Ist die Grüne Revolution in Afrika gescheitert? | Afrika | DW | 12.08.2020
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Landwirtschaft

Ist die Grüne Revolution in Afrika gescheitert?

AGRA, die Allianz für eine grüne Revolution in Afrika, ist ein Liebling westlicher Geber, auch Deutschlands. Eine Studie kommt nun zu dem Ergebnis: Die Arbeit der Organisation ist kontraproduktiv.

Über Zahlen spricht die Allianz für eine grüne Revolution in Afrika (AGRA) normalerweise gerne. Auf ihrer Internetseite wimmelt es nur so davon: Fast 23 Millionen Kleinbauern erreicht, über 550 Millionen Euro investiert, 119 Saatgutfirmen gegründet, 700 wissenschaftliche Arbeiten finanziert. 

Eine andere Zahl fehlt inzwischen aber auf www.agra.org - auf alten Versionen, die sich in Internetarchiven finden lassen, taucht sie dagegen noch auf: Bis 2020 wollte die Allianz die Einkommen von 20 Millionen Kleinbauern verdoppeln und den Lebensmittelmangel in 20 afrikanischen Ländern halbieren. So hat sie es bei ihrer Gründung 2006 versprochen.

"Ziele nicht erreicht"

Kritiker sagen, dies sei nicht die einzige Ankündigung der Allianz, aus der am Ende nichts geworden ist. "Wenn eine Organisation ihre selbst gesteckten Ziele nicht erreicht, sollten alle Alarmglocken schrillen. Nicht nur bei der Zivilgesellschaft, sondern auch bei AGRA selbst und ihren Gebern", sagt die sambische Landwirtschaftsexpertin Mutinta Nketani.

Sie gehört zu den Autoren einer aktuellen Analyse, die mehrere deutsche und afrikanische Entwicklungsorganisationen gemeinsam mit der Linken-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben haben.

Drei kenianische Bäuerinnen schauen auf ein Handy (2017) (Imago Images/photothek/T. Imo)

Wetter-Informationen per SMS für Bäuerinnen in Kenia (2017)

Darin stehen Zahlen, die AGRA in keinem guten Licht erscheinen lassen: Die Zahl der hungernden Menschen soll in den 13 AGRA-Partnerländern nicht gesunken, sondern um fast ein Drittel gestiegen sein. Die Produktivität der Landwirtschaft soll in acht Staaten seit dem Beginn der AGRA-Aktivitäten langsamer gestiegen sein als vorher. In zwei Ländern ging sie laut Analyse sogar zurück.

Bauern in der Schuldenfalle

AGRA unterstützt laut eigener Darstellung vor allem Kleinbauern. Rund 500 Millionen Euro hat die Allianz mit Sitz in Nairobi dafür nach eigenen Angaben bisher investiert. "Bauern brauchen Zugang zu Technik, gutem Saatgut und gutem Dünger", sagte AGRA-Präsidentin Agnes Kalibata in einem DW-Interview 2017. Unter anderem schult die Allianz Bauern, solche Mittel anzuwenden.

Doch wie die Verfasser der aktuellen Analyse schreiben, nahmen etwa Bauern in Sambia anschließend Kredite auf, um Dünger und Saatgut zu kaufen. Weil die erhofften Erträge ausblieben, konnten sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Auch Sambias Regierung sitzt auf einem riesigen Schuldenberg. Sie kaufte ebenfalls Saatgut und Dünger zu hohen Preisen, um es an Kleinbauern zu verteilen. Laut Analyse belaufen sich die offenen Rechnungen derzeit auf 106 Millionen US-Dollar. In anderen afrikanischen Ländern soll es ähnliche Beispiele geben.

"Wessen Interessen vertritt AGRA eigentlich?", fragt die Sambierin Nketani. "In den meisten Fällen waren es die Interessen privater Firmen, wie den Saatgut- und Düngerherstellern. Und das sind in Sambia überwiegend multinationale Konzerne." Außerdem versauern laut Analyse immer mehr Böden durch zu hohen Düngemitteleinsatz. AGRA setze auf Monokulturen wie Mais, lokale Pflanzen würden verschwinden.

Die Vorwürfe wiegen besonders schwer, weil AGRA ein Liebling westlicher Geber ist. "Die Allianz genießt bei vielen afrikanischen Regierungen, der Afrikanischen Union und Zivilgesellschaft hohe Anerkennung", sagt Dirk Schattschneider, Beauftragter für die Sonderinitiative "Eine Welt ohne Hunger" im deutschen Entwicklungsministerium.

Gute Kontakte

Gegründet wurde die Initiative 2006 von zwei US-amerikanischen Organisationen: Der Gates-Stiftung und der Rockefeller-Stiftung. Allein die Gates-Stiftung hat AGRA bisher mit umgerechnet 498 Millionen Euro unterstützt. Heute bezeichnet sich die Allianz selbst als afrikanische Initiative. Beide Stiftungen sind allerdings weiterhin die größten Geber.

AGRA-Chefin Agnes Kalibata steht an einem Rednerpult und spricht (CC BY-NC-ND 2.0- CIFOR/Photo: Neil Palmer (IWMI))

AGRA-Chefin Kalibata: International gut vernetzt

AGRA-Chefin Kalibata ist international gut vernetzt und findet Gehör: 2017 schrieb sie an der Abschlusserklärung einer internationalen Ernährungskonferenz mit, die Deutschland anlässlich der G20-Präsidentschaft ausgerichtet hatte. Im gleichen Jahr vereinbarten AGRA und Bundesregierung eine Zusammenarbeit. Die beiden Seiten offenbar wichtig ist: 2019 fand die Jahrestagung des AGRA-Vorstands in Berlin statt. Derzeit bereitet Kalibata als Sonderbotschafterin von UN-Generalsekretär Antonio Guterres einen Welternährungsgipfel im kommenden Jahr vor.

AGRAs Einfluss ist auch eine Folge offensiver Pressearbeit: In der Vergangenheit bot die Allianz Redaktionen Interviews, Gastkommentare und bezahlte Reisen zu AGRA-Veranstaltungen an. Eine Interviewanfrage der Deutschen Welle zu den aktuellen Vorwürfen blieb jedoch zunächst tagelang unbeantwortet.

"Wir lehnen die Kritik dieser 'Analyse' ab, die nicht in einer transparenten Form durchgeführt wurde", teilt AGRA-Stategiechef Andrew Cox am Ende der DW schriftlich mit. "AGRA bekam keine Chance, die 'Ergebnisse' zu kommentieren. Wir finden es unmöglich, uns weiter dazu zu äußern." Zudem kündigte die Allianz an, die Arbeit der vergangenen Jahre Ende 2021 zu evaluieren. An ihrem Grundansatz will sie momentan nichts ändern: "AGRA hat gezeigt, dass Einkommen von Haushalten stark steigen, wenn Bauern Zugang zu modernem Saatgut und Technik bekommen", so Cox. Seine Organisation stehe weiter zu ihrem Ziel, durch einen Umbau der Landwirtschaft die Einkommen von 30 Millionen Kleinbauern in Afrika zu steigern.   

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) will die Zusammenarbeit mit der Allianz fortsetzen. Seit 2017 fördert das Ministerium zwei Projekte in Burkina Faso und Ghana mit 10 Millionen Euro. Die aktuelle Zusammenarbeit werde wie geplant zum Ende geführt, so BMZ-Vertreter Schattschneider.

Entwicklungsministerium verspricht Reformen

Die Ergebnisse der aktuellen Analyse nimmt das Ministerium gleichwohl zur Kenntnis. AGRA habe sich bei der Gründung möglicherweise zu ambitionierte Ziele gesetzt, meint Schattschneider. Außerdem habe es negative äußere Einflüsse gegeben: "Das war zuvorderst die Weltfinanzkrise mit großen Einflüssen auf die Agrar- und Landwirtschaftsmärkte, als auch verschiedene Naturkatastrophen und einige andere Faktoren, die eine Rolle gespielt haben könnten", so der BMZ-Beauftragte.

Zwei afrikanische Kleinbäuerinnen arbeiten auf einem Feld (Januar 2020) (Getty Images/AFP/J. Njikizana)

Kleinbäuerinnen in Simbabwe: AGRA-Ziele zu ambitioniert?

Trotzdem soll es Konsequenzen geben. "Es muss künftig besser validierte Wirkungsdaten von den Aktivitäten von AGRA geben. Zweitens muss in den Projekten von AGRA künftig mehr Raum für agrarökologische Ansätze eingeräumt werden", so Schattschneider. Darüber sei man mit AGRA bereits im Gespräch.

Studien-Autorin Mutinta Nketani aus Sambia dürfte das eher enttäuschen. Sie will, dass die Geber radikal umsteuern: "Sie sollen Landwirtschaftsprojekte unterstützen, die auf lokalen Techniken und Erfahrungen aufbauen." Afrikanische Bauern wüssten schon jetzt, wie man Saatgut und Biodünger herstellt und die Umwelt schützt.

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