Iran vor der Fußball-WM: Von Vorfreude keine Spur | Sport | DW | 16.11.2022
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Sport

Iran vor der Fußball-WM: Von Vorfreude keine Spur

Irans Fans blicken der Fußball-WM mit Skepsis entgegen. Von Euphorie angesichts der gelungenen Qualifikation ist kaum etwas zu spüren. Auffällig ist die Entfremdung der eigenen Fans vom Team.

Die iranische Fußball-Nationalmannschaft beim Spiel gegen Senegal am 27.09.2022 in Wien

Die iranische Fußball-Nationalmannschaft beim Spiel gegen Senegal am 27.09.2022 in Wien

Zum sechsten Mal hat es die iranische Fußball-Nationalmannschaft zu einer WM-Endrunde geschafft. Jedoch steht die Teilnahme unter keinem guten Stern. Zwischen dem Team und vielen Fans ist eine tiefe Entfremdung zu spüren. Der Grund: Die Mannschaft hat sich aus Sicht großer Teile der Bevölkerung nicht entschieden von der brutalen Niederschlagung der revolutionären Freiheitsbewegung durch das Mullah-Regime im eigenen Land distanziert. Darunter hat das Ansehen der Nationalelf gelitten. Im Gegensatz zu den bisherigen WM-Teilnahmen betrachtet diesmal der überwiegende Teil der iranischen Fans das Team nicht als ihren Botschafter auf internationaler Bühne.

Auch innerhalb des "Team Melli" hat die politische Situation zu einer tiefen Spaltung geführt. Auf den Ruf der Menschen im Iran nach Freiheit, Demokratie, freier Selbstbestimmung und Bekämpfung staatlich gesteuerter Diskriminierung verschiedenster Art haben die Nationalspieler unterschiedlich reagiert.

Turbulente Ausgangslage

Deutlich zu Tage getreten sind die Differenzen schon im September, während des Trainingslagers der Nationalmannschaft in Österreich , bei dem zwei Testspiele gegen Uruguay und Senegal auf dem Plan standen. Das Vorbereitungscamp in St. Pölten begann wenige Tage nach dem Tod der Iranerin Jina Mahsa Amini im Zusammenhang mit ihrer Festnahme durch die iranische Sittenpolizei und des seitdem aufflammenden Aufstandes gegen das totalitäre Regime. 

Im Unterschied zu den regimekritischen Statements des Leverkusener Bundesligaprofis Sardar Azmoun positionierten sich die meisten anderen Nationalspieler eher halbherzig hinsichtlich der Solidarisierung mit den Protesten ihrer Landsleute.

Diese Zurückhaltung interpretierten viele Fans als fehlende Unterstützung der Nationalspieler für ihre Ziele. Der ehemalige iranische Fußball-Nationaltorhüter Soscha Mokani (35) betont: "Das ist das Team der Islamischen Republik und nicht das des iranischen Volkes. Die FIFA muss das Team von der WM ausschließen." Zudem fordert er im Hinblick auf schätzungsweise 14.000 Inhaftierte im Zuge der gegenwärtigen Proteste: "Die Nationalspieler müssen geschlossen die Freilassung aller verhafteten Demonstranten als Bedingungen für ihre Teilnahme an den WM-Spielen verlangen."

Wie andere Sportgrößen unterstreicht auch der weltweit populäre, bei internationalen Show-Turnieren noch aktive französisch-iranische Tennisspieler Mansour Bahrami (66): "Wenn ich iranischer Fußball-Nationalspieler wäre, würde ich nicht für die Islamische Republik bei der WM antreten."

Ex-Bayern Profi Ali Karimi, der sich schon zuvor deutlich regimekritisch positioniert hatte, zog für sich Konsequenzen und wies eine Einladung ins WM-Land öffentlich zurück. "Danke an die FIFA und das Turnierkomitee", heißt es in seinem Tweet auf persisch. Angehängt hat er die Schreiben an das Organisationskomitee.

Forderung nach WM-Ausschluss

Seit vielen Monaten droht dem nationalen iranischen Fußballverband (IRIFF) die Suspendierung von internationalen Wettbewerben durch den Fußballweltverband FIFA. Unter anderem kritisiert die FIFA, dass Frauen der freie Zugang zu iranischen Stadien nicht gestattet ist. 

Frauen werden von Sicherheitskräften am Zutritt ins Stadion der iranischen Stadt Mashhad gehindert

Beim WM-Qualifikationsspiel gegen den Libanon wurde Frauen der Zutritt zum Station in der iranischen Stadt Mashhad verwehrt, obwohl sie Tickets besaßen

Obendrein sei die Einmischung der Politik in die Belange des nationalen Fußballverbandes ein Reizthema für die FIFA, berichtet eine Sportjournalistin, die im Iran für eine tägliche Sportzeitung arbeitet und namentlich nicht genannt werden möchte, im Gespräch mit der DW. Jüngstes Beispiel: die mutmaßlich manipulierte Wahl des IRIFF- Präsidenten Mehdi Tadj.

WM-Spiele als Plattform für weitere Proteste gegen das Mullah-Regime

Ungeachtet eines möglichen WM-Ausschlusses wird vielerorts die Teilnahme des Iran am WM-Turnier auch als positiver Faktor für eine weitere Ausbreitung der Proteste der Iranerinnen und Iraner gegen das Mullah-Regime bewertet.

Babak Keyhanfar, der in Mainz geborene Bundesligatrainer des 1. FSV Mainz 05 mit iranischen Wurzeln, sagt im Gespräch mit der DW: "Die außersportlichen Randthemen bei der iranischen Fußball-Nationalmannschaft werden während der WM im Zentrum des Blickfeldes stehen." Er betont: "Es wird den meisten iranischen Fans äußerst schwerfallen, sich auf den Fußball zu konzentrieren und die hoch sensiblen gesellschaftlichen Entwicklungen im eigenen Land während der WM auszublenden."

Es wird erwartet, dass viele iranische Nationalspieler während der WM zunehmend von ihrer Zurückhaltung abweichen und das WM-Umfeld nutzen, um ihre kritische Haltung gegenüber den Machthabern im eigenen Land deutlich zu machen. Das war schon bei der Generalprobe vor dem WM-Auftakt zu beobachten. Beim 1:0-Testspielsieg gegen Nicaragua am 10. November sangen lediglich zwei von elf Spielern die Hymne der Islamischen Republik mit. Der Torjubel blieb demonstrativ aus. Unmittelbar vor Beginn des Turniers in Katar betonte Nationaltrainer Carlos Queiroz zudem, dass die Spieler Gesten des Protests zeigen dürften: "Jeder hat das Recht, sich auszudrücken", sagte er. 

Sportlich günstige Aussichten für den Einzug ins Achtelfinale

Die Konstellation der WM-Gruppe B mit England, Wales und den USA als Gegner sorgt für weitere Brisanz, denn auch hier kommt eine zusätzliche Ebene zum Tragen. Die Gruppengegner gelten seit vielen Jahrzehnten als politische Widersacher der islamischen Republik.

Rein sportlich betrachtet sehen Kenner durchaus Chancen für die Mannschaft aus dem Iran. Bis auf den haushohen Favoriten England werden Wales und die USA von der iranischen Fußballgemeinde als durchaus schlagbar eingestuft. Es wäre ein historischer Erfolg: Bei seiner sechsten WM-Teilnahme hat der Iran erstmals eine Chance, erfolgreich die Gruppenphase des Turniers zu bestehen.

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