Kämpfen für eine weibliche Sprache | Deutschlehrer-Info | DW | 15.03.2018
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Deutschlehrer-Info

Kämpfen für eine weibliche Sprache

Marlies Krämer kämpft seit den 1990er Jahren gegen die Benachteiligung von Frauen in der Sprache. Vor dem Bundesgerichtshof ist sie jetzt gescheitert. Doch ihre Vergangenheit zeigt: Aufgeben? Nicht mit ihr.

Früher war Marlies Krämer immer "Marliese" - mit "e" am Ende. Aber die Zeiten waren irgendwann vorbei, "in der alle mit mir machen konnten, was die wollten", so die 80-Jährige im Deutschlandfunk. Deshalb einfach Marlies - ohne "e".

Für viele ist es nur ein Buchstabe - für Marlies Krämer dürfte es viel mehr sein. Seit Jahrzehnten kämpft sie für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der Sprache. Auf dem Papier geht es immer nur um einzelne Buchstaben. In der Realität geht es der "bekennenden Feministin" um den Schlüssel zur Gleichberechtigung.

Sprache als Ausdruck von Denken und Fühlen

Soziologen sind überzeugt: Sprache bestimmt unsere Wahrnehmung der Welt, sie ist ein Spiegel der Gesellschaft. Werden Frauen in der Sprache benachteiligt, dann sieht es innerhalb der Gesellschaft nicht anders aus.

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Das Grundgesetz kurz erklärt: Gleichberechtigung

Deshalb setzt Marlies Krämer sich schon so lange für eine gerechte Sprache ein. Als sie 1990 einen neuen Pass beantragen will, steht in der Unterschriftenzeile: "Inhaber dieses Ausweises". Marlies Krämer unterschreibt den Antrag nicht, weil sie sich nicht angesprochen fühlt. Stattdessen lebt sie jahrelang ohne neuen Pass, sammelt Unterschriften gegen die Ungleichbehandlung. 1996 beschließt der Bundesrat nach EU-Verhandlungen, dass die Formulierung auf den Vordrucken fortan "Inhaber bzw. Inhaberin" heißen muss.

Wenig später protestiert Marlies Krämer gegen die Benennung von Hoch- und Tiefdruckgebieten. Hochdruckgebiete bekamen bis dato immer männliche Namen, Tiefdruckgebiete weibliche. Unfair, findet Marlies Krämer, und sie setzt sich durch. Seit Ende der 1990er Jahre bekommen die Gut- und Schlechtwetterlagen im jährlichen Wechsel Männer- und Frauennamen.

Frauen werden "geschlechtsumgewandelt"

Zuletzt kämpfte die 80-Jährige gegen die Saarbrücker Sparkasse. Sie will in allen Formularen mit weiblicher Anrede angesprochen werden, als "Kundin", nicht als "Kunde". Es sind nur zwei Buchstaben - aber da ist eben auch die Sache mit dem Spiegel und der Gesellschaft. 

Marlies Krämer zeigt ein Dokument der Sparkasse, das sie verbessert hat (picture-alliance/dpa/O. Dietze)

Ein Dokument der Sparkasse änderte Marlies Krämer manuell

Frauen kommen in der deutschen Muttersprache viel zu wenig vor, sagt Marlies Krämer, als gäbe es sie gar nicht. Ständig werden sie "geschlechtsumgewandelt". Dabei leisteten Frauen so viel.

Marlies Krämer weiß, wovon sie spricht. Die gebürtige Saarländerin macht nach der Volksschule eine Ausbildung zur Verkäuferin - auf Drängen ihres Vaters. Marlies Krämer wollte eigentlich Abitur machen, sie hatte gute Noten. Später heiratet sie, doch ihr Mann stirbt früh, 1972. Mit Mitte 30 ist Marlies Krämer alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Nachts arbeitet sie. Sie geht putzen, kellnern, Geschirr spülen, um die Familie zu ernähren.

Als ihre Kinder erwachsen sind, studiert sie Soziologie, zehn Semester lang. Rosa Luxemburg inspiriert sie. Marlies Krämer engagiert sich politisch, wird Mitglied der SPD, später wechselt sie zur Partei "Die Linke" und baut sie in ihrem Heimatort mit auf. Von der Frauenzeitschrift "Emma" wird sie 1997 zur "Heldin des Alltags" gekürt. Von Männern, aber auch von Frauen wird sie aber auch immer wieder angefeindet: Sich für eine gleichberechtigte Sprache einsetzen? Gibt's keine größeren Probleme?

Marlies Krämer steht vor den Richtern im BGH (picture-alliance/dpa/U. Deck)

Warten auf das Urteil des BGHs

Nicht verbissen, aber entschieden

Den Kampf gegen die Saarbrücker Sparkasse hat sie an diesem Dienstag verloren. Der BGH entschied: Frauen müssen in Formularen nicht in weiblicher Form angesprochen werden. Die Anrede "Kunde" ist auch für Frauen legitim.

Aufgeben will Marlies Krämer deshalb aber nicht. Schon im Vorfeld der Entscheidung hatte sie angekündigt, bei einer Niederlage vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. "Letztendlich macht mir das einfach Spaß, ich bin dabei auch nicht verbissen, aber ich lasse mir auch nichts gefallen", sagt sie.

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