Istanbul: ″Das Erdbeben-Risiko wächst″ | Europa | DW | 17.08.2019
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Naturkatastrophen

Istanbul: "Das Erdbeben-Risiko wächst"

Vor 20 Jahren erschütterte ein Erdbeben den Nordwesten der Türkei. Tausende kamen ums Leben. Experten prognostizieren weitere Erdbeben in den nächsten Jahren - diesmal in unmittelbarer Nähe des Istanbuler Stadtgebietes.

Die meisten Menschen in der Marmarameer-Region können sich noch genau an die Nacht erinnern, als die Erde bebte. Die Bilanz des Bebens am 17. August 1999, ungefähr hundert Kilometer von Istanbul entfernt: Über 18.300 Menschen kamen ums Leben, rund 50.000 wurden verletzt, 285.000 wurden obdachlos. Experten sind sich sicher: Das nächste Erdbeben wird sich aller Voraussicht nach sogar in unmittelbarer Nähe der 15-Millionen-Metropole Istanbul ereignen. Ein Gespräch mit dem Seismologen Marco Bohnhoff.

Deutsche Welle: Viele Experten warnen bereits jetzt vor den verheerenden Auswirkungen eines Erdbebens unweit des Istanbuler Stadtzentrums. Wie schätzen Sie die Gefahr ein?

Bohnhoff: Wir haben bereits in den 80er Jahren Messgeräte in der Türkei installiert und seismische Überwachungen durchgeführt. Daraus können wir entnehmen, dass das Erdbeben-Risiko in der Region Istanbul nach wie vor sehr hoch ist. Leider wird das Risiko mit fortschreitender Zeit nur größer. Die Frage ist nicht, ob ein Erdbeben kommen wird. Die Frage ist, wann es kommen wird. 

Türkei Marmara Erdbeben 1999 (Getty Images/AFP/P. Verdy)

Erdbeben am Marmarameer im Jahr 1999 - Wird sich die Katastrophe wiederholen?

Ist es möglich den Zeitpunkt des Erdbebens vorherzusagen?

Es gibt drei wichtige Parameter, die man in diesem Zusammenhang berücksichtigen muss. Erstens: Wie groß wird ein zukünftiges Erdbeben? Das kann man relativ gut eingrenzen. Das bevorstehende Erdbeben wird eine Magnitude zwischen 7 und 7,4 haben. Das ist sehr stark - auch mit Hinblick auf die Tatsache, dass das Erdbeben relativ nah am Ballungszentrum Istanbul sein wird.

Der zweite Parameter: Der Ort - auch hier lässt es sich gut eingrenzen. Man kann sich sicher sein, dass das nächste Erdbeben unterhalb des Marmarameers auftreten wird. Das ist eine Entfernung zu Istanbul von nur 20 Kilometern.

Das große Fragezeichen bleibt leider bei dem Parameter "wann?". Wir können keinen Zeitpunkt für das Erdbeben vorhersagen. Wir können aber Wahrscheinlichkeiten angeben: Die Wahrscheinlichkeit, dass in den nächsten dreißig Jahren ein Erdbeben von einer Magnitude unter 7,4 auftreten wird, liegt bei 70 Prozent. Das ist ein sehr hoher Wert!

Das Erdbeben vor 20 Jahren löste sogar einen Tsunami im Marmarameer aus. Ist das von dem kommenden Erdbeben bei Istanbul auch zu erwarten?

Potsdam, Seismologe Marco Bohnhoff vom Deutschen Geoforschungszentrum (Juliane Küppers/FU Berlin )

Marco Bohnhoff: Die Frage ist, wann es passiert

Es gibt die Gefahr, ja. Doch so ein Tsunami wird nicht das Ausmaß erreichen, wie wir es in Japan oder Sumatra gesehen haben. Das liegt daran, dass sich die Erdplatten in der Türkei aneinander vorbei bewegen - also horizontal. Tsunamis treten nur bei Vertikalbewegungen auf, wenn sich der Meeresboden absenkt oder anhebt. Nichtsdestotrotz kann es zu einer Wellenhöhe von bis zu sechs Metern kommen und Schäden im küstennahen Bereich anrichten. Doch das große Problem sind die Erdstöße und ihre direkten Auswirkungen auf die Gebäude.

Könnte das Frühwarnsystem die katastrophalen Auswirkungen zumindest begrenzen? 

Das Frühwarnsystem wird erst aktiv, sobald ein Erdbeben stattfindet. Es soll Vorbereitungen ermöglichen, bevor die energiereichen Erdbebenwellen das Stadtgebiet erreichen. Die Voraussetzungen für ein Frühwarnsystem sind in Istanbul sehr schlecht, denn das Erdbebengebiet liegt direkt vor den Toren der Stadt. Im Fall von Istanbul blieben nur zwei bis sechs Sekunden vor den großen Erschütterungen. Eine Warnung wird schlichtweg nicht möglich sein. Deswegen ist auch die Empfehlung der Behörden, sich während des Erdbebens im Haus zu schützen - unter Türrahmen, unter Tischen, unter Betten - und dann, sobald das Erdbeben zu Ende ist, das Haus schnell zu verlassen, weil Nachbeben auftreten könnten.

Reichen die bisherigen Vorkehrungen der türkischen Behörden aus, um die Folgen eines Erdbebens zu begrenzen?

Der beste Schutz vor Erdbeben ist eine erdbebensichere Bauweise; diese ist leider sehr teuer. Es wird in der Türkei gerade viel in so eine Bauweise investiert - es ist leider nie genug. Die Frage ist, bis zu welchem Maß man nachrüstet oder gleich alles neu baut. Es ist davon auszugehen, dass bei einem großen Beben mit vielen Todesopfern zu rechnen ist.

Istanbul ist sehr groß und dicht besiedelt. Es gibt Studien, die im Fall eines Erdbebens von 150.000 bis 300.000 Todesopfern ausgehen. Wie lautet Ihre Einschätzung?

Als Seismologe möchte ich mich nicht an apokalyptischen Spekulationen beteiligen. Es gibt seriöse Studien - auch von den Vereinten Nationen -, die davon ausgehen, dass ein großes Erdbeben mehrere zehntausend Tote und zehnmal so viele Obdachlose hervorbringen kann. Alleine das sind dramatische Auswirkungen, dann kommen auch noch die Folgeschäden für Wirtschaft und Finanzmärkte. Unser Bestreben ist es, darauf hinzuwirken, dass bereits im Vorfeld mehr getan wird, dass die Bevölkerung informiert ist und sich auf den Ernstfall vorbereiten kann, und vor allem, dass sich die Menschen im Fall eines Erdbebens korrekt verhalten - nicht sofort raus laufen und dann von Trümmerteilen erschlagen werden.

Der Seismologe Dr. Marco Bohnhoff vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) erforscht seit Jahrzehnten die seismischen Aktivitäten im Raum Istanbul.