Irakische Armee ohne Kampfgeist | Nahost | DW | 26.05.2015
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Nahost

Irakische Armee ohne Kampfgeist

Die irakische Armee hat im Kampf gegen den "Islamischen Staat" schwere Niederlagen hinnehmen müssen. Das liegt weder an der Ausrüstung noch an der Ausbildung der Soldaten. Ihre Schwäche ist vor allem politisch bedingt.

Von drei Seiten nähern sich die irakischen Truppen der Stadt Ramadi. So jedenfalls berichten es gegenüber internationalen Presseagenturen schiitische Milizen, die zusammen mit der nationalen Armee die Mitte Mai an den "Islamischen Staat" (IS) gefallenen Stadt zurückerobern und von den Terroristen befreien sollen.

Die Rückeroberung wäre ein militärischer Triumph, den die irakische Armee gut gebrauchen könnte. Schon die Eroberung Falludschas durch den IS zur Jahreswende 2013/14 hatte große Ernüchterung ausgelöst. Der Fall Ramadis setzt die Reihe militärischer Demütigungen fort. Die irakische Armee habe "keinen Kampfeswillen" gezeigt, erklärte der US-amerikanische Verteidigungsminister Ash Carter. "Die Soldaten waren ihrem Gegner zahlenmäßig überlegen. Trotzdem haben sie im Kampf versagt. Darum müssen wir uns fragen, ob die Iraker den Willen haben, den IS zu bekämpfen und sich selbst verteidigen."

Carter habe falsche Informationen erhalten, erklärte daraufhin der irakische Premier Haider al-Abadi. In einem Interview mit der BBC kündigte er zudem an, die Armee werde die Stadt "binnen Tagen" zurückerobern.

Gereizter zeigte sich dagegen der Vorsitzende des parlamentarischen Verteidigungs- und Sicherheitskomitees, Hami al-Zamili. Er erklärte, die Amerikaner wollten mit ihren Anschuldigungen von ihren eigenen Fehlern ablenken. Sie hätten es nämlich versäumt, dem irakischen Heer "gute Ausrüstung, Waffen und Luftunterstützung" zukommen zu lassen, so Al-Zamili. Tatsächlich hatten die USA in den vergangenen Jahren aber rund 20 Milliarden US-Dollar in den Aufbau der irakischen Armee gesteckt.

Einwohner von Ramadi fliehen vor dem IS, 24.05.2015 (Foto: Reuters)

Einwohner von Ramadi fliehen vor dem IS

Soldaten sehen keine Zukunft

Wird die Rückeroberung Ramadis gelingen? Es könnte schwer werden, räumte Salih al-Mutlak, einer der Stellvertreter Abadis, indirekt ein. Die Niederlage in Ramadi sei kaum zu erklären, sagte er. "Es ist uns nicht klar, warum diese von den Amerikanern über Jahre ausgebildete Truppe, die als eine der besten der Welt galt, sich auf diese Weise aus Ramadi zurückzog."

Eine mögliche Erklärung für die Niederlage hat Al-Mutlaq dann doch. "Wenn die Soldaten für sich keine Zukunft im Irak sehen, dann werden sie den IS auch nicht so bekämpfen, wie wir es uns vorstellen. Es wird zwar einige Kampfhandlungen geben. Aber wir wollen eine wirkliche Anstrengung sehen, wie wir es vor einigen Jahren erlebten. Damals kämpften die Soldaten, weil sie für sich eine Zukunft in dem Land sahen."

Al-Mutlak erklärt: Viele sunnitische Soldaten glauben nicht mehr an ihren Staat. Über Jahre hatte der ehemalige Premierminister Nuri al-Maliki die Sunniten marginalisiert und versucht, sie von den Schaltstellen der Macht so weit wie möglich fernzuhalten. Als die irakischen Streitkräfte Anfang 2014 in der überwiegend von Sunniten bewohnten Provinz Anbar gegen Al-Kaida und IS- Kämpfer vorgingen, litten darunter auch die Zivilisten. Das Militär verdächtige sie der Sympathie oder gar der Unterstützung der Dschihadisten und ging entsprechend hart gegen sie vor. Viele Sunniten radikalisierten sich daraufhin.

Kämpfer der schiitischen Asaib Ahl al-Haq-Brigaden in ihrem Hauptquartier in Basra, 18.05.2015 (Foto: AFP / Getty Images)

Paramilitärs im Umfeld der Armee: Kämpfer der schiitischen Asaib Ahl al-Haq-Brigaden

Fragwürdige Personalpolitik

Auch führende Posten in der Armee besetzt Al-Maliki oftmals nicht mit qualifizierten Personen, sondern mit solchen, die er gegenüber sich selbst für loyal hielt. Auf diese Weise gelangten auch zahlreiche Mitglieder schiitischer Milizen in die Armee. Al-Malikis Nachfolger Al-Abadi erkannte die politischen Risiken einer solchen Personalpolitik. Kaum hatte er im November vergangenen Jahres die Regierungsgeschäfte übernommen, enthob er knapp 40 Kommandeure ihrer Ämter.

Dennoch konnte er das Vertrauen in die Armee bislang nicht wieder restlos herstellen. "Leider hat die Regierung Al-Maliki so viele Iraker gegen sich aufgebracht, dass die Armee offenbar keine Unterstützung hat. Auch gibt es nicht genügend Soldaten, die ihr Leben riskieren wollen", erklärt der an der Universität San Francisco lehrende Politologe Stephen Zunes gegenüber dem amerikanischen Think Tank GlobalSecurity. Als Folge dieser Politik muss die irakische Armee einen massiven Personalschwund verkraften. Zählte sie 2009 noch 210.000 Mann, sind derzeit nur 48.000 Soldaten in Dienst. Viele Armeeangehörige sind desertiert. Teils aus politischen Gründen - teils aber auch, weil sie lange Zeit keinen Sold mehr erhielten.

Milizen untergraben den Staat

Der irakische Verteidigungsminister Khaled al-Obeidi und sein iranischer Amtskollege Hussein Deghan in Bagdad, 18.05.2015 (Foto: AFP / Getty Images)

Der irakische Verteidigungsminister Khaled al-Obeidi und sein iranischer Amtskollege Hussein Deghan in Bagdad

Das hat fatale Folgen: Um den IS zu besiegen, ist die irakische Armee auf die Zusammenarbeit mit schiitischen Milizen angewiesen - so etwa den Kataib Hisbollah, Asaib Ahl al-Haq und der Badr-Organisation. Internationale Menschenrechtsorganisationen beschuldigen die Kommandeure dieser Gruppen, während der Kämpfe gegen den IS im vergangenen Jahr auch die sunnitische Zivilbevölkerung terrorisiert und vertrieben zu haben. Außerdem fürchten viele Sunniten, der (schiitische) Iran könne über die Milizen seinen Einfluss auf das politische Bagdad vergrößern.

Nun setzt die irakische Regierung ein weiteres Mal auf diese Milizen. Militärisch mag ihr nach den ernüchternden Erfahrungen der letzten Monate nichts anderes übrig bleiben. Zugleich aber werten Analysten die Entscheidung als politisch verheerendes Signal. Den Staat zu schützen, sei ausschließlich Aufgabe des Militärs, schreibt der Politologe Afzal Ashraf auf den online-Seiten von "Al-Jazeera". "Milizen aber sind vor allem ihren eigenen Führern gegenüber loyal. Jeder Erfolg, den diese Milizen in Ramadi erzielen, wird die Regierung weiter schwächen und die jetzt schon gefährliche konfessionelle Spaltung des Landes weiter vertiefen." Dies wissen auch die Soldaten. Ihren Kampfeswillen stärkt das nicht.

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