″König Otto″ Rehhagel wird 80 | Sport | DW | 08.08.2018
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Fußball

"König Otto" Rehhagel wird 80

Wenn man heute mitunter über "Laptop-Trainer" spöttelt, die den Fußball technisieren, dann war er wohl der Gegenentwurf: Otto Rehhagel. Der Meistertrainer hatte dafür etwas anderes: ein Händchen.

Trainer Otto Rehhagel wird 80 (imago/Hartenfelser)

Daumen hoch für die Fans: Otto Rehhagel im vergangenen Jahr im Stadion

"Die Entscheidungen, die ich treffe, die sind immer richtig!" Als Trainer im deutschen Spitzenfußball tut man gut daran, eine gewisse Portion Selbstbewusstsein mitzubringen. Wenn es dann noch gelingt, auf sportlichem Gebiet Erfolg zu haben, kann man sich durchaus solche Sprüche leisten. Otto Rehhagel, als Trainer zweifacher Deutscher Meister mit Werder Bremen und auch Meister-Trainer in Kaiserslautern, konnte es. Noch ein Beispiel? "Sie können fragen, was Sie wollen. Entscheidend ist doch, was ich antworte", sagte Rehhagel mal in einer Pressekonferenz zu den Journalisten. An diesem Donnerstag (9. August 2018) wird Rehhagel 80 Jahre alt.

Ein Verteidiger

Rehhagel kommt aus Essen. Der Ruhrpott, das prägt. Und er hat dort - als bissiger Verteidiger - nicht nur für den Traditionsklub Rot-Weiß gespielt, sondern beim TuS Helene in Altenessen angefangen. Das war 1957 - und schon diese Jahreszahl signalisiert, dass hier eine Fußball-Persönlichkeit eine ganze Epoche überblicken kann. Es würde den Rahmen sprengen, alle Stationen Rehhagels als Spieler, vor allem aber später als Trainer aufzuzählen. Nehmen wir nur die wichtigsten: 1988 und 1993 Deutscher Meister mit Werder Bremen, 1998 als Bundesliga-Aufsteiger sofort Deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern, 2004 Europameister als Coach der griechischen Nationalmannschaft. Wo Rehhagel wirkte, hatten Nachfolger zumeist einen schweren Stand.

Der Bremer Trainer Otto Rehhagel Vizemeister Werder Bremen 1983 Bundesligageschichte (dpa)

Mit Werder auf dem Rathaus-Balkon: Meister-Trainer Rehhagel (vorne), Torschützenkönig Rudi Völler (links) und im Hintergrund Team-Manager Willi Lemke

Altmodisch, im besten Sinne. Ein Mann mit Fußballerherz, wie das sein langjähriger Weggefährte aus der Bremer Erfolgszeit, Willi Lemke, formuliert. "Er hat ja, obwohl er nie an einer Universität Psychologie oder Pädagogik studierte, ein unglaublich gutes Händchen dafür gehabt, Spieler korrekt zu behandeln", sagt Lemke der DW. "Allerdings auch streng, aber das gehört dazu. Er hat das phantastisch hingekriegt." So formte er Mannschaften, die für ihn durch's Feuer gegangen seien. Und entwickelte Spieler wie Rudi Völler oder Karl-Heinz Riedle, die später viel Geld einbrachten.

In Bremen avancierte Rehhagel zu "König Otto". Er gewann nicht nur die besagten Meisterschaften, sondern holte 1991 und 1994 auch den DFB-Pokal und 1992 den Europapokal der Pokalsieger. Und Manager Willi Lemke damals stets an seiner Seite. Der in der Stadt einflussreiche "Weser-Kurier" nannte Lemke den Adjutanten Rehhagels. Adjutant - laut Duden der "dem Kommandeur einer militärischen Einheit zur Unterstützung beigegebener Offizier".

Trainer Otto Rehhagel wird 80 | mit Senator Willi Lemke (Imago)

Erfolgreiches Gespann in Bremen: Trainer Rehhagel und der damalige Werder-Manager Willi Lemke

Lemke lässt diese Bezeichnung, kurz vor seinem eigenen, 72. Geburtstag, bis heute gelten. "Wenn man in der Position insgesamt sechs Titel holt, mit Otto Rehhagel fünf, dann sage ich Ihnen als älterer Herr, dass ein großer Erfolg nur möglich ist, wenn alle mithelfen. Egal, ob es der Adjutant, der Rasenpfleger oder die Waschfrau ist."

"Heute bin ich Realist"

Wo hätte Rehhagel nicht überall Trainer werden können? Lazio Rom wollte ihn haben, Real Madrid auch, und vor allem der - nach eigenem Selbstverständnis - selbstverständliche Bundesliga-Primus Bayern München warb um Rehhagel. 1995, zum mittleren Entsetzen manches Werder-Fans, unterschrieb der Trainer den Vertrag bei den Bayern. Überliefert sein Satz von damals: "Früher war ich Idealist. Heute bin ich Realist und weiß, der beste Fußball wird auf Dauer da gespielt, wo das meiste Geld ist."

Doch die Bayern spielten unter Rehhagel nicht den besten Fußball. Die Presse maulte, die Vereinsbosse fanden das Erreichen des UEFA-Cup-Endspiels zu wenig, erstmals muckten auch Kicker vernehmlich gegen den Trainer auf. "Rehhagel oder ich", wurde Mehmet Scholl vom Fachmagazin "Kicker" zitiert. Der Bayern-Star beklagte fehlende Taktik - und das Verhältnis zwischen einem eher beratungsresistenten Trainer und einem eher erfolgsverwöhnten Klub wurde frostig. Bayern München stand mit Rehhagel auf Tabellenplatz zwei, doch als die Meisterschaft nach einer Niederlage gegen Hansa Rostock außer Reichweite geriet, reichte es Klub-Präsident Franz Beckerbauer. Rehhagel wurde entlassen, Beckenbauer übernahm als Interimstrainer.

Otto Rehhagel 1. FC Kaiserslautern Meisterschale 1998 (picture-alliance/dpa)

Erst Aufstieg, dann Meisterschaft: Rehhagel in Kaiserslautern

"Bei uns darfst Du wieder Otto sein", machte ihm daraufhin Jürgen Friedrich, Aufsichtsratschef des 1. FC Kaiserslautern, die nächste Trainerstation schmackhaft. Als er daraufhin mit den "roten Teufeln" die Erstklassigkeit schaffte, den FC Bayern München in deren Stadion schlug und den Titel gewann, bemerkte der Trainer: "Es gibt einen Fußballgott - und der sieht alles."

Zu einer Art Fußballgott selbst stieg Rehhagel, als sich dann auch in Kaiserslautern Querelen eingestellt hatten, als Trainer der griechischen Nationalmannschaft auf. Willi Lemke nennt es "Rehhagels größtes Ding", wie dieser 2004 bei der Europameisterschaft in Portugal alle Favoriten hinter sich ließ und mit seiner Mannschaft der namenlosen Helden, mit rigorosem Defensiv-Fußball, aber mit viel Herz den Titel holte. Das sei nicht schön gewesen? "Modern spielt, wer gewinnt", so Rehhagels Konter. In Athen, ein Meer aus blau-weißen Fahnen beim Jubel um das Team, wurde er mit Ehrungen geradezu überhäuft und zum Ehren-Griechen ernannt.

Otto Rehhagel mit der Trophäe Eruo 2004 Griechenland Trainer (picture-alliance/AP)

Europameister mit Griechenland: Rehhagel auf dem Gipfel des Ruhms 2004

Treffen am Wochenende

"Sie können unheimlich stolz sein, was Sie - unterstützt von einer großartigen Frau - alles geschafft haben", wünscht Lemke zum Geburtstag seinem Lieblingstrainer, der seit 1963 mit Beate Rehhagel verheiratet ist. An diesem Wochenende werden sie sich alle wiedersehen, wenn sie gemeinsam den 25. Jahrestag der Deutschen Meisterschaft in Bremen feiern. Der Trainer Rehhagel, der viel herumgekommen ist, und der Manager Lemke, der als Sportbeauftragter der Vereinten Nationen ebenfalls viel von der Welt gesehen hat, werden dann am Rande möglicherweise auch über den Fall Mesut Özil sprechen. Lemke, betrübt über die Rassismus-Debatte in Deutschland, hat eine Vorstellung, was Rehhagel zu Özil gesagt hätte: "Lass' den Jungen in Ruhe. Der soll Fußball spielen."

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