Iraner spotten über staatliche Dating-App | Asien | DW | 22.07.2021
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Familienpolitik im Iran

Iraner spotten über staatliche Dating-App

Mit einer staatlichen Dating-App will der Iran Familiengründungen und Nachwuchs fördern. Experten und Volk halten das für vergebliche Liebesmüh.

Bildergalerie Iran KW3 Liebe

Ein junges Paar in einem Park in Teheran

Der iranische Staat macht sich Sorgen: Die Bevölkerung schrumpft. Die Geburtenrate im Land sinkt so schnell wie in kaum einem anderen Land der Erde: Lag sie im Jahr 1971 noch bei 6,6 Kindern pro Frau während ihres gebärfähigen Lebens, so war sie bis 2011 auf 1,8 gesunken. Das Bevölkerungswachstum betrug laut offiziellen Quellen im vergangenen Jahr 0,6 Prozent. Andere Quellen sprechen von 1,6 Prozent. Längst sprechen Politiker von einer "Megakrise in der iranischen Geschichte" und dem "schwarzen Bevölkerungsloch", in das das Land wegen der weiter fallenden Geburtenrate demnächst stürzen werde.

Deshalb wurde jetzt eine staatliche App namens "Hamdam", zu Deutsch "Partner", vorgestellt, die die Jugend ermutigen soll, zu heiraten und Familien zu gründen. Die App bietet Beratung und schlägt Ehewilligen auf der Grundlage eingehender Tests und unter Aufsicht ihrer Familien passende Kandidaten und Kandidatinnen vor. Entwickelt wurde Hamdam vom Kultur- und Medieninstitut "Tebian", das der mächtigen Organisation für islamische Glaubensverbreitung untersteht. Der Fokus liegt selbstredend auf der Eheschließung nach islamischem Ritus.

"Ich will Freiheit und Gleichberechtigung behalten"

Sara, 33, hat ihren Master in Architektur gemacht und arbeitet seit fünf Jahren bei einer staatlichen Organisation in Teheran. Sie ist ledig und wohnt in einer kleinen Wohnung in einem teuren Viertel Teherans. Bisher hat sie nicht geheiratet und nicht die Absicht, dies in nächster Zeit nachzuholen.

"In der jetzigen wirtschaftlichen und politischen Lage mit ihren frauenfeindlichen Gesetzen ist es mir lieber, ich bin so unabhängig wie möglich, damit ich mir meine Optionen offen halten kann", erläutert sie gegenüber der DW.  "Mein Freund und ich haben unser eigenes Modell: Wir sind gleichberechtigt. Wenn wir uns dem Gesetz unterwerfen, dann wäre diese Gleichberechtigung dahin." 

Die Journalistin und Frauenrechtlerin Asieh Amini ist überzeugt davon, dass die Bevölkerungspolitik im Iran stets im Zeichen politischer Ideologie gestanden hat: Je mehr Iraner desto besser, laute die Devise nach wie vor. Sie sieht das gesunkene Bevölkerungswachstum nicht dramatisch: "Im weltweiten Vergleich ist unsere Bevölkerung recht jung. Wenn sich die Entwicklung fortsetzt, könnte das zu einem Problem für unser Land werden, aber derzeit ist die Lage eher stabil. Aber der Staat in seiner ideologischen Verblendung macht eine einfache Gleichung auf: Mehr Menschen bedeuten mehr Macht", kritisiert Amini.

Wirtschaftslage blockiert Familiengründung

Laut einer Erhebung des Ministeriums für Sport und Kultur haben 37 Prozent der Iraner im Heiratsalter keine Motivation, eine Familie zu gründen. Für den Soziologen und Journalisten Said Madani sind die angespannte wirtschaftliche Situation und die Krise am Wohnungs- und Arbeitsmarkt die Hauptgründe für die geringe Lust zu heiraten. "Viele junge Leute haben keine Hoffnung, sich mit Arbeit ein Auskommen zu sichern, ganz egal, wie sehr sie sich engagieren und wie gut ausgebildet sie sind." Als mit viel Hype der Launch der App "Hamdam" angekündigt wurde, war der Tenor in den sozialen Netzwerken: "Wenn ihr wollt, dass wir heiraten, braucht ihr uns keine Website zu geben. Löst lieber die wirtschaftlichen Probleme."

Iran Kampagne Mehr Kinder, mehr Glück

Werbung für mehr Kinder: "Mehr Kinder, mehr Glück"

Immerhin wurde vor ein paar Monaten das Gesetz "Volksjugend und Familienunterstützung" verabschiedet. Es sieht Erleichterungen für Berufstätige während Schwangerschaft und nach Entbindung vor sowie eine Aufstockung der finanziellen Unterstützung für junge Familiengründer. Experten weisen jedoch darauf hin, dass diese Anreize bislang in den Großstädten nicht zu mehr Eheschließungen geführt hätten. Vielmehr hätten sie in den abgelegenen Provinzen die Zwangsheirat und die Kinderehe befördert. Manche Familien würden in ihrer finanziellen Not ihre Töchter zwangsverheiraten, um an die Förderung zu gelangen.

App geht an den Bedürfnissen vorbei

Said Madani sagt der App keinen großen Erfolg voraus: "Das Problem ist nicht, dass die jungen Menschen keine Kanäle hätten, um sich kennenzulernen. Die Suche nach passenden Partnern ist leicht. Entgegen den offiziellen Vorstellungen ist die iranische Gesellschaft eine sehr offene und sind die Kontakte, auch unter jungen Menschen, sehr intensiv. Dem kann die neue App nichts Entscheidendes hinzufügen. Das Problem ist vielmehr das Überleben nach der Heirat, wenn es darum geht, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen. Genau da hakt es, und da haben die jungen Menschen keine großen Hoffnungen."

Dating-Websites gab es im Iran im Übrigen auch schon lange vor Hamdam, oft von Wohltätigkeitsorganisation betrieben. Diese Plattformen wurden allerdings etwa vier Monate vor der Vorstellung der neuen amtlich zertifizierten App geschlossen. Ali Laridschani, der Präsident des iranischen Parlaments, wurde dazu folgendermaßen zitiert: "Statt diese Aufgabe großen Organisationen zu überlassen, die sich ihre Dienste teuer bezahlen lassen, erledigt dies nun diese neue Plattform."  In den sozialen Medien kritisieren Nutzer, dass der Staat viel Geld in die Entwicklung der App gesteckt habe: "Alles, was die Islamische Republik verboten hat, bietet sie nachher ganz im Stil der Mafia selbst wieder an."

Autorin: Yalda Kiani (ea)

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