Jiddisch: eine Sprache mit Zukunft | Deutschlehrer-Info | DW | 28.05.2020
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Deutschlehrer-Info

Jiddisch: eine Sprache mit Zukunft

Das Jiddische hat sich einst von Deutschland über Osteuropa bis in die USA verbreitet. Heute, nach Holocaust und Zweitem Weltkrieg, gibt es nur noch wenige Sprecher. Die aktuelle Entwicklung macht jedoch Hoffnung.

Ein jüdisches Gebetsbuch aus dem 13. Jahrhundert mit hebräischen Schriftzeichen (picture-alliance/AP/Sebastian Scheiner)

Jiddisch: eine germanische Sprache mit hebräischen Schriftzeichen, hier in einem Gebetbuch aus dem 13. Jahrhundert

Viele von uns hoffen, während der Corona-Krise ein paar zusätzliche Fähigkeiten zu erwerben – sei es, indem wir unsere Koch-Künste professionalisieren, unsere Wohnung verschönern oder einfach den Akt des Händewaschens perfektionieren. Einige Menschen nehmen sich auch Zeit für das Erlernen einer neuen Fremdsprache, z. B. Jiddisch. Das steigende Interesse an dieser Sprache und Kultur zeichnete sich schon vor der Corona-Pandemie ab – dank der Verbreitung der Klezmermusik und des Erfolgs von TV-Serien wie „Unorthodox“ und „Shtisel“.

„Die jiddische Sprache ist sehr ausdrucksstark und voller Zwischentöne. Aufgrund seiner mittelhochdeutschen Wurzeln ist Jiddisch für viele Deutsche vertraut und fremd zugleich, und diese Kombination ist faszinierend“, sagt Alan Bern, Gründer des Yiddish Summer Weimar und der Other Music Academy in Weimar. „Ein ähnliches Gefühl von Fremdheit und Vertrautheit gibt es bei vielen Juden, deren Großeltern oder Eltern zwar Jiddisch sprachen, die Sprachkenntnisse aber nicht an sie weitergegeben haben. Für viele Menschen ist die Erforschung des Jiddischen eine Möglichkeit, ihr eigenes Identitätsgefühl tiefgreifend zu erkunden", sagt Bern.

Eine Sprache, die den Tod überlebt hat

Bern, von Beruf Komponist und Musiker, widmet sich seit 20 Jahren der Vermittlung der jiddischen Sprache und Kultur an ein zeitgenössisches europäisches Publikum. Sein jährlich stattfindendes Festival „Yiddish Summer Weimar“ ist eine der führenden Veranstaltungen in Europa, die den Reichtum und die Bedeutung des Jiddischen hervorhebt.

Eine Gruppe von Musikern auf der Bühne beim Festival Yiddish Summer Weimar (Felikss Livschits 2017)

Musiker aus vielen Ländern der Welt traten schon in Weimar beim Yiddish Summer Festival auf


Einige Linguisten befürchten zwar, dass Jiddisch eine aussterbende Sprache sein könnte. Schätzungen zufolge gibt es nur etwa eine halbe Million Muttersprachler – plus circa 50.000 jiddische Sprachenthusiasten in der ganzen Welt. Vor dem Zweiten Weltkrieg lag die Zahl schätzungsweise bei bis zu 13 Millionen Jiddisch-Sprechenden; 85% der jüdischen Opfer des Holocaust waren jiddische Muttersprachler.

Eszter Szendroi, Linguistik-Professorin am University College London (UCL), blickt aber dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft: „Ich denke, eine Sprache, die heute eine halbe Million Sprecher hat, von denen die Mehrheit unter 20 Jahre alt ist, macht sich ganz gut“, sagt sie im DW-Gespräch. Szendroi selbst ist keine Jiddisch-Muttersprachlerin, hat aber vor einigen Jahren ihre Leidenschaft für Jiddisch entdeckt und es in den Mittelpunkt ihrer Recherchen als Linguistin gestellt. „Ich erkenne, dass Sprachen institutionelle Unterstützung brauchen – Schulen, Bibliotheken, kulturelle Einrichtungen und Verlage. Also sollte jeder, der will, dass Jiddisch überlebt, solche Institutionen unterstützen“, sagt Szendroi.

Brücken bauen durch Sprache

Ein Teil der Faszination für die jiddische Sprache liegt wahrscheinlich darin, dass sie für Sprecher anderer germanischer Sprachen leicht zugänglich ist – auch wenn sie das hebräische Alphabet benutzt. Szendroi glaubt, dass deutsche oder niederländische Muttersprachler wahrscheinlich etwa 60-70 Prozent des gesprochenen Jiddisch verstehen würden. „Aber Jiddisch hat auch eine große Anzahl an semitischen Wörtern, die aus dem Hebräischen und Aramäischen stammen, und es hat auch einen großen slawischen Einfluss, weil es später in seiner Entwicklung in Osteuropa gesprochen wurde“, sagt die Wissenschaftlerin.

Eszter Szendroi, Professorin für Jiddisch (University College London)

Eszter Szendroi hat ihre Leidenschaft für die jiddische Sprache entdeckt


Durch die Ähnlichkeit mit dem Deutschen könnte das Jiddische auch als Brücke dienen, um die Menschen mit der Vergangenheit zu verbinden. Es könnte gelingen, an die Zeit vor dem Holocaust anzuknüpfen, als Jiddisch eine Sprache war, die man auf den Straßen vieler deutscher Städte hörte. Alan Bern sagt sogar, dass die jiddische Kultur „1.000 Jahre lang wie ein Nervensystem war, das sich durch Europa zog und die europäischen Kulturen miteinander verband“. Doch für viele Menschen, die während oder nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren sind, ist dies kaum vorstellbar.

New York als Schmelztiegel der Sprachen

Auf der anderen Seite des Atlantiks gibt es mit Brooklyn einen New Yorker Vorort, in dem Jiddisch noch immer viel gesprochen wird. Das gilt insbesondere für den Stadtteil Williamsburg. Chassidische Juden betreiben hier Schulen, Krankenhäuser und Geschäfte in ihrer Sprache. Dass sie häufig nach streng ultraorthodoxen Regeln leben, greift die Serie „Unorthodox“ auf.

Wer in einer Zeit nach dem Corona-Lockdown einmal durch die Straßen von New York geht, wird sicherlich jiddische Ausdrücke wie „plotz“ oder „shvitz“ oder „shlep“ hören können, sogar unter Nicht-Jiddisch-Sprechenden und Nichtjuden sind diese Wörter verbreitet. In Stadtteilen wie Williamsburg hat die jiddische Sprache eine jahrhundertealte Tradition: „Im Jahr 1925, als die Einwanderungsgesetze in den USA geändert wurden, gab es in den USA fast drei Millionen Juden. Die Mehrheit der Neuankömmlinge war ursprünglich jiddischsprachig“, erklärt Szendroi.

Eine Straßenszene in Brooklyn: Eine Gruppe von Juden geht an einem gelben Bus vorbei (Imago Images/ZUMA Wire/R. Adar)

In New York leben die meisten chassidischen Juden außerhalb Israels

„Die meisten der in die USA einreisenden Juden blieben in New York. Sie trugen im Laufe der Zeit zum Schmelztiegel der dortigen Kulturen bei“, so Szendroi. „Eine Erklärung, wie ihre Worte ins amerikanische Englisch gelangten, lautet: durch die Medien. So war zum Beispiel eine der ersten überregionalen Zeitungen in den USA die jiddischsprachige Forverts. Ende der frühen 1930er Jahre war sie zu einer führenden Tageszeitung in den USA geworden und erreichte eine höhere Auflage als die New York Times“, betont Szendroi.

L'chaim – Auf das Leben!

Alan Bern hebt auch den verbindenden Aspekt der jiddischen Sprache hervor, insbesondere bei Menschen, die Jiddisch nicht als Hauptsprache verwenden. Er hofft auch, dass sich die Menschen durch die Auseinandersetzung mit der jiddischen Sprache dazu verleiten lassen, die ganze Vielfalt der jüdischen Kultur kennenzulernen und nicht nur den Holocaust als Hauptmerkmal der jüdischen Kultur und Geschichte wahrnehmen. Denn genau das sei eine verzerrte, von Außenstehenden geprägte Sichtweise der jüdischen Kultur, meint Bern und betont, dass die jüdische Kultur sich eigentlich immer auf das Leben und nicht auf den Tod konzentriert habe. „Wenn das erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man an Juden denkt, ein Berg Leichen ist, dann hat Hitler den Krieg in unseren Köpfen gewonnen“, sagt Bern gegenüber der DW.

Eszter Szendroi bemerkt jedoch, dass die Schrecken des 20. Jahrhunderts auch Teil der Anziehungskraft der Sprache sind: „Das Jiddische repräsentiert in wehmütiger Weise eine Kultur, die einst blühte und heute nicht mehr existiert“, sagt sie. „Im zentralen Busbahnhof von Tel Aviv gibt es eine bekannte, private Bibliothek und ein Kulturzentrum mit über 50.000 jiddischen Büchern von Einzelpersonen, deren Kinder und Enkelkinder sie nicht mehr lesen konnten. Jedes Mal, wenn ich diesen Raum betrete, höre ich die Stimmen Tausender jiddischsprachiger Menschen: die Schriftsteller, die Leser, die Stimme der Person, die das Buch gekauft und eine Inschrift hinterlassen hat, der Bibliothekar, der es vor langer Zeit irgendwo in einer polnischen Schule katalogisiert hat. Sie alle werden für mich lebendig.“

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