Ist rechtsradikales Denken salonfähig? | Politik & Gesellschaft | DW | 30.12.2011
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Politik & Gesellschaft

Ist rechtsradikales Denken salonfähig?

Gewalttaten von Neonazis stoßen in der deutschen Gesellschaft auf breite Ablehnung. Doch gilt das auch für das dahinterstehende Denken? Sozialforscher haben ihre Zweifel.

Skinheads bei Demo in Berlin. (Foto: AP)

Nicht immer ist ersichtlich, was in den Köpfen vorgeht

Die Zuwanderung nach Deutschland sollte drastisch reduziert werden, meinen 49 Prozent der Deutschen. Der Islam ist mit dem westlichen Lebensstil nicht vereinbar und eine Bedrohung der Werte in Deutschland, sagen 38 Prozent. Und Deutschland gibt insgesamt zu viel Geld nach Europa, denken 70 Prozent, so das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage vom April.

Vorbehalte und Vorurteile

Ein vielfach abgebildeter Mann hält sich Ohren, Mund und Augen zu (Foto: Fotolia)

Gefährlich: Weghören und Wegsehen

Insbesondere Vorurteile gegenüber Ausländern reichen weit in die Gesellschaft hinein. Bei allen bisher vorliegenden Untersuchungen betonten die Befragten auffallend häufig, dass sie nichts gegen Menschen mit Migrationshintergrund hätten, aber - so meinten in einer Befragung dann doch 87 Prozent - die Ausländer sollten "integriert" sein, also einer Arbeit nachgehen, Steuern zahlen und die deutsche Sprache beherrschen.

"Viele Deutsche empfinden sich mit solchen Meinungen nicht als rechtsextrem", sagt der Politikwissenschaftler Hajo Funke von der Freien Universität in Berlin. Den "Resonanzraum", also den Bevölkerungsanteil, der autoritäre, rechte- und rechtsextreme Auffassungen stillschweigend duldet oder sogar gut findet, schätzt Funke auf 15 bis maximal 30 Prozent. Dazu gehöre auch die Auffassungen wie die, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Ausländer wieder in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden müssten oder die, dass Deutsche bei der Jobvergabe bevorzugt werden sollten. "Zwar gehen diese Meinungen durch alle Bürgerschichten, aber besonders anfällig sind nach wie vor geringer Gebildete und all jene, die sich vom westlichen System enttäuscht sehen" ergänzt Hajo Funke. Daher gebe es eine besondere Anfälligkeit in Ostdeutschland, wo viele Menschen die Versprechen nach der deutschen Wiedervereinigung immer noch nicht eingelöst sähen.

Radikale Minderheit

NPD-Anhänger mit Fahnen(Foto: dpa)

Die NPD hat bundesweit nur 6000 Mitglieder

Ab welcher Schwelle zieht rechtsgerichtetes Denken auch extremes oder gar kriminelles Verhalten nach sich? Der Sozialpsychologe Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung in Bielefeld unterscheidet für solche Schlüsse zwischen rechtspopulistischen Meinungen und dem - gefährlichen - rechtsradikalen Denken. Dazu gehöre aggressive Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, die Herabsetzung sexuellen und sozialen Andersseins sowie die Abwertung des Religiösen, also Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. Während Rechtspopulismus bei einem Viertel der Bevölkerung Anklang findet, sei rechtsradikales Denken und Handeln bei allerhöchstens drei bis fünf Prozent der Bürger verbreitet. Das sei kein Grund sich zurückzulehnen, sagt Zick. "Nur wenn die deutsche Gesellschaft mehrheitlich beweist, dass rechtes Gedankengut nachweislich falsch ist, wird es dauerhaft keine Chance haben, sich in den Köpfen durchzusetzen."

Rechtspopulistische Thesen sind teilweise längst gesellschaftsfähig. So vertreten nach einer Forsa-Umfrage 44 Prozent der CDU-Wähler, 44 Prozent der FDP-Wählerschaft, 38 Prozent der Linken-Wähler, 27 Prozent der Grünen-Anhänger und 29 Prozent der SPD-Wähler beispielsweise die Meinung, der Islam bedrohe westliche Werte. Die Parteien sind verunsichert, wie sie mit solchen Meinungen umgehen sollen - wie lange können sie solche Ressentiments ignorieren?

In etlichen europäischen Ländern haben nationalkonservative Rechte bereits Wahlerfolge eingefahren, darunter Timo Soini und die "Basisfinnen" in Finnland (19,1 Prozent der Wähler), Per Jimmie Akesson mit den "Schwedendemokraten" in Schweden (5,7 Prozent) und Geert Wilders mit seiner "Partei für die Freiheit" in den Niederlanden (15,5 Prozent). Marine Le Pen von der rechtsgerichteten "Front National" wird in Frankreich bei den Wahlen 2012 zugetraut, bis zu 24 Prozent der Wähler zu erreichen.

Autor: Wolfgang Dick

Redaktion: Dеnnis Stutе