Juden im Iran - ein Leben in der Diaspora? | Kultur | DW | 26.08.2007
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Kultur

Juden im Iran - ein Leben in der Diaspora?

Der iranische Präsident Ahmadinedschad leugnet den Holocaust. Trotzdem lebt im Iran die zweitgrößte jüdische Gemeinde im Nahen Osten - und die weltweit älteste. Eigentlich fühlt sie sich verwurzelt und integriert.

Ein älterer Jude sitzt lesend in einer Synagoge in Teheran

Ein iranischer Jude in einer Synagoge in Teheran: Im Gebet wird hebräisch gesprochen

Sie leben ausgerechnet in dem Staat, dessen Präsident den Holocaust an den Juden verleugnet: Die größte jüdische Gemeinde im Nahen Osten außerhalb Israels lebt im Iran. Die Mitglieder betrachten sich als iranische Juden. Die Frage, wo ihre Eltern herkommen, ist für diese Menschen - im Gegensatz zu anderen in der Diaspora lebenden Juden - ohne Bedeutung. Auf die besondere Erlaubnis zur Immigration des Staates Israel, die nicht zuletzt wegen der Äußerungen Ahmadinedschads gewährt wird und eine privilegierte Religionsfreiheit mit sich bringt, antworten viel iranische Juden: "Unsere iranische Identität ist nicht mit Geld aufzuwiegen."

Arash Abaie, Vertreter der jüdischen Gemeinschaft im staatlichen Institut für Religions-Dialog im Iran und Gründer des jüdischen Monatsmagazins “Bina”, erklärt die Verbundenheit: "Volkshistorisch sind sie weltweit die ältesten und beständigsten Juden. Sie leben seit dem König Kyros II. (539 v. Chr.) in den Gebieten des heutigen Irans, während andere Juden von Generation zu Generation ihren Wohnsitz und ihr Land wechseln mussten." Ihre Wurzeln seien auf die Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem durch die Babylonier zurückzuführen. Man könne den Iran also weltweit als die zweite jüdische Heimat bezeichnen.

Die Kultur ist eher persisch geprägt

Dies zeigt sich auch in Bezug auf die Sprache. Abaies jüdisches Magazin "Bina" erscheint auf Persisch. Einzig beim Gebet gebe es Unterschiede in der Sprache, meint Abaie. "Hebräisch ist für iranische Juden genauso die Sprache des Gebets, wie es Arabisch für iranische Moslems darstellt". Auch die jüdische Kultur wird im Iran nicht so gepflegt, wie in der restlichen Welt. "Bei uns ist die religiöse Kultur mehr persisch geprägt als jüdisch. So gleichen die Hochzeitssitten und Trauer-Bräuche mehr denen der Iraner, als denen der Juden in anderen Ländern", erläutert Abaie.

Jüdische Stadtviertel gibt es in den iranischen Städten nicht. Sie leben als Iraner in der Nachbarschaft mit anderen Iranern. Der jüdische Chirurg Dr. Mohaber arbeitet zweimal wöchentlich im Krankenhaus "Saphir" in der Hauptstadt Teheran, welches von iranischen Juden im In- und Ausland finanziert wird. "Unsere Besucher sind mehrheitlich Moslems. Nicht wenige möchten gern hier stationär behandelt oder von einem jüdischen Arzt untersucht werden", sagt er und zeigt, dass es keine Berührungsängste zwischen den Religionen gibt.

Trotz des ähnlichen Lebensstils, haben von den rund 100.000 Juden, die vor 30 Jahren im Iran lebten, dreiviertel das Land verlassen. Als einen Grund nennt die Iranerin Zohre Mohammadie den Iran-Irak-Krieg: "Wegen des Krieges mussten wir in andere Städte fliehen. Jüngere Juden wanderten gleich ins Ausland aus", sagt die 62-Jährige, deren Kinder in Deutschland leben. “Unsere Stadt war sehr klein, aber die Hälfte der Einwohner bestand aus Sunniten und Juden. Sowohl auf Hochzeiten als auch auf Trauerfeiern verbrachten wir gemeinsame Stunden. Wenn unsere jüdischen Nachbarn für ihre Festlichkeiten Brot gebacken hatten, bekam die ganze Nachbarschaft etwas davon ab. An den Samstagen (Anm. Sabbat) machte ein Nachbarmädchen für unsere Juden das Feuer für den Samowar", erinnert sie sich.

Erst die Islamische Revolution (1979), dann der Iran-Irak Krieg (1980-1988) und schließlich die Wirtschaftssanktionen. Soziales Elend und eine fehlende Demokratie sind für viele Iraner Gründe genug, auszuwandern. Bis zu 70 Prozent der iranischen Juden hätten sich für die Diaspora entschieden, hauptsächlich in den USA und Europa, sagt Abaie, andere seien nach Israel gegangen.

Der Holocaust ist vielen Iranern kein Begriff

Im November 2005 erklärt der iranische Präsident, Mahmoud Ahmadinedschad, seine Regierung werde den Staat Israel von der Landkarte tilgen. Monate später sorgt er weltweit für Empörung, als er den Völkermord an sechs Millionen Juden, den Holocaust, leugnet. Während seine Provokation weltweit hohe Wellen schlug, fragten sich viele Iraner, was denn der Holocaust überhaupt bedeute. ”Bis dahin hatten die meisten Iraner das Wort Holocaust noch nie gehört, denn die iranischen Juden waren verschont geblieben.", erklärt Abaie. Durch die Entfernung zu Europa und die fehlenden Emigrationsmotive der damaligen Juden, sei die jüdisch-iranische Glaubensgemeinschaft nicht vom Holocaust gezeichnet. "Nach der Islamischen Revolution im Jahre 1979 wurde der Holocaust im Iran besonderes verschwiegen”, so der iranische Jude, Arash Abaie.

Als der Ungar Imre Kertész für sein Buch “Roman eines Schicksallosen” 2002 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, schrieb Abaie im Magazin “Bina” über die Holocaust-Erfahrungen des jungen Kertész. Daraufhin wurde er offiziell gebeten, dieses Thema fallen zu lassen. "Mit dem Amtsantritt Ahmadinedschads spürte man zwar als iranischer Jude keine wesentlichen Veränderungen im Alltagsleben", so Abaie weiter, aber für die intellektuellen Juden sei es umso schwerer geworden: "Je informierter man ist, desto mehr leidet man unter den jetzigen Umständen".

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