Jahrestag: 60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen | Deutschlehrer-Info | DW | 04.11.2021
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Jahrestag: 60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen

1961 wurde ein Vertrag unterzeichnet, durch den Arbeitskräfte aus der Türkei nach Deutschland kommen konnten. Heute leben fast drei Millionen türkeistämmige Menschen in Deutschland. Diskriminierung gibt es noch immer.

Türkeistämmige Arbeitskräfte steigen 1961 aus einem Flugzeug.

Nachdem das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet worden war, kamen viele türkeistämmige Arbeitskräfte nach Deutschland

Vor 60 Jahren, am 31. Oktober 1961, wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen in Bonn unterzeichnet, denn in Westdeutschland wurden dringend Arbeitskräfte gesucht. Es öffnete erstmals einer großen Zahl von Menschen aus dem islamischen Kulturkreis die Tür in die Bundesrepublik. Im Bergbau, in Automobil-, Textil- und Entsorgungsbetrieben arbeiteten sie als sogenannte „Gastarbeiter“ und „Gastarbeiterinnen“ für den Traum, wohlhabend in die Türkei zurückzukehren. Anfangs durften nur Ledige, darunter viele Frauen, kommen; sie sollten das Land nach zwei Jahren wieder verlassen. Familiennachzug war untersagt – Regeln, die später auf Druck der Wirtschaft immer weiter gelockert wurden.

Heute leben fast drei Millionen türkeistämmige Menschen in Deutschland, darunter Hunderttausende Kurden. Etwa die Hälfte von ihnen hat einen deutschen Pass. Das Abkommen habe „die Gesellschaft so tiefgreifend verändert wie nur wenige andere Ereignisse in den vergangenen sechzig Jahren“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Festakt der Türkischen Gemeinde in Deutschland im Oktober 2021.

„Arbeitet fleißig, wach und umsichtig und lernt schnell dazu, was ihr noch nicht wisst“, forderte einst eine türkische Broschüre für Ausreisewillige. „Kommt pünktlich und geht pünktlich. Lasst euch nie krankschreiben, außer wenn es gar nicht anders geht.“ Vor Alltagsdiskriminierung schützte das nicht: Bis heute fühlen sich viele türkeistämmige Menschen nicht wirklich angenommen.

Der Bundeszuwanderungs- und Integrationsrat (BZI) erklärt, rund drei Millionen Türkeistämmige seien als Teil der Gesellschaft nicht wegzudenken. Dennoch könnten nur knapp ein Drittel von ihnen an Wahlen teilnehmen. Auch Diskriminierung am Arbeitsmarkt und in der Bildung sowie rassistische Anschläge und Angriffe gebe es noch heute. Der BZI fordert bessere politische Teilhabechancen, erleichterte Einbürgerung und kommunales Wahlrecht.

Auch für den türkischen Botschafter in Deutschland, Ahmet Basar Sen, steht fest: Es gibt noch viel zu tun. Zwar sehe er, dass die deutsche Politik der letzten 25 Jahre türkeistämmigen Menschen mehr Chancen eröffnet hätte. Er wünsche sich aber vor allem im Bildungsbereich größere Anstrengungen: „Eine gesunde Integration ohne Bildung ist nicht möglich. Da haben wir noch Defizite.“ „Insbesondere junge Menschen möchten auch die Beziehungen zu den Wurzeln pflegen. Und diese jungen Menschen brauchen auch zum Beispiel Türkisch-Unterricht.“

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, fordert verstärkte Anstrengungen bei der Teilhabe. „Heute sind wir viel weiter“, sagt er. „Wir reden nicht mehr über Integration, sondern über Partizipation. Und wir haben jetzt mit Aydan Özoguz zum Beispiel eine türkisch-stämmige Vizepräsidentin des Bundestages.“ Sofuoglu fügt hinzu: „Aber wir sind noch nicht so weit, dass wir sagen können, wir sind alle gleichberechtigt.“

sts (mit KNA)/ip

 

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