Ist das Ende der Corona-Pandemie in Sicht? | Wissen & Umwelt | DW | 01.03.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Wissen & Umwelt

Ist das Ende der Corona-Pandemie in Sicht?

Während sich viele vor Mutationen und einer dritten Welle fürchten, sinken weltweit die Infektionszahlen. Verliert das Virus an Kraft oder zeigen einfach die Maßnahmen Wirkung?

Mit dem Frühlingsanfang hat bei vielen die Geduld ein Ende: Sie brauchen eine Perspektive, wann der Lockdown schrittweise zurückgefahren wird, wann sie endlich mit einer Impfung rechnen können, wann der ganze Spuk ein Ende hat. 

BdT Frühlingshaftes Wetter in Deutschland

Wann kehrt endlich die Leichtigkeit zurück ins Leben?

Befeuert wurde die Debatte auch durch vermeintliche Aussagen der WHO zu einem baldigen Ende der Corona-Pandemie. Danach soll der WHO-Direktor für Europa, der Belgier Hans Henri Kluge, in einem Interview mit dem dänischen Rundfunk gesagt haben, dass die Pandemie "in wenigen Monaten überwunden" sei.

WHO-Europa-Direktor fühlt sich missverstanden

Nach heftigen Debatten in Fachkreisen und in den sozialen Netzwerken stellte Kluge jetzt gegenüber dem ZDF klar: "Ich habe das nie gesagt". Vielmehr habe er gesagt, dass niemand prognostizieren könne, wann die Pandemie überstanden ist.

"Ich würde sagen – als Arbeitshypothese – Anfang 2022 haben wir die Pandemie hinter uns", so der WHO-Direktor weiter. Das Coronavirus werde immer noch da sein, aber er glaube, dass dann keine störenden Maßnahmen mehr nötig sein werden, so Kluge gegenüber dem ZDF. 

Deutsche Virologen warnen vor Lockerungen

In Wissenschaftskreisen hatte das angebliche Zitat von WHO-Direktor Kluge großes Kopfschütteln ausgelöst. Auf Twitter hatte Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité allen Vermutungen, das Virus habe sich bereits abgeschwächt, eine klare Absage erteilt: "Nein, es gibt derzeit bei keiner bekannte Mutante Anzeichen für eine Abschwächung. Das wäre reine Spekulation", so Drosten. 

Der Charité-Virologe hatte bereits Anfang Januar in seinem NDR Podcast erklärt, dass es noch sehr lange dauern wird, bis das Virus endemisch wird, also dass es zwar bleibt, aber nur noch örtlich begrenzt auftritt.

In 2021 aber könnte die Corona-Lage erst einmal gefährlicher werden, sagte der Charité-Virologe gegenüber dem "Spiegel".

Der Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht das ähnlich und warnt wie viele Politiker vor schnellen Lockerungen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mahnte im Bayrischen Rundfunk gar mit Blick auf die Bund-Länder-Beratungen, man dürfe jetzt nicht in eine Art "Öffnungsrausch" verfallen.

Trendwende bei den Infektionszahlen

Die  Zahl der bestätigten SARS CoV-2-Infektionen belief sich Ende Februar weltweit auf rund 114 Millionen. Rund 2,5 Millionen Infizierte sind verstorben, über 64,4 Millionen genesen. 

Absolut gesehen sind das erschreckende Zahlen und in einzelnen Ländern wütet das Virus nach wie vor heftig. Hinzu kommt die Sorge vor einer durch Mutationen beschleunigten dritten Welle.

Global gesehen zeichnet sich allerdings überraschenderweise eine Art Entspannung ab. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehen die weltweiten Infektionen seit fast zwei Monaten signifikant zurück - und das deutlich schneller und stärker als vorhergesagt. 

Infografik Neu gemeldete Corona-Todesfälle in Deutschland und den USA

Mitte Januar steckten sich täglich noch 700.000 Menschen an, mittlerweile ist es "nur" noch etwas mehr als die Hälfte. Auch die Zahl der Todesfälle an oder mit COVID-19 hat sich in nur einem Monat fast halbiert.

Bei aller Vorsicht bezeichnete WHO Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus die rückläufigen Zahlen denn auch als ein "Zeichen der Hoffnung“:  "Dieser Trend ist eine Erinnerung daran, dass, auch wenn wir heute über Impfstoffe diskutieren, COVID-19 mit bewährten Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit unterdrückt und kontrolliert werden kann. Und in der Tat ist das genau das, was viele Länder getan haben." 

Warum sinken weltweit die Infektionszahlen?

Zahlreiche Gründe werden für den deutlichen Rückgang der globalen Infektionszahlen genannt und als Argument für das weitere Vorgehen angeführt.

Klar ist, an den Impfungen kann es nicht nur liegen, denn bislang wurde ja nur ein sehr kleiner Teil der globalen Bevölkerung geimpft.

Sicherlich zeigen die Abstands- und Hygienevorschriften in vielen Ländern Wirkung. Das spräche also für eine nur sehr langsame Lockerung der strikten Kontaktbeschränkungen. 

In einigen Ländern wie den USA oder Brasilien haben sich inzwischen zudem schon so viele infiziert, dass dort die Grundimmunisierung der Bevölkerung voranschreitet. Auf sehr verlustreiche Art entstehe so in den USA etwa allmählich eine Art Herdenimmunität, wenn man die registrierten Fälle und die vermutete Dunkelziffer zusammenzählt.

USA | 500.000 Covid-19-Todesopfer | 20.000 leere Stühle in Gedenken an 200.000 Covid-19-Tote

20.000 leere Stühle im Gedenken - doch die USA haben inzwischen mehr als 500.000 Corona-Tote zu beklagen.

Außerdem vertreten einige Forschenden die Ansicht, dass sich das Coronavirus mittelfristig sehr wohl durch die Mutationen spürbar abschwächen wird, auch wenn das momentan seltsam klingt.

Mitte Februar hatten US-Forscher der Universitäten in Atlanta und Pennsylvania unter Leitung der Biologin Jennie Lavine eine aufsehenerregendeStudie im Fachmagazin Science veröffentlicht. Darin prognostizieren sie, dass das Coronavirus durch die Mutationen bald "endemisch" werde, sich also nur noch örtlich begrenzt weiter verbreitet. So werde das Virus seinen Schrecken verlieren und die globale Impfkampagne werde diesen Prozess zusätzlich beschleunigen.

Auch Influenza-Pandemien verschwanden plötzlich wieder

Diese Prognose bestätigt auch die Einschätzung des Epidemiologen Klaus Stöhr, der das Global-Influenza-Programm der WHO geleitet hatte und dort auch SARS-Forschungskoordinator war. Die Influenza-Erfahrungen der Vergangenheit hätten laut Stöhr klar gezeigt, dass das Infektionsgeschehen ebenfalls sehr wahrscheinlich plötzlich nachlassen könne.

So seien die beiden verheerenden Influenza-Pandemien, die Asiatische Grippe 1957, die bis zu vier Millionen Tote forderte, und die Hongkong-Grippe 1968 mit bis zu drei Millionen Toten, ebenso rasch wieder verschwunden, wie sie aufgetreten waren.

USA Grippewelle Spanische Grippe

Die Zweite Welle der Spanischen Grippe forderte die meisten Menschenleben

Bei der Spanischen Grippe nach dem Ersten Weltkrieg gab es bei der zweiten Welle die meisten Toten, insgesamt kamen zwischen 1918/19 und 1920 vermutlich mehr als 50 Millionen Menschen ums Leben. Die Dritte Welle ebbte schnell wieder ab, aber der Erreger blieb. Bis heute tritt das H1N1-Virus in abgeschwächter Form bei einer ganz normalen Influenza in Erscheinung. 

Wird das Coronavirus zum harmlosen Dauergast?

Einen ähnlichen Verlauf könnte mittelfristig auch das SARS-CoV-2 Virus nehmen: Vermutlich wird das Coronavirus also bleiben und nur örtlich begrenzt auftreten. Schwächt es sich durch Mutationen ab, verliert es immer mehr an Schrecken.

Bis es aber soweit ist, bis sich der positive globale Trend verstetigt, wird es bei dem schwierigen Spagat zwischen nötigen Kontaktbeschränkungen und möglichen Lockerungen bleiben.