Ist der Hype ums Hanf verdampft?  | Wirtschaft | DW | 16.12.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Cannabis

Ist der Hype ums Hanf verdampft? 

Schlechte Quartalsbilanzen, fallende Aktienkurse, enttäuschte Investoren: Der Anlegerliebling Cannabis steht unter Druck und lässt so manchen an der Zukunft des Geschäfts zweifeln. Sabrina Keßler berichtet aus New York.

Wer sein Geld in den letzten Jahren in Cannabis-Aktien steckte, kam sich nicht selten vor wie ein Goldgräber. Kursgewinne von mehreren tausend Prozent  wuchsen da in manchen Depots, vor allem bei denen, die früh investierten. Wer 2013 etwa 1.000 kanadische Dollar in den damals noch relativ unbekannten Pennystock des Hanf-Produzenten Canopy Growth gesteckt hätte, wäre heute um 2,2 Millionen Dollar reicher. 290.000 Prozent wuchsen die Titel in der Spitze.

Viele Experten waren sich sicher: Da steht uns etwas Großes bevor. Vom Marihuana berauscht schrieben manche dem Markt einen Wert von 200 Milliarden Dollar zu - in den nächsten zehn Jahren. Der Umsatz mit Hanf-Produkten soll dann größer sein als der Umsatz mit Soft-Drinks, sagt etwa das US-Investmenthaus Cowen Inc. Und das, obwohl Cannabis noch immer vielerorts verboten ist.

Kanada, Cannabis-Produktion ist personalintensiv (DW/N. Martin)

Cannabis-Produktion wie am Fließband in Kanada. Haben sich einige Konzerne bei der Produktion überschätzt?

Von dem einstigen Boom ist allerdings nicht mehr viel zu sehen. Die Hanf-Blase ist geplatzt und das mit einem ziemlichen Knall. Mindestens 35 Milliarden Dollar an Wert hat der Markt seit März verloren. Besonders hart traf es Aurora Cannabis. Die Aktien des kanadischen Produzenten brachen in den letzten Monaten um 60 Prozent ein. Nicht mehr viel erinnert an die Kursgewinne des letzten Jahres, als einige Aktien 400 Prozent in nur einem Monat stiegen. 

"Der Übergang ist brutal und schnell"

Der Ausverkauf folgt auf magere Monate. Jüngst erst wurden die neuen Quartalszahlen veröffentlicht. Die verdeutlichen, wie stark der Markt für Cannabis leidet. Canopy Growth etwa, der weltgrößte Hanf-Produzent, verfehlte mal wieder die Erwartungen. "Bestürzend" nannten einige Wall-Street-Analysten den Verlust von fast 375 Millionen Dollar. Etwas besser, aber nicht optimistischer klingen die Zahlen der Konkurrenz: 50 und 25 Millionen Dollar haben die Unternehmen Tilray und MedMen in den vergangenen drei Monaten verloren. Letzteres musste deshalb ein Fünftel seiner Mitarbeiter entlassen. "Das letzte Branchen-Kapital wurde durch ein Wachstum um jeden Preis definiert", sagte MedMen-Chef Adam Bierman wenig später gegenüber Bloomberg. "Dieses Kapital verlassen wir jetzt und der Übergang ist brutal und schnell."

Die Euphorie der Cannabis-Fans wird vor allem von Zulassungsproblemen überschattet. Denn weil Cannabis noch immer überwiegend als illegale Droge gehandelt wird, bleibt das Potenzial der Pflanze begrenzt. Gerade mal ein Fünftel aller amerikanischen Staaten etwa erlaubt den Konsum von Cannabis als Freizeitvergnügen, sprich zu mehr als nur medizinischen Zwecken. Doch vor allem die Ostküste inklusive New York, New Jersey und Connecticut stellt sich quer. Dort wurden Gesetze zum straffreien, nicht-medizinischen Konsum von Hanf bislang abgelehnt. Branchenexperten glauben nicht, dass sich daran bald etwas ändern wird.

Hohe Lagerbestände bei Produzenten

"Der gesamte Sektor ist unter einer Wolke", sagt einer, der sich mit dem Markt bestens auskennt. Schon 1970 hat Keith Stroup die National Organization for the Reform of Marijuana Laws (NORML) gegründet, eine gemeinnützige Organisation, die sich für einen straffreien Gebrauch von Cannabis einsetzt. Keiner wisse so wirklich, ob und wann sich die US-Justiz mit den einzelnen Bundestaaten und deren Gesetzen auseinander setzen werde. Das sagte er schon 2018 dem Fernsehsender CNN. Der Rechtsanwalt glaubt: "Erst wenn 20 einzelne Bundesstaaten den Gebrauch von Marihuana vollständig legalisiert haben, haben wir genug Macht, um auch die Regierung zu überzeugen."

Kanada Legalisierung von Cannabis (picture-alliance/empics/The Canadian Press/C. Young)

Cannabis-Party in Kanada nach der Legalisierung im Sommer 2018

Auch die hohen Lagerbestände machen Analysten Sorgen. Schon jetzt ist der Marihuana-Markt vollkommen übersättigt, vor allem in den USA, aber auch in Kanada. Dort ist Cannabis seit Mitte 2018 im ganzen Land legal erhältlich. Doch nur zehn Prozent des produzierten Cannabis wurden dort bislang verkauft, sagt die kanadische Regierung. Fast 400 Tonnen Hanf lagern deshalb ungenutzt ein. Noch dramatischer ist die Lage in den Vereinigten Staaten. Allein der Bundesstaat Oregon im Westen der USA sitzt derzeit auf 450 Tonnen.

Hohe Preise drängen Konsumenten auf den Schwarzmarkt

Dass sich das Hanf so schlecht verkauft, liegt auch an den horrenden Steuern. Bis zu 45 Prozent schlagen einige Staaten auf den legalen Verkauf obendrauf. Viele Menschen können und wollen sich das nicht leisten. Sie gehen daher lieber auf den Schwarzmarkt. "Warum sollte jemand 20 Dollar für Marihuana ausgeben, wenn es die gleiche Menge für zwei Dollar auf der Straße gibt?", sagt Alan Valdes, Senior Partner bei Silverbear Capital. Vor acht Jahren schon hat er in den Cannabis-Markt investiert und ist selbst an einigen Firmen beteiligt. Er glaubt: erst wenn die Steuern sinken und die Legalisierung vorankommt, gewinne der Markt wieder an Fahrt.

Die Marihuana-Produzenten wollen verhindern, dass das allzu lange dauert. Fast vier Millionen Dollar haben Hanf-Lobbyisten allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres ausgegeben, um die amerikanische Regierung vom Hanf zu überzeugen und die Steuern zu senken. "Wir haben viele Ressourcen investiert, um den Kongress in dieser Legislaturperiode zu signifikanten Änderungen zu bewegen", sagt Steve Fox, einer der größte Cannabis-Advokaten und strategischer Berater des Verbands Cannabis Trade Federation, der Financial Times.

Erste Erfolge der Cannabis-Industrie

Im September dann ein erster Teilerfolg. Mit großer Mehrheit hat das US-Repräsentantenhaus den Secure and Fair Enforcement (SAFE) Banking Act verabschiedet. Bislang liefen Banken Gefahr, strafrechtlich verfolgt zu werden, wenn sie mit Cannabis-Unternehmen Geschäfte machten. Nun müssen sie keine Angst mehr vor Repressalien haben. Die Lockerung beflügelte kurzzeitig die Kurse der Hanf-Anbieter. Doch schon wenige Tage später stürzten viele Aktien wieder ab.

Die Branche will sich nun diversifizieren, um zu überleben - allen voran der wertvollste Hanf-Konzern Canopy Growth. Zusammen mit dem kanadischen Rapper Drake will Canopy Growth ein "Wellnessunternehmen" aufbauen, das vor allem Produkte für den Konsum von Cannabis herstellen will.

Cannabisdrink (picture-alliance/NurPhoto/B.Zwarzel)

Die Branche setzt auf trink- und essbare Cannabisprodukte

In einer alten Fabrik des Schokoladenherstellers Hershey's sollen außerdem Cannabis-Süßigkeiten produziert werden. Auch Marihuana-Getränke stehen auf dem Plan. Canopy Growth hat dabei einen entscheidenden Vorteil: der US-Getränkeriese Constellation Brands ist Großaktionär der kanadischen Firma. Constellation Brands ist der größte Anbieter von Alkohol in den Vereinigten Staaten und das größte Wein-Unternehmen der Welt. Dessen CFO, David Klein, wird kommendes Jahr als neuer CEO an die Spitze von Canopy Growth wechseln.

Bis der Markt wieder steige, werden einige Monate vergehen, glaubt der Investor Valdes. Er prognostiziert gute Zeiten nach der US-Wahl im kommenden Jahr - vorausgesetzt, Präsident Trump gewinne erneut. Zwar halte sich der momentan noch verdeckt, weil Cannabis ein sensibles Thema sei. Aber: "Trump ist ein Businessmann" sagt Valdes. "Wenn er Steuern mit Cannabis einnehmen kann, wird er es tun".

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema