Jordanien: Journalistin deckt Missbrauch an Kindern auf | Medienentwicklung | DW Akademie | DW | 11.10.2013
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Medienentwicklung

Jordanien: Journalistin deckt Missbrauch an Kindern auf

Hanan Khandagji recherchierte in Einrichtungen für Kinder mit Behinderungen - mit erschütterndem Ergebnis. Dafür wurde die Journalistin kürzlich mit dem Deutschen Medienpreis Entwicklungspolitik ausgezeichnet.

Über ein Jahr lang recherchierte Khandagji - verdeckt als ehrenamtliche Mitarbeiterin. Die Zustände, die sie vorfand, waren erschütternd: Der Missbrauch an Kindern durch Erzieher und Pflegepersonal stand auf der Tagesordnung. Khandagjis Berichte erregten in Jordanien großes Aufsehen und hatten zur Folge, dass der König einen Untersuchungsausschuss anordnete. Im August wurde Khandagji der Deutsche Medienpreis Entwicklungspolitik verliehen - eine wichtige Bestätigung ihrer Arbeit und ein ermutigendes Signal, weiter investigativ zu arbeiten, sagt sie.

Sie haben für Ihren Beitrag über ein Jahr lang die Misshandlungen an Kindern in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen recherchiert. Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden?
Hanan Khandagji: Die Idee dazu kam mir, als ich an einem Training des Internationalen Zentrums für Journalisten in Ägypten teilnahm. Dort lernte ich einen Kollegen kennen, der mir von seiner Schwester erzählte, die in einer Einrichtung für Kinder mit Behinderungen lebt und dort geschlagen wird. Das hat mich motiviert, die Zustände zu recherchieren. Ich hatte noch keine Erfahrung mit investigativem Journalismus. Aufgrund der vielen Hindernisse war es kein leichtes Unterfangen. Doch die Bilder, die ich von den Kindern in diesen Einrichtungen im Kopf hatte, haben mich erschüttert. Der Missbrauch und die Umstände, unter denen sie zu leiden haben, zwangen mich, weiter zu machen.

Sie recherchierten investigativ - als verdeckte ehrenamtliche Mitarbeiterin. Was haben Sie erlebt?
Es war für mich nicht möglich, als Journalistin in die Einrichtung zu gelangen. Hätte die Verwaltung von meiner Tätigkeit erfahren, wären die Kinder in meiner Anwesenheit anders behandelt worden. Die Erzieherinnen hätten sich wie "Engel" gegenüber den Kindern verhalten. Deswegen habe ich entschieden, meine journalistische Identität zu verbergen und mich als ehrenamtliche Mitarbeiterin auszugeben. Schockierend war, wie die Erzieherinnen mit den Kindern umgingen. Diesen Missbrauch habe ich dokumentiert. In einer weiteren Einrichtung fand ich ähnliche Umgangsweisen und Missbrauch vor. Zusätzlich habe ich die Eltern der Kinder interviewt. Sie haben mir bestätigt, dass ihre Kinder in diesen Einrichtungen geschlagen, verbrannt und sexuell missbraucht werden. Ärztliche Befunde, die mir vorlagen, bestätigten die Aussagen der Eltern.

Wie gefährlich ist es für Journalisten in Jordanien investigativ zu arbeiten und sensible Themen aufzugreifen?
Die Möglichkeiten investigativ zu arbeiten, sind sehr begrenzt - aber es gibt sie. Es befassen sich dennoch nur wenige Journalisten mit sensiblen Themen. Nach Veröffentlichung meiner Recherche wurden mehrere Leiter und Mitarbeiter der Einrichtungen entlassen. Hätte König Abdullah II nicht hinter mir gestanden, hätte ich mit Konsequenzen rechnen müssen. Auch wurde ich von meinem Arbeitgeber Albalad Radio und dem ARIJ (Arab Reporters for Investigative Journalism) unterstützt.

Wie waren die Reaktionen in Ihrem Land? Hat Ihre Arbeit dazu geführt, dass gesetzlich gegen die Missstände vorgegangen wird?
Es gab durchaus Veränderungen: Einige der Einrichtungen wurden geschlossen. Der König berief einen Ausschuss, der innerhalb von 14 Tagen einen Bericht verfasste. Darin wurde von besorgniserregenden Zuständen berichtet - wie etwa von Käfigen, in die Kinder gesperrt wurden. Es wurde auch darüber berichtet, wie Kindern Schlaftabletten gegeben wurden, damit sie auch tagsüber schlafen. 17 Leiter solcher Einrichtungen wurden wegen Folter und Nachlässigkeit vor Gericht gebracht. Gesetze wurden geändert und die Anforderungen, die man erfüllen muss, um eine Einrichtung zu eröffnen, verschärft. Trotzdem gibt es noch keine radikalen Veränderungen. Zum Beispiel ist es nach wie vor recht einfach, eine Einrichtung neu zu gründen. Die Einstellung der Erzieher sollte durch eine unabhängige Regierungsbehörde erfolgen und nicht durch die Einrichtungen. Außerdem benötigt es einer strengeren Aufsicht - an der auch zivilgesellschaftliche Organisationen beteiligt sind.

Was bedeutet eine internationale Auszeichnung wie der Deutsche Medienpreis Entwicklungspolitik in dem Zusammenhang?
Ich bekam drei internationale Auszeichnungen. Am wichtigsten für mich war der Deutsche Medienpreis Entwicklungspolitik - diese Anerkennung hat mir viel Mut gemacht und mich bestätigt, weiterhin investigative zu arbeiten. Ich glaube, dass jeder Journalist von einer solchen Auszeichnung träumt. Ich war so glücklich, als ich davon erfahren habe.

Welche Entwicklung erwarten sie von den Medien in ihrem Land in den nächsten fünf Jahren?
Es gibt momentan leider viele Einschränkungen für Journalisten. Seitdem Webseiten durch das Presse- und Publikationsgesetz kontrolliert werden, ist ein Rückgang der Meinungsfreiheit spürbar. Bereits das Einrichten einer Webseite ist schwierig geworden - die Auflagen wurden verschärft. Es ist eine schlechte Zeit für die Pressefreiheit in Jordanien und ich befürchte, dass es in Zukunft noch schlimmer wird.

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  • Datum 11.10.2013
  • Autorin/Autor Charlotte Hauswedell
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  • Permalink https://p.dw.com/p/19y0V
  • Datum 11.10.2013
  • Autorin/Autor Charlotte Hauswedell
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