Irak: Die innere Hölle einer jesidischen Mutter | Welt | DW | 22.06.2018
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Leben nach dem Terror

Irak: Die innere Hölle einer jesidischen Mutter

"Wenn es die Kinder nicht gäbe, hätte ich mich umgebracht", erzählt Kocher. Die Jesidin aus dem Irak hat zwei Jahre in 'IS'-Gefangenschaft überlebt. Drei ihrer Kinder sind verschollen.

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Nach dem Genozid: Jesiden im Nordirak

Kocher trägt seit ihrer Rückkehr nur noch schwarze Kleider. Weil die Zeit nicht alle Wunden heilt. Nicht, wenn man in der Hölle war. Kocher lebt seit ihrer Befreiung aus den Händen des selbsternannten 'Islamischen Staates' mit ihrem Mann Mahmood und ihren fünf jüngsten Kindern in einem Zeltlager auf dem kargen Plateau des Mount Sindschar im Nordirak. Sie sind gestrandete Flüchtlinge im eigenen Land auf rund 1000 Meter Höhe. Über das, was passiert ist, wird im Kreis der Familie nicht gesprochen.

Die Klauen der Vergangenheit

"Für mich ist es zu spät", sagt die 40-jährige Kocher, ohne den Satz zu vollenden. Ihre Gedanken kreisen unaufhörlich um die drei älteren Kinder, die noch immer verschollen sind. Von den beiden Söhnen Saadon (heute 22 Jahre) und Firaz (heute 18 Jahre) und von Tochter Aveen (heute 15 Jahre) fehlt jedes Lebenszeichen. Es ist vor allem die vage Hoffnung auf ein Wiedersehen, die Kocher davon abhält, sich von den Klauen der Vergangenheit in den Abgrund reißen zu lassen. In den vielen schlaflosen Nächten quält sie die Frage, warum sie zu den Überlebenden gehört. Auch ihre kleinen Töchter schrecken nachts immer wieder hoch. "Wenn es die Kinder nicht gäbe, hätte ich mich umgebracht."

Vier Jahre nach dem Genozid an den Jesiden finden sich auf der Serpentinen-Straße des Mount Sinjar im Nordirak immer noch verwitterte Kleidungsreste (DW/S.Petersmann)

Mount Sindschar: Verwitterte Kleidungsreste dokumentieren bis heute das Grauen.

Der Angriff auf die Jesiden

Kochers Alptraum begann am 3. August 2014. Damals fiel die Terrormiliz 'IS' über die Region Sindschar im Nordirak her, in der vor allem die ethnisch-religiöse Minderheit der Jesiden siedelte. Für die selbsternannten Gotteskrieger waren Jesiden wie Kocher und ihre Familie ungläubige 'Teufelsanbeter'. Es kam zu unvorstellbaren Gräueltaten und Massenhinrichtungen. Die Vereinten Nationen sprechen von einem Genozid.

Etwa 50.000 Jesiden aus der Region flohen damals panisch auf den Mount Sindschar, um auf dem schwer zugänglichen Plateau Schutz zu suchen. Wer, wenn nicht ihr "heiliger Berg", sollte ihr Leben retten? Auch Kocher und die Kinder quälten sich mit anderen Familien aus der Nachbarschaft die Serpentinen hinauf, Ehemann Mahmood wollte mit seinen betagten Eltern nachkommen. Als die Hälfte des Berges gemeistert war, wurde Kochers Gruppe von 'IS'-Kämpfern abgefangen.

Die Versklavung

Bis heute dokumentieren verwitterte Kleidungsstücke, zerrissene Unterwäsche und ausgeblichene Schuhe am Straßenrand das Ende des verzweifelten Fluchtversuchs. Männer und Frauen wurden getrennt, Kocher mit acht Kindern versklavt. "Sie haben sich auch ältere Frauen als mich genommen und sie gezwungen, fünf oder sechs Männer zu heiraten." Kocher benutzt das Wort Vergewaltigung nicht. Sie gibt Einblick in ihr Leid, indem sie über das Schicksal anderer berichtet. "Die haben Frauen untereinander für eine Zigarette getauscht. Die haben sich auch gegenseitig Frauen geschenkt."

Irak Jesidin Kocher mit Kindern im Flüchtlingslager Sar-Dashte auf Mount Sinjar (DW/S. Petersmann)

Kocher berichtet vom Leid, ist aber für ihre Kinder stark.

Die Peiniger trennten Kocher immer wieder von ihren Kindern. Irgendwann verlor sie den Kontakt zu ihren beiden Söhnen und zu ihrer Tochter Aveen, die in Mosul mit einem 'IS'-Kämpfer zwangsverheiratet wurde. "Sie haben sie noch einmal zurückgebracht. Sie war ganz in schwarz gehüllt. Sie hatten ihr das Gesicht geschminkt, wie man es mit einer Braut macht", erinnert sich Kocher. Eine weitere Erniedrigung. Es gehöre zu den Aufgaben einer Mutter, "die Tochter für ihre Hochzeit schön zu schminken". Seit diesem Tag hat sie Aveen nicht mehr gesehen.

Die Last der Befreiung

Kocher und ihre fünf jüngsten Töchter wurden mehrfach weiterverkauft, "wie Obst von einem Handkarren". Erst innerhalb des Irak, dann über die Grenze nach Syrien. Die letzten Monate verbrachten sie mit etwa 50 anderen Frauen und Kindern in einem dunklen Kellerloch in der 'IS'-Hochburg Raqqa. Immer hungrig und voller Angst vor Luftangriffen. Irgendwann im Sommer 2016 wurde die Gruppe befreit – vermutlich freigekauft von der kurdischen Regionalregierung, doch Kocher kennt die Details ihrer Befreiung nicht. Sie erinnert sich nur daran, dass sie mit einem Bus zurück in den Irak fuhren. Insgesamt soll der 'IS' etwa 7000   jesidische Frauen und Kinder versklavt haben. Nur etwa die Hälfte ist bisher zurückgekehrt.

Im Kurdengebiet des Nordirak traf Kocher nach zwei Jahren ihren Mann Mahmood wieder, der sich kurdischen Milizen angeschlossen hatte, um in der Sindschar-Region gegen den 'IS' zu kämpfen. Die jüngsten Töchter Asma (4) und Basima (6) erkannten ihren Vater nicht. "Manchmal weine ich wie verrückt, aber nie vor den Kindern", sagt Kocher. "Ich bin nicht mehr normal. Die Ärzte haben mir gesagt, dass mir keine Medizin helfen kann, weil ich zu viel nachdenke."

Irak, totaler Blick auf das jesidische Flüchtlingslager Sar-Dashte auf dem Plateau des Mount Sinjar (DW/S.Petersmann)

Jesidisches Flüchtlingslager auf dem Plateau des Mount Sindschar.

Der vergessene Berg

Seit ihrer Wiedervereinigung leben sie auf dem Mount Sindschar. Hier oben, in der kargen Bergwelt, harren noch immer rund 2000 Familien bei Wind und Wetter in Zelten aus - aus Angst, und weil sie nicht wissen, wo sie hinsollen. Das sind geschätzt mehr als 10.000 Menschen. Im August 2014 war es das Schicksal der verzweifelten Jesiden auf dem Berg, das US-Präsident Barack Obama veranlasste, Luftangriffe gegen den 'IS' im Irak anzuordnen. Deutschland entschloss sich, Waffen und Munition an die kurdischen Peschmerga im Nordirak zu liefern. Heute, nach dem militärischen Sieg über das sogenannte Kalifat, hat die Welt den Berg und seine Menschen vergessen. Mehr als 200.000 irakische Jesiden sind geflohen – in die großen Flüchtlingslager bei Dohuk in der autonomen Region Kurdistan oder Richtung Europa. In der Region Sindschar sind bis heute fast 70 Massengräber entdeckt worden.

Kocher und Mahmood haben von einer Hilfsorganisation 20 Schafe bekommen, damit bestreiten sie ihren Lebensunterhalt. Für die Mädchen sind die Tiere auch Spielgefährten, die für Ablenkung sorgen. Die Familie leidet keinen Hunger. Im Zeltlager gibt es sogar einen Dieselgenerator und einen Fernseher. Doch die Vergangenheit ist allgegenwärtig. Kocher schiebt nach dem Mittagessen unvermittelt den linken Ärmel ihrer 10-jährigen Tochter Zhiyan hoch und zeigt auf ein paar grobe Buchstaben unter der Haut. "Ich habe versucht, den Kindern mit einem Nagel und Asche ihre Namen einzutätowieren, damit sie nicht vergessen, wer sie sind." Die 'IS'-Leute hätten Kinder zum Islam zwangskonvertiert und ihnen anschließend neue Namen gegeben. "Aber dann hat der Aufpasser gedroht, die Arme meiner Kinder abzuhacken." Zhiyans Name ist nur halb fertig.

Jeside Mahmood mit seiner Tochter Zhiyan beim Schafe hüten (DW)

Ehemann Mahmood und Tochter Zhiyan hüten Schafe.

Keine Versöhnung

Südlich des Berges soll es noch versprengte 'IS'-Zellen geben. Entsprechend hoch ist die Zahl der Checkpoints. Rambusi, das Heimatdorf der Familie, ist über die Serpentinenstraße mit dem Auto in einer knappen Stunde zu erreichen. Hier hatte die Familie bis zum August 2014 ein schönes, großes Haus, in das alle Ersparnisse geflossen waren. Heute ist das Dorf menschenleer. Viele Häuser sind zerstört - vom 'IS' gesprengt oder bei amerikanischen Luftangriffen getroffen.

Mahmood und Kocher fahren nur noch selten hin, um im Schutt nach Kleidung und Erinnerungsstücken zu suchen. "Die Zerstörung ist egal", sagt Kocher. "Was sie mit unseren Frauen und Mädchen machen, das ist das schlimmste. Wie sie sieben- oder achtjährige Kinder einfach an ein Dutzend Männer weiterreichen. Wenn ein 10-jähriges Mädchen dann schwanger wird, das ist doch das schlimmste, oder?" Zu den Tätern hätten auch muslimische Nachbarn gehört, bekräftigt sie mehrfach. Eine Versöhnung im Dorf Rambusi ist für sie unvorstellbar.

Rivalisierende Milizen

Oben, im jesidischen Zeltlager auf dem Berg, hat Mahmood seine Kalaschnikow griffbereit. Die Angst vor dem nächsten Angriff sitzt tief – trotz der allgegenwärtigen Checkpoints. Wem sollten die Jesiden vertrauen? Die Region strotzt heute vor Waffen. Sindschar ist zwischen der irakischen Zentralregierung und der kurdischen Regionalregierung umstritten. Auch zwischen rivalisierenden Kurden hat es Kämpfe gegeben. Im Grenzgebiet zu Syrien sind verschiedene Gruppen aktiv, neben den Peschmerga auch die kurdischen Kämpfer der PKK und der YPG, gegen die die Türkei kämpft. Die neue starke Kraft im Sindschar ist die schiitische Hashd al-Shaabi Miliz, die vom Iran unterstützt wird. Die kleine Minderheit der Jesiden ist gefangen in einem großen nationalen und regionalen Machtkampf.

Irak, die Jesidin Kocher besucht ihr zerstörtes Haus im Dorf Rambusi im Nordirak (DW/S.Petersmann)

Kocher besucht ihr zerstörtes Haus in Rambusi.

Kocher, Mahmood und die Kinder haben sich schon vor einiger Zeit für ein Hilfsprogramm beworben, das ihnen die Ausreise ins ferne Australien erlauben würde. Sie harren aus, um ihre Vermissten nicht aufzugeben. Noch immer kehren vereinzelte Jesiden aus der Versklavung zurück, oft freigekauft für mehr als 10.000 US Dollar mit Hilfe von Menschenschmugglern. Auch Kocher und Mahmood haben solche Menschenschmuggler kontaktiert, bisher ohne Erfolg. "Wenn meine Kinder mit Gottes Hilfe zurückkommen, werden wir den Irak sofort verlassen", sagt Kocher. "Wir sind fertig mit diesem Land."

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