Jeder Mensch hat ein Recht auf Würde | Deutschland evangelisch-katholisch | DW | 12.05.2021
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Deutschland evangelisch-katholisch

Jeder Mensch hat ein Recht auf Würde

In einer Schlacht wird eine Gruppe leicht übersehen: Die Verwundeten. Henry Dunant hat das geändert. Auf einem Schlachtfeld.

Eine Weltorganisation feiert ihren Aktionstag

Wo in der Welt bewaffnete Kämpfe toben und Zerstörungswut um sich greift, dort taucht das Rote Kreuz auf. Oft zwischen den Fronten, aber gut gekennzeichnet, damit keiner es mit dem Feind verwechselt. Sein Fokus ist auf die Verletzten und Sterbenden gerichtet. Das sind die Menschen, die man im Kampf liegen lässt, weil sie nicht mehr „brauchbar“ sind. Ihr Recht auf würdiges Leben scheint nicht zu existieren und ihr Leiden rührt keinen.

Die Geschichte von dem Roten Kreuz und dem Roten Halbmond, seiner Schwesterorganisation ist heute eng verknüpft mit den bewaffneten Kämpfen. 2020 zählte man weltweit 29 bei zunehmender Tendenz. Eben dieses Rote Kreuz aber feiert in diesen Tagen, am 8. Mai seinen jährlichen Aktionstag, den Weltrotkreuztag. Welche Ideen stecken hinter dem charakterisierenden roten Kreuz auf dem weißen Untergrund?

Henry Dunant und die Erinnerung an Solferino

Der 8. Mai ist der Geburtstag von Henry Dunant. Ein Geschäftsmann, der 1828 in Genf geboren wurde. Er gilt als der Begründer der Internationalen Rotkreuz-Bewegung.

Die Idee geht auf ein konkretes Erlebnis Dunants zurück. Eine Geschäftsreise hatte ihn im Juni 1859 nach Italien geführt. Am 24. Juni in der Nähe der Stadt Solferino stieß auf ein verlassenes Schlachtfeld. Darauf lagen etwa 38.000 verwundete, sterbende und tote Soldaten. Weit und breit war kein Helfer. Tief erschüttert organisierte Dunant mit Freiwilligen aus der örtlichen Zivilbevölkerung eine notdürftige Versorgung. Gleichzeitig wandelte er die größte Kirche der Nachbarkleinstadt Castiglione delle Stiviere um. Er machte sie kurzerhand zu einem Behelfshospital.

Die Aktion war spontan, improvisiert und die geleistete Versorgung der verwundeten und kranken Soldaten nur notdürftig. Geschultes Personal und medizinisches Material fehlten. Aber eine unerschütterliche Motivation und ein unzähmbarer Wille trieben Dunant. Seinen Privatbesitz setzte er dabei ein, wohlwissend, dass er damit die überwältigende Not nicht lindern konnte.

Dunant stellte das Menschsein des Menschen in den Mittelpunkt seiner Wahrnehmung und überwand geltende Konventionen. Er schrieb im Blick auf dieses Erlebnis: „Die Frauen von Castiglione erkennen bald, dass es für mich keinen Unterschied der Nationalität gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und lassen allen Soldaten, die ihnen völlig fremd sind, das gleiche Wohlwollen zuteil werden.“ Er bewirkte auch, dass gefangengenommene Armeeärzte für die Versorgung der Verletzten freigestellt wurden.

Dunant hielt die Erlebnisse in Solferino in einem Buch fest, das er 1862 auf eigene Kosten unter dem Titel: „Eine Erinnerung an Solferino“ veröffentlichte. Das Buch ist nicht nur ein anschaulicher Bericht über die Zustände nach der Schlacht in Solferino, sondern es gibt auch klare humanitäre Anweisungen für den Umgang mit Menschenleben, die im Kriegsgeschehen in erhöhtem Maß gefährdet waren und sind. Dies sollte, so Dunant, sogar institutionalisiert werden. So sollten freiwillige Hilfsorganisationen gebildet werden, damit sie schon in Friedenszeiten die nötigen Einsätze in Kriegszeiten vorbereiten und organisieren können. Vertraglich sollte die Wahrung der Unversehrtheit der Helfenden festgeschrieben werden. Das mit diesen und mehr praktischen Hinweisen vollgepackte Buch verschickte Dunant europaweit gezielt an Verantwortliche in Politik und Militär.

Zeitlose Gedanken eines großen Mannes

Die Gedanken von Dunant lassen sich heute nicht nur gut lesen, sondern sie ermöglichen einen tiefen Einblick auf die Auswirkung der Konflikte auf das Menschsein. In der Logik der Kampfführung zählen Kampfunfähige offensichtlich nicht. Gleich, ob sie als Mitkämpfende fallen oder ob sie zur Kategorie „Kollateralschaden“ gehören.

Dunant lenkte in seiner Zeit den Blick genau auf diese Menschen. Er gab ihnen ihre Würde zurück und nahm die Verantwortungstragenden in die Pflicht, darin auch ihre Aufgabe zu sehen, schon bevor sie sich in die bewaffneten Auseinandersetzungen begeben.

Dunants Ideen und Vorschläge wurden am 17. Februar 1863 zur Grundlage für die Gründung des Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege. Ab 1876 wurde der Name in Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) umgewandelt. Das Rote Kreuz war entstanden. Und im Jahr 1901 erhielt Dunant für seine Lebensleitung zusammen mit dem französischen Pazifisten Frédéric Passy den ersten Friedensnobelpreis.

 

Jean-Félix Belinga Belinga 1956 in Südkamerun geboren und aufgewachsen

  • Autor, Journalist, Pfarrer und interkultureller Trainer
  • Verheiratet und Vater von drei Kindern
  • Studium der Evangelischen Theologie in Erlangen (Bayern)
  • Gegenwärtig: Beauftragter für Interkulturelles Lernen im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.