Können HIV-Medikamente neues Coronavirus hemmen? | Wissen & Umwelt | DW | 07.02.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Coronavirus

Können HIV-Medikamente neues Coronavirus hemmen?

Spezifische Medikamente gegen Coronaviren gibt es bislang nicht. Allerdings zeigten experimentell eingesetzte HIV-Mittel schon bei SARS und MERS deutliche Erfolge.

Anfang Februar ließ die Meldung der thailändischen Behörden aufhorchen, es habe eine erfolgreiche Behandlung des neuartigen Coronavirus mit einem Cocktail aus Grippe- und HIV-Medikamenten gegeben. 48 Stunden nach dem Beginn der Behandlung sei das Virus bei der Patientin aus China nicht mehr nachweisbar gewesen.

Die Ärzte hatten die Frau mit einer Kombination aus dem Grippe-Medikament Oseltamivir und den antiviralen Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir behandelt, die eigentlich zur Behandlung von HIV entwickelt wurden. Der Medikamentenmix soll jetzt im Labor weiter getestet werden.

Inzwischen bestätigte der US-Pharmakonzern AbbVie, dass die chinesischen Gesundheitsbehörden in großen Stile das HIV-Mittel Kaletra angefordert hätten, das auch unter dem Namen Aluvia vertrieben wird.

Erfolge bereits bei der SARS-Pandemie

Die Idee, Infektionen mit dem Corona-Virus mit HIV-Hemmern zu behandeln, ist nicht wirklich neu. Bereits bei der SARS-Pandemie 2002/2003 wurden Patienten versuchsweise das HIV-Mittel Kaletra verabreicht, das die beiden HIV-Protease-Hemmer Lopinavir und Ritonavir enthält.

Wie die Substanzen die Coronaviren hemmen, erläuterte Professor Dr. Rolf Hilgenfeld von der Uni Lübeck jüngst gegenüber Zeit Online: "Um sich zu vermehren, bilden RNA-Viren – wie auch 2019-nCoV – zunächst sehr große Proteinmoleküle. Die müssen dann von bestimmten Enzymen in einzelne Komponenten zerschnitten werden, damit das Virus sich vermehren kann. Genau das will man verhindern. Das gelingt, indem man die Enzyme hemmt."

Coronavirus (imago/Science Photo Library)

Damit sich das Virus nicht vermehren kann, müssen die Enzyme gehemmt werden, die sich bei Coronaviren sehr ähneln.

Zu lange wurde die Forschung an Coronaviren sträflich vernachlässigt, sagt Professor Hilgenfeld: "Damals galten Coronaviren noch als unwichtig für den Menschen. Man dachte, sie lösen allenfalls Erkältungen aus. Damals wurde mir von vielen sogar geraten, mit diesen "unwichtigen" Arbeiten aufzuhören. Und als kurz danach die SARS-Pandemie begann, waren wir die Einzigen, die überhaupt dreidimensionale Strukturen von Coronavirus-Proteinen aufgeklärt hatten. Auf dieser Basis haben wir schon damals eine Substanz entwickelt, mit der man Coronaviren hemmen kann."

Auch Ebola-Medikament könnte helfen

Sowohl gegen den SARS-Erreger als auch gegen das gefährliche MERS-Coronavirus zeigten die Wirkstoffe in Zellkulturen Wirkung. Deshalb ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Wirkstoffe auch beim neuen Coronavirus 2019-nCoV anschlagen. Allerdings befinden sich die Wirkstoffe noch im experimentellen Stadium und sind bislang noch nicht klinisch getestet worden.

Der Lübecker Biochemiker Hilgenfeld hält neben Lopinavir/Ritonavir auch das gegen Ebola entwickelte Medikament Remdesivir für vielversprechend, das ebenfalls in Zellkulturen gegen Coronaviren wirke. Allerdings ist dieser Arzneistoff nur in sehr begrenzter Form während des Ebola-Ausbruchs und im Kongo an Menschen getestet worden und das mit unklarem Ergebnis. 

Entwicklung von Medikamenten und Impfstoff kann Jahre dauern

Bei der Suche nach Medikamenten zur Behandlung von Infektionen mit dem neuen Coronavirus arbeiten die Lübecker Forscher eng mit Wissenschaftlern aus China zusammen. Klarheit können wohl am ehesten die Laborversuche im Wuhan Institute of Virology bringen, wo das neue Coronavirus derzeit intensiv erforscht wird. 

Mehr dazu: Coronavirus: Impfstoffentwicklung - ein Wettlauf gegen die Zeit

BdTD China Peking Junge mit Spiderman-Maske (Getty Images/K. Freyer)

"Unsere beste Chance gegen das Virus sind momentan die Medikamente, die wir schon haben", so Biochemiker Hilgenfeld

Bis zur Entwicklung eines Medikaments oder eines Impfstoffs gegen den neuen Virusstamm 2019-nCoV können aber trotzdem noch Jahre vergehen. Bis es soweit ist, sollten nach Ansicht von Professor Hilgenfeld u.a. die beiden bereits zugelassenen HIV-Hemmer Lopinavir und Ritonavir genutzt werden.

"Das Ziel der Impfstoffe ist das sogenannte Spike-Protein, das man sich wie Stacheln auf der Virushülle vorstellen muss. Und die unterscheiden sich – anders als die Enzyme, die von den Aidsmitteln Lopinavir/Ritonavir attackiert werden – je nach Virustyp deutlich. Das Spike-Protein des Wuhan-Virus ist nur zu 51 Prozent identisch mit dem des Sars-Coronavirus. Das macht einen Impfstoff, der gegen viele Coronaviren gleichermaßen wirkt, eher unwahrscheinlich. Auch wenn es schnell geht: Bis ein spezifischer Impfstoff gegen 2019-nCoV entwickelt ist und zum Einsatz bereitsteht, dürfte es Monate dauern. Unsere beste Chance gegen das Virus sind momentan die Medikamente, die wir schon haben", so der Biochemiker Hilgenfeld gegenüber Zeit Online.


 

 

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links