmutzung der Weltmeere verringern.

Etwa 58 Milliarden Masthähnchen werden jedes Jahr geschlachtet. Was bleibt, ist nicht nur Nahrung für Menschen, sondern auch ein riesiger Berg Federn.

Diese sind weitgehend wertlos - abgesehen von ein paar Kissen, die damit gefüllt werden. Der größte Teil wird verbrannt oder landet auf Müllhalden, wo die Federn aufgrund von Blut und Geweberesten eine potentielle biologische Gefahr darstellen.

Für Tamrat Tesfaye ist das eine unhaltbare Situation. Der äthiopische Forscher, der im südafrikanischen Durban arbeitet, fragte sich, ob man aus dieser "schrecklichen Verschwendung" nicht etwas Wertvolles machen könne. 

Seit vier Jahren arbeiten er und sein Kollege Bruce Sithole daran, Hühnerfedern in etwas Nützliches zu verwandeln und gleichzeitig deren Schaden für die Umwelt zu begrenzen.

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Foto: Frau schläft in einem Bett

Hühnerfedern: Gut für mehr als Kissenfüllung?

Aus Federn Geld machen

Ihr wertvollstes Mittel dazu ist Keratin, ein Protein, das sich auch in Tierhörnern, Klauen und Hufen findet, aber auch in menschlichen Haaren und in der Haut. Der Clou: Federn bestehen zu 91 Prozent daraus.

"Keratin ist wirklich in vielerlei Hinsicht einzigartig", sagte Tesfaye gegenüber DW. "Insbesondere sein geringes Gewicht aufgrund seiner geringen Dichte, gepaart mit seiner strukturellen Stabilität, sowie seine Fähigkeit, Flüssigkeit zu absorbieren, machen den Rohstoff für die Industrie interessant."

Erst mal säubern

Aber bevor irgendwelche neuen Produkte entwickelt werden können, müssen die Federn, die beim mechanischen Rupfen in Schlachthäusern mit Blut und Muskelgewebe in Berührung kommen, gereinigt und desinfiziert werden.

Dafür experimentieren die Forscher mit verschiedenen thermischen Verfahrenstechniken und chemischen Lösungsmitteln.

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Ursprünglich konzentrierten sich Tesfaye und seine Kollegen darauf, einen Teil der rund 250.000 Tonnen vor Ort anfallenden Federn für die Entwicklung von Verbundwerkstoffen zu verwenden. Diese, dachten sie, könnten etwa bei der Fertigung  von Spanplatten zum Einsatz kommen.

Aber sie dachten auch weiter.

Foto von Dr. Tamrat Tesfaye im Labor

Tesfaye glaubt, Geflügelfedern ließen sich als Rohstoff in vielen Produkten für Industrie und Haushalt nutzen, von der Luftfahrt bis zu biologisch abbaubaren Plastiktüten

"Weil sie so billig und leicht sind, glauben wir, dass die verarbeiteten Federn für die Automobil- und Luftfahrtindustrie nützlich sein könnten", sagt Tesfaye.

So sei es denkbar, sie bei der Herstellung von Armaturenbrettern, Sitzen oder Motorabdeckungen einzusetzen oder als Ersatz für Kohlefaserverbundstoffe in Flugzeugen.

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Auch bei der Herstellung von Shampoos, Windeln oder biologisch abbaubaren Plastiktüten könnte man sie verwenden, sagen die Forscher.

Wie das gehen könnte, untersuchen Tesfayes Studenten aus Südafrika, Nigeria und dem Kongo.

Die KaRMA 2020 Initiative 

Auch in Europa wird an der Weiterverwendung von Federn geforscht, denn auch hier sind sie ein riesiges Problem. Allein in der Europäischen Union fallen jedes Jahr mehr als 3 Millionen Tonnen an — nicht nur von Hühnern, sondern auch von Enten, Gänsen und Truthähnen.

Seit Januar 2017 arbeitet die  KaRMA 2020 Initiative. mit dem vielversprechenden Abfallprodukt. Insgesamt sind 16 Forschungseinrichtungen und Industriegruppen aus verschiedenen Ländern dabei, darunter Spanien und Deutschland. Koordiniert wird die Initiative vom Forschungszentrum IK4-CIDETEC im spanischen San Sebastián.

CIDETEC arbeitet an der Verarbeitung von Geflügelfedern und entwickelt Technologien, um Materialien auf Keratin-Basis und schwer entflammbare Verbundstoffe zu verarbeiten.

In einer Studie, die in der Fachzeitschrift Polymers veröffentlicht wurde, beschreibt der CIDETEC-Forscher Ibon Aranberri die Eigenschaften der Federn. Ihre "hohle, wabenförmige Struktur" würde hervorragend isolieren und dies könnte man sich gerade beim Bau von Gebäuden zu nutze machen.

Blick in einen industriellen Hühnerschlachthof

Die globale Geflügelindustrie ist riesig. Etwa 58 Milliarden Grillhühner werden jedes Jahr für den Verzehr geschlachtet.

Andere Projektpartner in Europa wollen Inhaltsstoffe für Shampoos, Haarspülungen, Bioplastik, Textilien und Harze auf Basis der Federn entwickeln.

Erste Schritte

Noch sei der Einsatz von Geflügelfedern als Rohstoff in industriellen Anwendungen sehr begrenzt, sagt die KaRMA-Projektkoordinatorin Sarah Montes. Aber die Entwicklung von neuen Methoden und Verwendungszwecken könnte "nicht nur den Wert von Federn als Rohstoff erhöhen, sondern auch die Auswirkungen auf die Umwelt und die Gefahren für die Gesundheit reduzieren, die mit ihrer Entsorgung einhergehen."

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Und wenn Geflügelfedern tatsächlich in der Herstellung biologisch abbaubarer Kunststoffe eingesetzt werden könnten, wäre das auch für unsere Ozeane eine gute Nachricht. Denn konventionelles Plastik vermüllt bekanntlich massiv die Weltmeere und Montes erwartet, dass biologisch abbaubare Kunststoffe aus Keratin eine nachhaltige Alternative werden könnten.

 

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