Johan Nijenhuis über seine Dramaserie zum Klimawandel | Filme | DW | 20.07.2021
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Überschwemmungen in Westeuropa

Johan Nijenhuis über seine Dramaserie zum Klimawandel

2016 produzierte Johan Nijenhuis "The Swell", eine Miniserie über eine Flutkatastrophe. Im DW-Gespräch erklärt er, was er dabei über Prävention gelernt hat.

Verwüstung im Ort Schuld in der Eifel.

In Trümmern: die Stadt Schuld in der Eifel

Als der niederländische Filmproduzent Johan Nijenhuis sein erstes Erdbeben erlebt, ist er 16 Jahre alt und Austauschschüler in Los Angeles, Kalifornien.

"Jede Person bekam gesagt, was zu tun ist, wenn ein Erdbeben Los Angeles trifft. Alle Schülerinnen und Schüler mussten sich unter die Tische begeben. Uns wurde erklärt, wie man ein Nachbeben erspürt, was zu tun ist, wenn das Gebäude einstürzt, und wo man sich versammeln muss, um zu den Rettungskräften zu gelangen", erzählt er im DW-Interview.

Porträt des Produzenten Johan Nijenhuis

Produzent Johan Nijenhuis

Damals habe er sich gefragt, wie seine kalifornischen Freundinnen und Freunde ihr ganzes Leben in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet leben könnten. Sie erwiderten, dass es beachtlich sei, dass sich ausgerechnet einer aus den Niederlanden so etwas frage, der aus einem Land käme, in dem ein Großteil der Landmasse unter dem Meeresspiegel liege.

"Aus ihrer Sicht sind wir die Dummen. Das Seltsame ist, dass wir nie für den Ernstfall trainieren. Ich denke, dasselbe gilt für die deutschen Städte, die aktuell betroffen sind", so Nijenhuis mit Verweis auf die derzeitigen Überschwemmungen in weiten Teilen Westdeutschlands. "Wir haben nie wirklich darüber nachgedacht, was zu tun ist, wenn das Wasser kommt."

Mangelnde Vorbereitung auf Hochwasser

Die Vorbereitung, beziehungsweise mangelnde Vorbereitung auf eine solche Katastrophe, war Schwerpunkt seiner sechsteiligen Miniserie "The Swell - Wenn die Deiche brechen" (Regie: Hans Herbots). Die Produktion von 2016 geht der Frage nach, was passiert, wenn der stärkste Sturm der Geschichte die Niederlande und das benachbarte Belgien trifft. 

Erzählt wird das Drama mittels verschiedener Handlungsstränge: Da ist der Ministerpräsident, der über Massenevakuierungen nachdenkt. Die Wärter eines unter dem Meeresspiegel gelegenen Gefängnisses müssen sich mit den aufgebrachten Insassen auseinandersetzen. Und eine Familie betrauert den Verlust ihres Kindes, das von den Wassermassen mitgerissen wurde.

Bei seinen Recherchen für die Miniserie stieß Nijenhuis auf einige interessante Berichte. Einer davon handelte von einer Übung der niederländischen Feuerwehr und des Rettungsdienstes, bei der 60 Bewohnerinnen und Bewohner eines Seniorenheims evakuiert werden mussten. Darunter waren auch immobile Menschen, die mit ihren Betten nach draußen gebracht werden mussten.  

"Sie (die Rettungskräfte, Anm. d. Red.) machten einen wunderbaren Job. Sie hatten die erste Person innerhalb von zwei Stunden draußen! Stellen Sie sich also vor: Was würde passieren, wenn Sie 60 ältere Menschen evakuieren müssten? (...) Man muss diese Leute auf die richtige Art und Weise rausbringen." 

Das Ergebnis dieser Übung steht im Kontrast zu dem, was vergangene Woche in der Realität geschah, als das Hochwasser Sinzig, eine Stadt im schwer überfluteten Kreis Ahrweiler, traf. Dort ertranken zwölf Personen in einem Heim für Behinderte, weil sie nicht rechtzeitig evakuiert wurden.

Der Ort Dernau in der Eifel steht unter Wasser.

Verheerende Überschwemmung in Dernau in der Eifel

Hydrologin Cloke: "Ein monumentales Versagen des Systems"

Obwohl Nijenhuis bislang nicht persönlich von Hochwasserereignissen betroffen war, recherchierte er das Hochwasserrisiko für Amsterdam, nachdem seine Ex-Frau, die er als "Prepperin" bezeichnet - eine Person, die sich minutiös auf den Katastrophenfall vorbereitet - vorgeschlagen hatte, ihr Haus aufzugeben und in einen höher gelegenen Ort zu ziehen.

"Ich fand heraus, dass Amsterdam eigentlich ein ziemlich sicherer Ort ist. Das historische Zentrum ist hoch genug gelegen", so Produzent Nijenhuis. Aber nur sehr wenige Menschen in den Niederlanden wüssten, wie hoch ihre Häuser liegen und welche Flutrisiken ihnen drohen. 

Die deutschen Flutopfer waren weitgehend unvorbereitet auf das Ausmaß der Verwüstung, und viele fragen sich nun, warum die Behörden nicht auf die Hochwasserwarnung, die Anfang vergangener Woche vom Europäischen Flutwarnsystem (EFAS) herausgegeben wurde, reagierten.

Hannah Cloke, Professorin für Hydrologie an der Reading University im Vereinigten Königreich, hat EFAS mit aufgebaut. Gegenüber der US-Zeitung"Politico" nannte sie die Zahl der Todesopfer in Deutschland "ein monumentales Versagen des Systems". "Ich hätte erwartet", so Cloke, "dass die Menschen evakuiert werden. Man erwartet nicht, dass im Jahr 2021 so viele Menschen bei Überschwemmungen sterben."

Nijenhuis: Flüsse gefährlicher als das Meer

2009 produzierte Nijenhus außerdem den Katastrophenfilm "De Storm" (Regie: Ben Sombogaart), der von der Nordseeflut von 1953 handelt. Die Niederlande, Nordwest-Belgien, England und Schottland waren damals betroffen. Eine Kombination aus Wind, Flut und niedrigem Druck führte dazu, dass die meisten Deiche brachen und das Land bis zu 5,6 Meter überflutet wurde. 

Im Südwesten der Niederlande wurden daraufhin die Deltawerke gebaut, ein Schutzsystem gegen Hochwasser und Sturmfluten an den meisten Flussmündungen.

"Der Film ('De Storm', Anm. d. Red.) wurde natürlich von den historischen Ereignissen inspiriert, aber die Serie ('The Swell - Wenn die Deiche brechen', Anm. d. Red.) ist sehr stark davon inspiriert, wie gut wir jetzt geschützt sind. Als ich für die Serie recherchierte, stellte ich fest, dass sich die meisten Menschen in den Niederlanden Sorgen machen, dass das Meer das Land überflutet. Aber tatsächlich sind Flüsse, die das Land überfluten, eine viel realistischere Gefahr", so Nijenhuis.

Ein Teil der Deltawerke aus der Luft

Ein Teil der Deltawerke aus der Luft: Sie sollen Millionen Menschen im Südwesten der Niederlande vor Überschwemmungen schützen

 

Geschärftes Bewusstsein für den Klimawandel?

Können Serien wie "The Swell" oder Filme und Bücher mit ähnlichem Inhalt dazu beitragen, mehr Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen, oder lösen sie vielmehr unnötige Ängste aus?

Nijenhuis sagt, dass die Reaktionen, die er zu seiner Miniserie auf Twitter gesehen habe, zeigen, dass "die Gefahr für viele Menschen real geworden ist, und diejenigen, die sich Sorgen gemacht haben, haben nachgeforscht." 

Trotzdem hätten die jüngsten Überschwemmungen in Westeuropa weit mehr Bewusstsein geschaffen, als es eine Serie je könnte. 

"Ich denke, 99 Prozent der Menschen in unseren beiden Ländern stimmen zu, dass der Klimawandel da ist und fragen sich, zu welchem Teil der Mensch dazu beigetragen hat. Der Klimawandel ist da... es ist beinahe zu spät, ihn aufzuhalten. Was wir jetzt lernen sollten, ist, wie wir uns schützen können."

Video ansehen 04:11

Wie kam es zur Flutkatastrophe? – Hydrologe Bruno Merz im Gespräch

Umgang mit dem Planeten im steten Wandel

Obwohl Nijenhuis einen Film und eine Serie produziert hat, die auf unheimliche Weise die derzeitige Situation in Westeuropa vorweggenommen haben, sei er kein Pessimist.

Er habe beobachtet, dass sich der Umgang des Menschen mit dem Planeten alle 50 Jahre ändere. Der Transport habe sich zum Beispiel von wasserbasierten zu landbasierten Methoden gewandelt, sagt er.

"Das Gleiche gilt für die Energienutzung. Vor 100 Jahren waren es Kohle und Holz. Dann sind wir auf Gas umgestiegen, und jetzt müssen wir auf Solar- und vielleicht Kernenergie umsteigen. Diese Veränderungen passieren alle 50 oder 100 Jahre, und das Gleiche gilt für die Art und Weise, wie wir uns vor dem Wasser schützen." 

Tragische Todesfälle verhindern

Das bedeute aber auch, dass man überdenken muss, wohin neue Häuser gebaut werden. Nijenhuis erklärt, wie in den Niederlanden Landwirte ignoriert wurden, die davor warnten, Häuser zu nahe an Gewässer zu bauen - zum Nachteil der Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer. 

"Wir müssen uns genau ansehen, wo wir Häuser errichten. Aus der Serie habe ich gelernt, dass bestimmte Gebiete von Überschwemmungen und Wasserpegelanstiegen betroffen sein werden. Man kann nicht verhindern, dass ein Boden ab und zu nass wird; wir sollten aber dafür sorgen, dass wir keine tragischen Todesfälle haben, wenn es dazu kommt."

Übersetzung aus dem Englischen: Bettina Baumann

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