Ist es bald zu spät, um das Klima zu retten? | Wissen & Umwelt | DW | 03.08.2019
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Klimaforschung

Ist es bald zu spät, um das Klima zu retten?

Uns läuft die Zeit davon: Die Treibhausgase in der Atmosphäre nehmen zu. Die Temperatur der Erde steigt an. Medien berichten jetzt, es blieben nur noch 18 Monate, um das Klima zu retten. Seriöse Prognose oder Panikmache?

Die Hiobsbotschaft kommt direkt aus dem Buckingham-Palast in London: "Ich bin fest überzeugt davon, dass die nächsten 18 Monate darüber entscheiden werden, ob wir in der Lage sind, den Klimawandel auf einem Niveau zu halten, das wir überleben”, sagte Prince Charles vor Kurzem.

Die BBC berichtete über die Aussage des britischen Thronfolgers und setzte damit die Schlagzeile: Nur noch 18 Monate, um das Klima zu retten. Auch ein deutscher Wissenschaftler wird zitiert: "Innerhalb der nächsten Jahre kann die Welt nicht geheilt werden. Durch Vernachlässigung könnte sie aber bis 2020 tödlich verwundet werden", sagte schon 2017 der damalige Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber.

Die gute Nachricht vorweg: Nein, die Welt wird 2020 nicht untergehen. Die schlechte: Prinz Charles und Professor Schellnhuber haben durchaus Grund für ihre dramatische Prognose.

1,5 Grad: Ein ambitioniertes Ziel

Wann genau ist das Klima nicht mehr zu retten? Das kann im Moment auch kein Wissenschaftler sagen. Klimaforscher und Meereswissenschaftler Hans-Otto Pörtner ist Ko-Vorsitzender einer Arbeitsgruppe des Weltklimarats, kurz IPCC. In dem Ausschuss der Vereinten Nationen arbeiten internationale Wissenschaftler und fassen die neuesten Entwicklungen des Klimawandels für die Politik zusammen. Dabei sind sich die Forscher einig, sagt Pörtner: "Wenn man über 1,5 Grad Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit geht, werden die Auswirkungen immer gefährlicher." Und: Je länger man wartet, desto schwieriger wird es, das Ziel einzuhalten. 

UK Prinz Charles in Cheltenham (picture-alliance/dpa/J. King)

Royaler Appell an die Welt: Prinz Charles sieht Handlungsbedarf in den nächsten 18 Monaten

"In den 1990er-Jahren ist zunächst die EU darauf gekommen, dass der Temperaturanstieg unter zwei Grad gehalten werden sollte", erklärt Wolfgang Obergassel, Forscher für internationale Klimapolitik am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. "Es hat dann noch mal zehn Jahre gedauert, den Rest der Welt von diesem Ziel zu überzeugen."

2009 bei der UN-Klimakonferenz von Kopenhagen einigte sich die Weltgemeinschaft darauf, dass die Erderwärmung nicht mehr als zwei Grad betragen sollte. "Dann war aber in der Zwischenzeit die Klimawissenschaft weiter vorangeschritten", sagt Obergassel im DW-Gespräch. "Es wurde deutlich, dass auch bei zwei Grad schon schwere Schäden zu erwarten sind."

Entwicklungsländer, die am meisten unter dem Klimawandel leiden werden, machten Druck. Vor allem die vom Untergang bedrohten kleinen Inselstaaten sind verantwortlich dafür, dass im historischen Abkommen von Paris 2015 das ambitioniertere 1,5-Grad-Ziel steht. "Das war ein Kompromiss, es ist eine runde Zahl. Aus den politischen Verhandlungen heraus ist man bei 1,5 Grad gelandet", sagt Forscher Obergassel.

Infografik Folgen des globalen Temperaturanstiegs Vollversion DE

1,5 Grad oder 2 Grad: Das kann einen großen Unterschied machen

Was sagen die Klimamodelle?

Wann die Welt die 1,5 Grad Erwärmung überschreiten wird, da scheiden sich die Geister. "Bereits in den 2020ern", heißt es von den einen. "Erst in den 2040ern", sagen andere. Der IPCC veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Analyse zum 1,5-Grad-Ziel. "Wir landen zwischen 2030 und 2052 bei 1,5 Grad. Das ist das, was die Klimamodelle sagen. Wobei das auch nur Annäherungen sind", erklärt Klimaforscher Pörtner der DW. 2030 könnte die Erde sich also schon um 1,5 Grad aufgewärmt haben, wenn die Länder nicht schnell genug handeln.

Dass so viele verschiedene Prognosen existieren, liegt zum einen daran, dass die Klimamodelle nur Annäherungen liefern. Zum anderen ist alles auch eine Frage der Referenzwerte.

Wann war vorindustriell?

Als der Schotte James Watt im Jahr 1784 die Dampfmaschine weiterentwickelte, und damit die Industrialisierung zunächst in England begann, ahnte niemand, dass dies auch der Beginn eines menschengemachten Klimawandels war. Seitdem pustet der Mensch immer größere Mengen Kohlendioxid in die Luft. Der US-Klimaforscher Michael M. Mann schätzt, dass sich die Welt in den ersten hundert Jahren der Industrialisierung bis 1870 bereit um 0,2 Grad erwärmt haben könnte. 

Für die jetzigen Berechnungen zur Erderwärmung beziehen sich Klimawissenschaftler auf den Vergleichszeitraum 1850-1900. Seit Ende des 19. Jahrhunderts stieg der CO2-Ausstoß durch die immer umfassendere technische Entwicklung und weltweite Industrialisierung immer schneller.

Portable Dampfmaschine (Getty Images/Hulton Archive)

Der Anfang des menschengemachten Klimawandels: James Watts Dampfmaschine

Das IPCC geht davon aus, dass sich die Welt seit 1850 wegen menschengemachter Treibhausgase um rund einen Grad erwärmt hat. Das ist der wahrscheinliche Mittelwert. Da alle Berechnungen nur Annäherungen sind, liegt die mögliche Spanne zwischen 0,8 und 1,2 Grad.

Weniger Emissionen ab 2020

Schon die aktuelle Erwärmung um etwa einen Grad hat sichtbare Folgen: Waldbrände in Sibirien, auftauender Permafrostboden, steigender Meeresspiegel und häufigere Hitzewellen in Europa.

Um mit hoher Wahrscheinlichkeit unter 1,5 Grad zu bleiben, müsste die Welt bis 2040 CO2-neutral sein, das hat das IPCC ausgerechnet. Um das zu schaffen, müssten die Emissionen aber weltweit ab 2020 jedes Jahr konsequent sinken.

Infografik Prognose der globalen Emissionen DE

Um unter 1,5 Grad Erderwärmung zu bleiben, müssten die jährlichen Emissionen ab 2020 sinken

"Das ist eine aus heutiger Sicht vielleicht etwas idealistische Annahme. Sie basiert darauf, dass eben auch die Großen, die USA, China oder Indien, ab 2020 ihre Emissionen massiv reduzieren" sagt Pörtner. Denn im Moment steigen die weltweiten Emissionen jedes Jahr weiter an.

"Doch auch 1,5 Grad ist kein sicherer Hafen", erklärt Pörtner. "Je früher wir uns bemühen, desto leichter haben wir es später natürlich."

Politische Entscheidungen bis 2020

"Es ist festgelegt worden, dass im Zeitraum 2018 bis 2020 noch einmal überprüft werden soll, ob die Staaten nicht noch stärkere Beiträge leisten können”, erklärt Wolfgang Obergassel, der die internationalen Klimaverhandlungen seit Jahren begleitet.

Nach 2020 wollen die Staaten weiter verhandeln, bevor im Jahr 2025 wieder neue ambitioniertere Ziele beschlossen werden könnten. "Man kann in der Tat sagen: Wenn bis 2020 nichts passiert, spielen ehrgeizigere Klimaziele vermutlich für ein paar Jahre im politischen Betrieb keine so große Rolle mehr.” 

Auch nach 2020 sei das Klima noch zu retten, sagte Klimaforscher Pörtner. Aber "je länger wir warten, umso drastischere Maßnahmen müssen wir ergreifen."

Somit hat Prince Charles Recht, wenn er den Staaten Druck macht, möglichst schnell einen effektiven Klimaschutz umzusetzen.

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