Ist das Boot voll? - Der Flüchtlingsfilm ″Styx″ kommt ins deutsche Kino | Filme | DW | 13.09.2018
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Film

Ist das Boot voll? - Der Flüchtlingsfilm "Styx" kommt ins deutsche Kino

Wolfgang Fischers Film "Styx" stellt viele Fragen: nach Flüchtingskrise, Europa - und persönlicher Verantwortung. Mit der DW hat der Regisseur über folgenschwere Entscheidungen und moralische Verpflichtungen gesprochen.

Rike, eine junge Frau, bricht von Gibraltar, dem Ende Europas, mit ihrer 11-Meter-Yacht zu einer Ozeanreise auf. Sie will nach Ascension Island, jener paradiesischen Insel im Südatlantik, auf der Charles Darwin 1854 einen Garten Eden angelegt hatte. Doch sie kommt nicht weit. Nach wenigen Seemeilen und einem überstandenen Sturm trifft sie auf ein mit Menschen überladenes Flüchtlingsschiff, das zu sinken droht. Sie funkt nach Rettung. Doch niemand kommt. Die Lage spitzt sich zu. Rike greift zu einer List. Die schließlich eintreffende Küstenwache birgt nur noch Leichen und wenige Überlebende. Rike aber gerät ins Fadenkreuz der unwilligen Retter.

Aktueller könnte ein Film kaum sein als "Styx", das Werk des österreichischen Regisseurs Wolfgang Fischer, der gemeinsam mit Ika Künzel auch das Drehbuch verfasst hat. In schonungslos langen Einstellungen richtet er die Kamera auf das verdrängte Flüchtlingsdrama, das sich täglich auf den Meeren zwischen Afrika und Europa abspielt. Für viele Flüchtlinge endet die Reise im nassen Tod. Helfen oder nicht helfen? Der Streit um die "Flüchtlingsfrage", die Europa zunehmend spaltet, hier wird er konkret, lässt einen die Finger in die Kinosessel krallen. Fischers Film erzeugt Betroffenheit.

Ein afrikanischer Flüchtlingsjunge im Film Styx (trigon-film.org)

Gerettet, aber in Gedanken bei seiner Familie, die im Meer versinkt: der afrikanische Junge Kingsley (Gedion Oduor Wekesa)

Die Erzählung von Rike, die helfen will, aber nicht kann, weil sie selbst bloß auf einer segelnden Nussschale sitzt und andere die Verantwortung scheuen, wirft Fragen auf: Wie voll ist das Boot namens Europa? Gibt es eine Pflicht zu helfen? Oder gilt Charles Darwins Gesetz vom "survival of the fittest?", dem Überleben des Stärkeren? "Styx" verdichtet das Thema Migration mitsamt ihren Ursachen und Folgen in einem eindrücklichen Seglerinnen- und Flüchtlingsdrama. Und legt so den Finger in unser aller Wunde.

"Styx" ist Fischers bisher größter und mit Sicherheit auch wichtigster Film. Seine vielbeachtete Weltpremiere feierte der Streifen bei der Berlinale im Februar. Fischer, Jahrgang 1970, hat Psychologie und Malerei an der Universität Wien studiert, lernte das Film- und Fernsehenmachen an der Kunsthochschule für Medien Köln.

Tropischer Strand mit Palmen, Liegestühlen und Hängematte (picture alliance / blickwinkel/M)

Des einen Paradies ist des anderen Hölle - Der Film "Styx" fragt nach der persönlichen Verantwortung jedes Weltbürgers

Deutsche Welle: Herr Fischer, Ihre Einhandseglerin Rike, eigentlich ja ein Zivilisationsflüchtling, träumt vom Paradies. Aber landet in der Hölle. Ist das die Essenz Ihres Films "Styx": Es gibt kein Glück, während andere ins Unglück stürzen?

Wolfgang Fischer: Der Film wirft die existentiellen Fragen auf: Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Wer müssten wir sein - in dieser Welt? Und was bedeutet es für uns, wenn wir in so ein Dilemma geraten wie Rike? Die Hauptfigur hat eben die Idee, auf diese Insel mitten im Atlantik zu fahren. Das ist ihr individueller Traum. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die nicht diese ganzen Sicherungssysteme haben wie unsere Hauptfigur während ihres Segeltörns. Diese Menschen haben eine andere Vorstellung vom Paradies. Diesen Kontrast gilt es zu zeigen, mit all den Konsequenzen.

Man könnte Ihren Film als Plädoyer für Empathie lesen – als Appell an die Welt, den Geflüchteten zu helfen. War das Ihre Absicht?

Auf jeden Fall! Es geht darum, Empathie zu schaffen. Was würden wir tun, wenn wir in so eine Situation geraten? Es ist ja fast eine alltägliche Situation, zum Beispiel wenn wir auf der Autobahn fahren und es passiert ein Unfall: Bleiben wir stehen oder fahren wir weiter? Beides ist eine Entscheidung! Das ist das gleiche, wie das, was auf dem Meer passiert: Wie verhalten wir uns den geflohenen Menschen gegenüber? Gibt es eine Empathie für diese Menschen? Oder gibt es keine? Das soll der Film fragen.

Jede Antwort hat Folgen…

Genau. Und die müssen wir dann mit uns ausmachen, und mit denen müssen wir klarkommen.

Wolfgang Fischer bei der Berlinale 2018 (picture-alliance/Geisler-Fotopress)

Wolfgang Fischer, Regisseur von "Styx".

Asa Gray heißt die Segelyacht von Rike – wie der Botaniker und christliche Humanist und Freund Charles Darwins. Der glaubte an die Macht der "göttlichen Menschenfamilie". Ganz im Gegensatz zu Darwin, der ein Verfechter von "Surviving of the fittest" war. Wer von beiden hatte Recht?

Das kann ich gar nicht so sagen. Bei Darwin ging es uns nicht um den Gedanken "survival of the fittest". Darwin ist deswegen im Film zitiert, weil die Seglerin nach Ascension Island segelt. Auf dieser Vulkaninsel gab es nichts, nur Ratten. Darwin hat ein Experiment gestartet, hat auf der ganzen Welt Pflanzen gesammelt und sie dorthin gebracht. Jetzt wachsen dort Pflanzen, die sonst nicht zusammenstehen. Er hat ein künstliches Paradies geschaffen.

Einer der Geflüchteten trägt ein Ronaldo-T-Shirt – auch so ein versteckter Hinweis: Die Welt rückt zusammen? Alle Weltbürger haben die gleichen Rechte?

So sollte es sein, so ist es im Grundgesetz verankert: 'Die Würde des Menschen ist unantastbar'. Das Statement nehmen wir im Film auf. Wir leben in einer globalen Welt. Die Welt wächst zusammen. Wir schauen die gleichen Filme. Wir hören die gleiche Musik. Wir sind Fans der gleichen Fußballmannschaft. Deshalb hat der Junge ein Ronaldo-T-Shirt an.

Diese Menschen flüchten nach Europa. Geht Europa deshalb unter?

Porträt von Susanne Wolff, Hauptdarstellerin in Styx von Wolfgang Fischer (Benedict Neuenfels)

Rike (Susanne Wolff) gerät ins Dilemma, als sie mit ihrem Segelboot auf ein sinkendes Flüchtlingsschiff trifft.

85 Prozent der Migration findet innerhalb Afrikas statt. Nur 15 Prozent wollen nach Europa, rund 700.000 Menschen sitzen in Nordafrika fest. Hier (in der EU, Anmerkung d. Red.) leben 500 Millionen. Da stellt sich schon die Frage. Ist das wirklich so, dass wir das nicht leisten können? Oder wird da eine Hysterie geschürt?

Diese Hysterie verhindert die Möglichkeit einer echten Debatte. Wir drehen uns um uns selbst. Wir wollen uns abschotten und machen die Seerouten dicht. Die Menschen fliehen aber weiterhin. Inzwischen sterben mehr Menschen in der Wüste als auf dem Meer. Sie sterben dort, wo die Kameras nicht hinkommen. Das ist eine sehr zynische Haltung, die man nicht akzeptieren kann. Auch die Tendenz, Entwicklungshilfebudgets für Abschottungstechnik anstatt für Aufbau und Entwicklung auszugeben, ist schrecklich. Wir investieren in Grenzsicherung, schließen Bündnisse mit zweifelhaften Regimen, finanzieren menschenverachtende Strukturen und lassen Menschen sehenden Auges im Stich. Wir verraten unsere Grundwerte. Die ernst gemeinte Bekämpfung von Fluchtursachen ist dagegen marginal.

Moralisch gerät Europa unter die Räder?

Wenn wir so weitermachen, auf jeden Fall. Wir verlieren unseren humanitären Gedanken. Europa war einmal eine Solidaritätsgemeinschaft, um einander zu helfen. Dieser Grundgedanke ist nicht da, wenn wir mit Staaten, die von Despoten regiert werden, Abkommen schließen - wie etwa mit Libyen. In diesen Regimen passieren die grausamsten Dinge. Und wir unterstützen das?

Wenn ich Sie recht verstehe, dann wird die Debatte über das Flüchtlingsthema falsch geführt. Aber Ihr Film gibt selbst keine Antworten, sondern stellt viele Fragen?

Natürlich ist es schwierig, Antworten oder Ratschläge zu geben. Mit einem Film würde man dem Thema nicht gerecht. Deshalb müssen wir Fragen aufwerfen und jedem einzelnen Zuschauer die Frage stellen: 'Was mache ich, wie würde ich mich verhalten?'

Das Interview mit Wolfgang Fischer führte Stefan Dege.

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