Viele Journalisten fliehen aus dem Jemen | Nahost | DW | 17.06.2018
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Pressefreiheit

Viele Journalisten fliehen aus dem Jemen

Unter dem Krieg im Jemen leidet die ganze Bevölkerung. Doch eine zivile Berufsgruppe ist besonders gefährdet: Journalisten. Hunderte haben das Land aus Angst verlassen, wie Gouri Sharma berichtet.

Mohammed al-Qadhi ist froh, wenn er seine Familie mehr als einmal im Jahr sieht. Seit drei Jahren lebt der Kriegsreporter getrennt von seiner Familie. Saudische Bombenangriffe haben sie aus der Hauptstadt Sana'a vertrieben. Heute versucht der 44-Jährige, von der Küstenstadt Taiz aus für ausländische Medien über den Krieg zu berichten. Aber er weiß nicht, wie lange das noch möglich sein wird. "Zu der schlechten Sicherheitslage kommt der psychische, mentale und emotionale Druck", erzählt al-Qadhi. "Es ist nicht einfach, wenn du weißt, dass du jeden Moment getötet werden kannst."

Der Krieg zwischen der Regierung und Huthi-Rebellen bedroht jeden der mehr als 25 Millionen Einwohner des Jemen. Doch Journalisten zählen wegen ihres Berufs in vielen Kriegen zu den Feindbildern der Konfliktparteien. So auch im Jemen: "30 Journalisten wurden seit 2015 getötet, drei von ihnen allein in den letzten zwei Monaten", sagt Mustafa Nasr, Vorsitzender des "Studies & Economic Media Center" (SEMC) mit Sitz in Taiz. Journalisten würden getötet, gekidnappt oder würden Opfer anderer Arten von Gewalt oder Gewaltandrohung.

Viele fliehen, die meisten ins Ausland

Hunderte Journalisten haben laut SEMC-Report seit Ausbruch des Konflikts 2014 ihre Heimat verlassen. Ihre genaue Zahl sei kaum zu ermitteln, so die Autoren, weil viele vertriebene Journalisten in den Wirren nicht erfasst werden könnten. So beschränke sich die Studie auf die 726 vertriebenen Journalisten, die 2014 im Jemen tätig waren, 86 Prozent von ihnen in der Hauptstadt Sana'a.

Demnach haben 30 Prozent von ihnen innerhalb des Jemen Schutz in weniger gefährlichen Regionen gesucht. Viele hätten ihren Beruf aufgegeben, um die Angst vor Festnahme und Verfolgung hinter sich zu lassen. Der weit größere Teil jedoch - 70 Prozent der erfassten Journalisten - hätten den Jemen ganz verlassen. Die mit Abstand beliebtesten Exilländer sind demnach Ägypten und Saudi-Arabien, gefolgt von der Türkei.

"Diese traurige, ja tragische Realität ist ein schwerer Schlag gegen den Journalistenberuf im Jemen", schreiben die Autoren der Studie, "In dem rauen Umfeld droht jemenitischen Journalisten Gefangennahme, Tod oder der Sturz ins Ungewisse."

Jagd auf die "gefährlichsten Kämpfer auf dem Schlachtfeld"

Das sei einmal anders gewesen, sagt Samia al-Agbhri, die damals in Sana'a für eine Zeitung arbeitete, die der sozialistischen Partei im Jemen nahe stand: "Vor dem Krieg gab es in Sana'a eine diversifizierte Medienlandschaft. Wir durften den Staat und die Institutionen kritisieren."

Das habe sich schlagartig geändert, als die Huthis 2015 die Macht an sich rissen: "Das erste, was sie taten, war, die Kontrolle über die Medien zu übernehmen", erzählt al-Agbhri. "Die Huthi-Anführer bezeichneten Journalisten als 'die gefährlichsten Kämpfer auf dem Schlachtfeld'." Kurz darauf sei Sana'a "ein großes Gefängnis" geworden: Viele Journalisten seien verfolgt, überfallen oder festgenommen worden. "Ich habe meine Arbeit geliebt", sagt al-Agbhri, die bereits vor drei Jahren nach Ägypten floh, "heute fühle ich mich hilflos und frustriert."

Jemen Vertreibung von Journalisten (M. al-Qadhi)

Erzählt die Geschichten der Zivilisten, so lange es geht: Journalist Mohammed al-Qadhi

Inzwischen kontrollieren die Huthis große Teile des Landes. Es heißt, sie schafften eine Kultur der Angst und Einschüchterung. Immer wieder wird von Entführungen, Razzien und Drohungen berichtet. "Es gibt für Journalisten im Jemen keinen sicheren Ort zum Arbeiten", sagt SEMC-Chef Nasr. "Die Gewalt gegen Journalisten bedeutet, dass humanitäre oder wirtschaftliche Geschichten gar nicht erzählt werden. Die Jemeniten können nicht über ihr Leid sprechen."

Gefahr für Journalisten - Gefahr für den Journalismus

Kriegsreporter al-Qadhi lebt und arbeitet inzwischen in Taiz, das hart umkämpft ist und teilweise von Huthi-Rebellen, teilweise von der Regierung kontrolliert wird. "In Taiz bin ich von regierungsfreundlichen Gruppen entführt und zusammengeschlagen worden, und es gab Gewaltaufrufe gegen mich", erzählt der Journalist. "Sicher ist es hier nicht, aber wenigstens kann ich arbeiten."

Aussicht auf Besserung im Jemen besteht kaum - weder für die Bevölkerung, noch für Journalisten, aber: "Es geht ja nicht nur um die Journalisten, sondern um den Journalismus selbst", sagt al-Qadhi. "Er wird zur Propaganda missbraucht. Und das ist sehr gefährlich für die Zukunft des Journalismus im Jemen."

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