Islands Experiment: besser weniger Arbeit | Wirtschaft | DW | 06.07.2021
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Arbeit

Islands Experiment: besser weniger Arbeit

Aus Island kommen gute Nachrichten für die Freunde kürzerer Arbeitszeiten. Zwei Großversuche in der Hauptstadt Reykjavik hätten zu einem "überwältigenden Erfolg" geführt, so eine neue Studie. Können andere daraus lernen?

Island Reykjavik Stadtansicht

Islands Hauptstadt Reykjavik. Hier lebt rund ein Drittel der 360.000 Isländer.

Eins vorweg: Island hat nicht im ganzen Land die Vier-Tage-Arbeitswoche eingeführt. Aber es hat die Arbeitszeit vieler Beschäftigter deutlich verringert - bei gleicher Bezahlung. Möglich wurde das, weil Studien gezeigt haben, dass Angestellte bei weniger Stunden effizienter arbeiten und gleichzeitig gesünder und zufriedener sind.

Angefangen hat alles in den Jahren 2015 und 2017. Damals stimmten die Stadtverwaltung von Reykjavik und die isländische Regierung zwei Großversuchen zu. Mehr als 2500 Angestellte bei Staat oder Stadt waren beteiligt und reduzierten ihre wöchentliche Arbeitszeit, meist von 40 auf 35 oder 36 Stunden, ihr Lohn blieb unverändert. Das Spektrum der Tätigkeiten reichte vom Bürojob in der Verwaltung über Kindergärten bis zu Krankenhäusern.

2500 Angestellte - im kleinen Island entspricht das mehr als einem Prozent der Erwerbstätigen. Das Experiment lief bis 2019 und generierte zahlreiche Daten, die wissenschaftlich ausgewertet wurden.

Produktiver und angenehmer

Hauptergebnisse: Trotz kürzerer Arbeitszeit ist die Produktivität meist gleichgeblieben oder sogar gestiegen. Gleichzeitig verbesserte sich die Lage der Beschäftigten.

"Das Wohlbefinden der Arbeitskräfte stieg dramatisch über eine Vielzahl von Indikatoren, von empfundenen Stress und Burnout bis zu Gesundheit und Work-Life-Balance", heißt es in dem Bericht, den die isländische Organisation für nachhaltige Demokratie (Alda) und die britische Denkfabrik Autonomy nun vorgelegt haben.

Auch habe sich ein Einwand nicht bewahrheitet, der im Vorfeld der Studien vor allem von der Arbeitgeberseite ins Feld geführt worden war: dass nämlich eine kürzere Arbeitswoche zu Mehrarbeit und Überstunden führen müsse.

"Die Versuche widerlegen diese Befürchtungen", heißt es im Bericht. Die Angestellten hätten tatsächlich weniger gearbeitet, die Arbeit aber besser organisiert, etwa durch kürzere und effizientere Besprechungen. Auch Führungskräfte hätten davon profitiert und weniger gearbeitet.

Der Bericht von Alda und Autonomy ist laut den Herausgebern der erste Report, der die zahlreichen Studien über die von 2015 bis 2019 laufenden Versuche zusammenfasst.

Wofür die Deutschen auf die Straße gingen Flash-Galerie

Stahlarbeiter in Duisburg streiken 1990 für die 35-Stunden-Woche. Was kürzere Arbeitszeiten angeht, ist in Deutschland seitdem nichts mehr passiert.

Neue Tarifverträge

Schon frühere Studien hatten die Erfolge des Arbeitszeit-Experiments bestätigt. In der Folge sank dann auch der Widerstand der Arbeitgeberseite jenseits staatlicher oder städtischer Stellen. So wurden die Arbeitszeiten in den Tarifverträgen, die in den letzten beiden Jahren ausgehandelt wurden, deutlich gesenkt.

Den Angaben zufolge profitieren davon 170.000 gewerkschaftlich organisierte Beschäftigte, die gesamte arbeitende Bevölkerung des Landes beläuft sich auf 197.000 Menschen. "Das bedeutet, dass 86 Prozent der Erwerbstätigen jetzt entweder kürzere Arbeitszeiten haben oder ihnen zumindest Mechanismen zur Verfügung stehen, um kürzere Arbeitszeiten auszuhandeln", heißt es im Bericht.

Konkret bedeutet das für die meisten eine Arbeitszeit von 36 Stunden pro Woche, für einige Schichtarbeitsplätze sind sogar 32 Stunden möglich. "Das ist der größte Fortschritt, den wir in den vergangenen 40 Jahren gesehen haben", sagte Gudbjörg Palsdottir, Vorsitzender der isländischen Krankenpfleger-Organisation.

In vielen Fällen konnten die Veränderungen ohne Mehrkosten etabliert werden. Vor allem im Gesundheitswesen war das aber nicht immer möglich und zusätzliches Personal musste eingestellt werden. Der Studie zufolge blieben die Mehrkosten für die isländische Regierung überschaubar und lagen bei knapp 0,5 Prozent des Gesamtbudgets.

Viel Freizeit in Deutschland

Fraglich ist, ob die Daten aus Island übertragbar sind auf andere Länder, denn laut europäischer Statistikbehörde Eurostat haben Isländer bisher deutlich länger gearbeitet als andere Skandinavier oder auch Deutsche. So lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit für Vollzeitbeschäftige in Island im Jahr 2019 - dem aktuellsten Jahr, für das europaweite Daten vorliegen - bei 44 Stunden. In Dänemark und Norwegen waren es knapp 39 Stunden, in Finnland und Schweden 40, in Deutschland 41 Stunden.

Ein anderes Bild zeichnet dagegen die Statistik über die pro Jahr tatsächlich gearbeiteten Stunden. Laut Zahlen der OECD, einem Club von 38 Industrieländern, wird in Deutschland am wenigsten gearbeitet - 1332 Stunden pro Jahr. Island liegt mit 1435 Stunden auf Platz zehn.

In Island jedenfalls sind einige von den jüngsten Entwicklungen angespornt. Kürzere Arbeitszeiten bedeuten für Beschäftige "mehr Freiheit, Flexibilität und mehr Kontrolle über ihre Zeit", zitiert der Bericht von Alda und Autonomy den links-grünen Abgeordneten Bjarkey Olsen Gunnarsdottir. "Wir sollten diesen Weg weiter gehen und die Arbeitzeit im nächsten Schritt auf 30 Stunden verkürzen."

Auch in Deutschland sind kürzere Arbeitszeiten ein Thema. Zuletzt hatte die Industriegewerkschaft Metall die Einführung der Vier-Tage-Woche gefordert. Ihr Argument war allerdings eher der Erhalt von Arbeitsplätzen angesichts struktureller Veränderungen, etwa in der Autoindustrie, weniger das Wohlbefinden der Beschäftigten.

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