Ischgl-Prozess: Österreich will keinen Vergleich | Aktuell Europa | DW | 17.09.2021
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Corona-Hotspot

Ischgl-Prozess: Österreich will keinen Vergleich

Welche Verantwortung trägt der österreichische Staat für den massenhaften Corona-Ausbruch vom März 2020 im Skiort Ischgl? In Wien hat dazu der erste von 15 Zivilprozessen begonnen.

Ullrich Schopf fordert von Österreich 100.000 Euro Schadenersatz. Gemeinsam mit seiner Mutter hat er Regierung und Behörden verklagt, weil sein Vater Hannes einen Skiurlaub in Ischgl nicht überlebt hat. Der Prozess vor dem Wiener Landgericht gilt als Testfall für 14 weitere Klagen - und mehrere Tausend Ansprüche, die an den Staat gestellt wurden.

Die Anwälte der Republik vertraten beim Auftakt des Verfahrens die Auffassung, dass die staatlichen Stellen mit dem damaligem Wissen über das Virus richtig gehandelt hätten und die Klage grundlos sei. Einen Vergleich lehnten sie deshalb ab. Das Gericht ließ auch keine weiteren Gutachten und Anträge zu. Da alle relevanten Informationen über das Handeln der Behörden bekannt seien, werde das Verfahren geschlossen, sagte die Richterin und kündigte ein schriftliches Urteil an.

Chaotische Evakuierung

Der ehemalige Journalist und leidenschaftliche Skifahrer Hannes Schopf zählte im März 2020 zu den Gästen in dem Tiroler Skiort, der gleich zu Beginn der Corona-Pandemie zu einem Superspreader wurde. Seine Witwe geht davon aus, dass er sich mit dem Virus ansteckte, als er bei der chaotischen Evakuierung von Ischgl drei Stunden lang mit lauter niesenden und hustenden Touristen im Bus gefahren sei. Wenige Wochen später war der 72-Jährige allein in einem Krankenhaus an COVID-19 gestorben.

Die Apres-Ski-Bar Kitzloch zählt zu den angesagtesten Lokalen in Ischgl

Die Après-Ski-Bar "Kitzloch" zählt zu den angesagtesten Lokalen in Ischgl (Archivbild)

Der auch bei Deutschen beliebte Ski- und Partyort Ischgl war im März 2020 wegen steigender Fallzahlen plötzlich geschlossen worden. Reiserückkehrer haben das Virus in viele Heimatländer weitergetragen. Klägeranwalt Alexander Klauser wirft den Behörden vor, zu spät auf die ersten Infektionen reagiert und Gesundheitsmaßnahmen nicht ausreichend umgesetzt zu haben.

"Die Leute rannten in Skistiefeln zu ihren Autos"

Außerdem habe Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) am 13. März eine Quarantäne für Ischgl ohne Vorbereitungen verkündet. Tausende Urlauber, die sogar noch auf Skipisten unterwegs waren, seien unkontrolliert und dicht an dicht gedrängt geflohen. "Die Leute rannten in Skistiefeln zu ihren Autos", sagte Klauser vor Journalisten. "Wer sich noch nicht in der Woche davor mit dem Coronavirus infiziert hatte, infizierte sich jetzt in überfüllten Pkws und Skibussen."

Österreich | Coronavirus | Prozessauftakt in Ischgl

Am Tisch sitzend: Der Kläger Ulrich Schöpf (hinten), VSV-Obmann Peter Kolba (M.) und Anwalt Alexander Klauser (vorne)

Bei dem Gericht sind bislang 15 Klagen zu Ischgl eingegangen. Der österreichische Verbraucherschutzverein (VSV), der die Klagen unterstützt, rechnet jedoch damit, dass insgesamt bis zu 3000 Ansprüche an den Staat gestellt werden. Mehr als 6000 Menschen aus 45 Ländern sollen sich in Ischgl und anderen Tiroler Urlaubsorten mit dem Coronavirus angesteckt haben. Etwa fünf Prozent von ihnen leiden unter Long COVID, also bekannten Langzeitfolgen der Infektion wie Kurzatmigkeit und Schlafproblemen.

"Zu langsam gehandelt"

Eine unabhängige Kommission war im vergangenen Jahr zu dem Schluss gekommen, dass die Tiroler Behörden zu langsam gehandelt haben, um die Skigebiete im Tal zu schließen, als klar wurde, dass es sich um einen der ersten Ausbrüche des Coronavirus in Europa im März handelte. Das Gremium fand jedoch keine Beweise dafür, dass politischer oder wirtschaftlicher Druck bei den Entscheidungen eine Rolle spielte.

rb/jj (AFP, AP; dpa, Reuters)

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